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architektur Ausgabe 02/2014

INTELLIGENTE FASSADE Die gecrashte Haut Dear Ginza Bldg. / Tokyo / amano design office inc. 38 Kaum ein anderes Gebäude ist so wechselhaft in seiner Erscheinung und auch irritierend im Kontrast zu seiner Nachbarschaft wie das ‚Dear Ginza‘ in einem Gebiet von Tokyo namens ‚Ginza‘. Eine gefaltete, geometrische Fassade lässt dieses Gebäude des japanischen Architekturbüros ‚amano design office‘ aus der Nachbarschaft herausstechen. Es liegt in einer unbedeutenden Parallelstraße der Hauptstraße in Ginza. Die es umgebenden Nachbargebäude wenden ihre Rückseiten in diese Seitenstraße. Wie so oft in Großstädten ist die Atmosphäre hinter einer Hauptstraße mit Hochhäusern nicht sehr anregend. So entsteht eine Stimmung, die Fußgänger in keiner Weise willkommen heißt. Fotos: Nacasa & Partners Inc. Der Klient des Architekturbüros war ein Immobilienentwickler, der nach langer Suche ein Grundstück in der zweiten Reihe erworben hatte, und dort etwas Großartiges realisiert haben wollte. Das Briefing für den Auftrag erforderte eine Architektur, die Besucher in diesen ‚toten Winkel‘ ziehen sollte. Und das Designbüro wollte ein Objekt entwerfen, das einen ‚befremdenden, leicht irritierenden‘ Eindruck hinterlassen sollte. Von innen her gesehen bietet die Aussicht einen beschränkten optischen Reiz - der Ausblick besteht aus Hochhausrückseiten und den, für japanische Verhältnisse bildbestimmenden, Telefon- und Stromleitungen. Wenn man den Blick von innen nach außen betrachtet, und diesen einfach mit Glasscheiben und Öffnungen (in welcher Form auch immer) gestaltet hätte, erscheint diese Möglichkeit ziemlich sinnlos, da eben die Aussicht trostlos ist. Die Architekten entwickelten deshalb eine zweischichtige Vorhangfassade. Der nachhaltig gestaltete Entwurf besteht aus einer gläsernen Ganzglasfassade sowie einem grafisch behandelten, gestanzten Aluminiumblech in der zweiten, äußeren Ebene. Die irreguläre Form der Paneele wurde mittels eines Computeralgorithmus bestimmt. Das äußere Bild der Nachbarhäuser wird durch meist horizontale und vertikale geometrische Formen bestimmt und so erregt der Neubau durch seine anscheinende Willkür und Zufälligkeit die Aufmerksamkeit der Passanten. Die facettierte Aluminiumfassade hat eher den Anschein eines zerknüllten Zuckerlpapiers. Verschiedene Winkel und Formen der individuell gestanzten Paneele sind so entworfen, dass sie sich wiederum mit Standardteilen zusammenfügen. Das stellt einen minimalen Materialverlust sicher. Um den Eindruck der ‚Schwere‘ zu vermeiden, wählte man eine extreme Leichtkonstruktion - die viel Liebe im Detail erforderte - und verteilte ein abstraktes Blumenmuster darauf. Dieses Muster steht auch im Kontrast zu der ‚eckigen‘ Form der einzelnen Flächen und Paneele und macht das Ganze etwas ‚weicher‘. Eine LED-Beleuchtung ist innerhalb der doppelten Haut untergebracht und unterhält die vorbeigehenden Passanten mit einem ständig wechselnden Programm an Lichtstimmungen: Abhängig von der Jahreszeit und auch der Tageszeit, wechselt die Stimmung von Rot- zu Blau- und Grünschattierungen. u Ein Hochhaus mit einer Fassade wie ein zerknülltes Papier entwarfen die Architekten des amano design office für einen Klienten in Tokyo. Die doppelte Haut der Architektur hat viele Vorteile. Sie spart Energie, macht den Gebrauch von Vorhängen und Sichtschutz obsolet und wird zum Teil der Inneneinrichtung der Räume.


architektur Ausgabe 02/2014
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