Leben bis zuletzt

17. September 2026 Mehr

Wie wollen wir im Alter wohnen – und vor allem: Wie wollen wir leben, wenn die Erinnerungen langsam verschwinden? Mit Furuset Hageby haben die Architekturbüros NORD Architects und 3RW Arkitekter im Nordosten Oslos ein Demenzdorf geschaffen, das Pflege neu denkt: nicht als Institution, sondern als Nachbarschaft. Das Projekt zeigt, wie Architektur Orientierung, Würde und Selbstbestimmung ermöglichen kann – und warum Pflege künftig Teil des öffentlichen Lebens werden muss.

 

 

Pflegeheime gehören meist zu jenen Gebäudetypologien, die man lieber verdrängt. Zu funktional, zu effizient organisiert, zu weit entfernt vom Alltag. Gleichzeitig steht Europa vor einer Realität, die genau diese Architektur überdenken muss: Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt dramatisch und klassische Institutionen stoßen sozial wie wirtschaftlich zunehmend an ihre Grenzen. Die Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur, wie Menschen gepflegt werden, sondern auch, wie sie wohnen wollen, wenn Pflege notwendig wird.

 

 

Im Osloer Stadtteil Furuset geben NORD Architects und 3RW Arkitekter darauf eine bemerkenswert konsequente Antwort. Mit Furuset Hageby ist kein klassisches Pflegeheim entstanden, sondern ein kleines Dorf für 112 Bewohner mit Demenz. Straßen, Plätze, Höfe, Gemeinschaftshäuser und Gärten ersetzen hier lange Krankenhausflure und zentrale Kontrollstrukturen. Das Projekt wurde Anfang 2026 mit dem renommierten DOGA Award ausgezeichnet – erstmals in der Geschichte dieses norwegischen Architektur- und Designpreises erhielt damit ein Pflegebau die höchste Auszeichnung.

 

 

Die Gartenstadt als Pflegekonzept

Der Name ist Programm: „Hageby” bedeutet Gartenstadt. Und genau als solche funktioniert das Projekt. Anstelle eines monolithischen Großbaus gliedert sich Furuset Hageby in mehrere Häuser unterschiedlicher Identität, die durch Wege, Höfe und gemeinschaftliche Funktionen miteinander verbunden sind. Die Architektur orientiert sich bewusst an der Typologie eines Dorfes – mit allem, was dazugehört: Ein Restaurant, eine Bibliothek, ein Friseursalon, ein Kulturhaus, ein Lebensmittelgeschäft, ein Fitnessraum und eine Arztpraxis liegen entlang einer zentralen Dorfstraße und machen den Alltag vorhersehbar und vertraut.

 

 

Der entscheidende Unterschied zu klassischen Pflegeeinrichtungen liegt jedoch weniger im Programm als in der dahinterstehenden Haltung. „Von Beginn an war es unser Ziel, uns von der Typologie traditioneller Institutionen zu lösen und stattdessen eine Umgebung zu schaffen, die im Alltag verankert ist“, erklären die Architekten. Menschen mit Demenz sollen hier nicht verwahrt werden, sondern trotz zunehmenden Pflegebedarfs möglichst selbstverständlich weiterleben können.

Dafür wurde das Projekt konsequent an menschlichen Maßstäben ausgerichtet. Die Bewohner leben in kleinen Gruppen von jeweils acht Personen mit gemeinsamer Küche und Wohnbereich. Jede Wohneinheit verfügt über direkten Zugang zu einem der drei Sinneshöfe, die sich durch ihre Vegetation und Atmosphäre unterscheiden. Tageslicht, Pflanzen, Materialien und akustische Qualitäten wurden gezielt gewählt, um Orientierung und Ruhe zu fördern. Gleichzeitig besitzt jeder Bewohner ein privates Zimmer mit Blick ins Freie.

 

 

Besonders bemerkenswert ist der ringförmige Dachgarten, der sich über die niedrigeren Gebäudeteile erstreckt. Der Weg führt immer wieder automatisch zum Ausgangspunkt zurück, es gibt keine Sackgassen oder Irritationen. Bewohner können alleine spazieren gehen, in ihrem eigenen Tempo und ohne Begleitung durch das Pflegepersonal. „Diese Möglichkeit zur selbstbestimmten Bewegung zu erhalten, ist aus unserer Sicht eine der würdevollsten Dinge, die eine Pflegeumgebung bieten kann“, erklären die Architekten von NORD Architects und 3RW Arkitekter.

