Zwang / Förderung zu nachhaltigem Planen und Bauen?

25. März 2009 Mehr

Resümee der Podiumsdiskussion der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

Am 23. März, traf sich auf Einladung des Ausschusses Nachhaltigkeit der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (bAIK) ein hochkarätiges Podium im ERSTE Bank Event Center, um über die Regulierungsmöglichkeiten zur Förderung von nachhaltigem Planen und Bauen zu diskutieren.

Dabei erörterten die PodiumsteilnehmerInnen mit Moderator Peter Huemer die zentrale Frage, ob es zielführender sei, mit Förderungen sanfte Anreize für nachhaltiges Bauen zu schaffen oder gesetzliche Vorschriften als Zwang einzusetzen.

In seinen Begrüßungsworten definierte Peter Maydl, Vorsitzender des bAIKAusschusses Nachhaltigkeit, den Begriff Nachhaltigkeit als die „langfristig verträgliche, ganzheitliche Betrachtung von Bauaktivitäten“. Sie müsse ökologisch, ökonomisch und sozio-kulturell umsetzbar und auf den gesamte Lebenszyklus eines Bauwerkes bezogen sein. Die Europäische Kommission setzt laut Maydl verschiedene Aktivitäten zur Stärkung dieses Bereichs und verbindet diese auch mit Zwangsmaßnahmen wie der Energieeffizienzrichtlinie.

Thomas Malloth, Obmann des Fachverbandes der Immobilien- und Vermögenstreuhänder, sprach sich stark für eine Wohnrechtsreform und für
Wohnbauförderungen nach dem Modell der Wiener Stadterneuerung aus. Für WohnungseigentümerInnen sei Nachhaltigkeit bisher kaum ein Thema – unter anderem, weil der Zugang zu Förderungen durch bürokratische Hürden verstellt sei. Gesetzlicher Zwang sei hier nicht das richtige Mittel – eher sollte es attraktive Anreizmodelle, vor allem für die Sanierung des Bestandes, geben. Bisher sei die Sanierungsordnung sehr einseitig primär auf genossenschaftliche Gebäudetypen ausgerichtet. Das „Bewusstseinsmanko“ bei EigentümerInnen sei primär ein „Geldbörsenproblem“.

Wolfgang Amann, Geschäftsführender Gesellschafter des Forschungsinstitutes I•IBW, legte dar, dass der bestimmende Rahmen für Nachhaltiges Bauen die Emissions-Richtlinien des Kyoto-Protokolls (bis 2012) seien sowie seines potentiellen Nachfolgerprotokolls, welches im Dezember 2009 in Kopenhagen verhandelt wird. In diesem würden noch strengere Grenzwerte festgelegt. Der Bausektor müsse über kurz oder lang ohne fossile Energie auskommen. Das „Ökoland Österreich“ sei beim Versuch der Umsetzung dieser Ziele an vorletzter Stelle, einzig gefolgt von Luxemburg. Laut Amann ist der Gebäudebereich für ein Sechstel der Gesamtemissionen verantwortlich – Energiesenkungen seien bei Neubauten leicht ohne Komfortverlust zu realisieren. In den kommenden Jahrzehnten, so Amann, würden Passivhäuser zum Mainstream. Kritisch sieht er die aktuelle wohnrechtliche Diskussion zu thermischen Sanierungen. Hier müsse Zwang im Sinne von „Dringlichkeit“ nicht den BauträgerInnen und ArchitektInnen vermittelt werden, sondern den politischen EntscheidungsträgerInnen.

Herbert Madejski, Planungs- und Verkehrssprecher der FPÖ Wien, unterstrich, dass zumindest in Wien 87 Prozent der Menschen in Mietverhältnissen lebten und hier ein riesiges Potential bei Sanierung und Neubau existiere. Gesetze oder Förderungen allein seien unbedeutend, es komme auf die gesellschaftliche Akzeptanz an. Nachhaltigkeit dürfe nicht zum Selbstzweck verkommen oder für Eliten sein, sondern sollte auch soziale
Nachhaltigkeit, also leistbare Mietpreise für alle, beinhalten. Madejski sprach sich für eine Zwischenlösung aus, eine „bauordnungsbefreite Zone“ im Wohnbau, die Energie und Ressourcen spart ohne die Kosten für „100 Prozent Nachhaltigkeit“ an die BewohnerInnen weiterzugeben.

Christoph Chorherr, Grüner GR für Verkehr, Stadtplanung und Energie in Wien, bettete die eminente Bedeutung nachhaltigen Bauens in das aktuelle Emissions- und Ressourcenproblem ein. Die CO2-Emissionen stiegen trotz eingeschränkter wirtschaftlicher Tätigkeit, die Abhängigkeit von Gas nehme weiterhin zu. Die Trendwende solle man beginnen, wo es am leichtesten sei: bei der Eindämmung des Energieverbrauchs. Im nachhaltigen Bauen seien 90-95 Prozent Senkung möglich – was aber nicht unbedingt Mehrkosten für die BewohnerInnen bedeuten müsste. Dass die Akzeptanz in der Bevölkerung noch nicht gegeben sei, hält Chorherr für eine Mär und sieht Probleme eher bei den politischen EntscheidungsträgerInnen. Er sprach sich klar für Zwang aus und nannte drei mögliche Wege: Es müsse zum einen „intelligente Rahmenbedingungen“ für nachhaltiges Bauen geben – im Sinne von „Alles, was über Grenzwert X liegt, muss saniert werden!“ Weiters könnte man die Grundsteuer je nach der nachhaltigen Qualität der Häuser festlegen, die auf dem jeweiligen Gelände stehen. Zum dritten sollten nachhaltig errichtete Einfamilienhäuser steuerlich absetzbar sein, dann würden mehr BauherrInnen investieren.

Martin Treberspurg, Architekt und Professor für ressourcenorientiertes Bauen an der BOKU Wien, stellte drei praktische, gut funktionierende Nachhaltigkeitsprojekte vor, darunter die solarCity in Linz-Pichling. Die BewohnerInnen seien durchwegs von der Lebensqualität in Passiv- und Niedrigenergiehäusern begeistert. Für Treberspurg braucht es erst Zwang zur Förderung, bis eine kritische Masse an überzeugten privaten
BauträgerInnen erreicht ist, dann Zwang ohne Förderung. Politischer Druck sei nötig, denn Mietrecht, Raumordnungs- und Wohneigentumsgesetz müssten auch gegen den Widerstand von Lobbyisten angepasst werden.

Podium
Dr. Wolfgang Amann
Geschäftsführender Gesellschafter des Forschungsinstitutes I•IBW
LAbg. Mag. Christoph Chorherr
Grüner GR für Verkehr, Stadtplanung und Energie in Wien
LAbg. Dr. Herbert Madejski
Planungs- und Verkehrssprecher der FPÖ Wien
Mag. Thomas Malloth
Obmann des Fachverbandes der Immobilien- und
Vermögenstreuhänder
Univ. Prof. DI Dr. Martin Treberspurg
Architekt; Ressourcenorientiertes Bauen, BOKU Wien
Univ. Prof. DI Dr. Peter Maydl (Organisation und Leitung)
Vorsitzender des Kammerausschusses Nachhaltigkeit
Moderation: Dr. Peter Huemer, Journalist und Historiker

Nächsten Termine:
Montag, 18.05.2009 Nachhaltigkeit – ohne Ausbildung?
Mittwoch, 28.10.2009 Nachhaltigkeit – ohne Gebäudezertifizierung?

 

Copyright: Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten
Bild: bAIK/Günther Peroutka

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Kategorie: Allgemein