 

 

Leise Architektur, klare Wege

Die Architektur arbeitet dabei nicht mit spektakulären Gesten, sondern mit intuitiver Orientierung. Farbcodierte Gebäude – wie das rote Gemeinschaftshaus oder die grüne Verwaltung – dienen als leicht erkennbare Landmarken. Die Wegebeziehungen bleiben übersichtlich und die Außenräume sind stets sichtbar. Gleichzeitig existieren interne Verbindungen für das Personal, sodass es sich effizient durch das Gebäude bewegen kann, ohne die wohnliche Atmosphäre zu beeinträchtigen.

Der Betrieb selbst zeigt, dass diese räumlichen Entscheidungen weit über reine Ästhetik hinausgehen. Bereits im ersten Jahr berichtete das Pflegepersonal von reduziertem Medikamenteneinsatz, besserem Schlaf und weniger Unruhe bei mehreren Bewohnern. Die Architekten verstehen das Projekt deshalb als Beispiel dafür, dass Atmosphäre, emotionale Sicherheit und soziale Teilhabe keine Ergänzungen zur Pflege sind, sondern Teil der Pflege selbst. „Die Mitarbeitenden beschreiben die Bewohner als Menschen, die ‚mit angezogenen Schuhen sterben‘ – aktiv und würdevoll bis zuletzt, statt lange terminale Phasen durchlaufen zu müssen.“

 

 

Offen zum Quartier

Dabei ist Furuset Hageby weit mehr als nur ein spezialisiertes Gesundheitsprojekt. Der Standort im multikulturellen Nordosten Oslos war von Anfang an Teil der Entwurfsidee. Die Gemeinschaftsbereiche und öffentlichen Nutzungen richten sich bewusst an das Quartier. Angehörige, Nachbarn und Besucher sollen das Dorf selbstverständlich mitnutzen können. Restaurant, Kulturhaus und Außenbereiche sind deshalb nicht nur Infrastruktur für die Bewohner, sondern auch soziale Schnittstellen zur Stadt. Pflege wird hier nicht isoliert, sondern als Teil des öffentlichen Lebens verstanden.

 

 

Gerade darin liegt die eigentliche Relevanz des Projekts. Während viele Pflegeeinrichtungen nach wie vor abgeschlossene Systeme sind, formuliert Furuset Hageby eine neue Typologie, die die Bereiche Wohnen, Nachbarschaft und Gesundheitsarchitektur verbindet. Das Projekt knüpft zwar an internationale Vorbilder wie das niederländische Demenzdorf Hogeweyk an, verfolgt jedoch einen weiterentwickelten Ansatz: Es handelt sich nicht um eine abgeschlossene Parallelwelt, sondern um ein offenes, urban eingebettetes Quartier.

 

 

 

Sozial und ökologisch

Auch in puncto Nachhaltigkeit setzt das Projekt durchaus Maßstäbe. Furuset Hageby ist Teil des norwegischen FutureBuilt-Programms zur Reduzierung von CO2-Emissionen im Städtebau und wurde mit BREEAM Excellent zertifiziert. Verwendet wurden Materialien mit geringem CO2-Fußabdruck sowie schadstoffarme Oberflächen.

Vor allem aber zeigt das Projekt, dass Architektur im Gesundheitsbereich künftig anders gedacht werden muss. Nicht als hochoptimierte Maschine, sondern als Umgebung, die Alltag, Selbstständigkeit und soziale Beziehungen ermöglicht. Die Architekten formulieren es wie folgt: „Die bedeutungsvollsten Pflegeumgebungen sind nicht die am stärksten kontrollierten, sondern jene, die innerhalb eines sicheren Rahmens das facettenreichste Alltagsleben ermöglichen.“

 

Furuset Hageby
Oslo, Norwegen

Bauherr: Oslo Municipality c/o Omsorgsbygg Oslo
Planung: NORD Architects / 3RW Arkjtekter
Team: Johannes Molander Pedersen (NORD), Sixten Rahlff (3RW2)
Statik: RambøII Norge

Bebaute Fläche: 7.020 m²
Bruttofläche: 13.300 m²
Nutzfläche: 11.750 m²
Wettbewerb: 01 / 2018
Planungsbeginn: 05 / 2020
Baubeginn: 12 / 2021
Fertigstellung: 01 / 2024
Baukosten: 290 MNOK

www.nordarchitects.dk
www.3rw.no

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Adam Mørk

Kategorie: Allgemein