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architektur Ausgabe 02/2014

licht Kettenreaktion Text & Bilder: podpod design Es ist ja kein Wunder, werden diese Bänder doch in allen Baumärkten feilgeboten, und auch online kann man sie mittlerweile unkompliziert und relativ günstig erwerben. Die sinkenden Preise scheinen im Gegenzug 72 eine immer schneller wachsende Menge an Lauf(kilo)metern zu generieren, die in der Sockelzone unserer Geschäftsstraßen kondensiert. Die Assoziation mit der überbordenden Flut privater Weihnachtsbeleuchtung kommt nicht von ungefähr, diese steht aber rein festlich und zweckfrei nur für sich, während eine funktionelle Auslagenbeleuchtung dem herbeigelockten Betrachter nicht den Blick auf das ausgestellte Handelsgut verwehren sollte. Kauf mich! Doch der Star eines Schaufensters ist nun einmal die Ware, und diese sollte nach Möglichkeit optimal zur Geltung gebracht werden - und Nichts sollte von ihr ablenken. Unsere visuelle Wahrnehmung ist stark aufmerksamkeitsgesteuert und orientiert sich immer am hellsten Objekt im Gesichtsfeld. Wenn es da helle LED-Punkte gibt – in unserem speziellen Fall sehr viele – zieht das fast alle Aufmerksamkeit auf sich, wenigstens für einen Moment. Der andere wesentliche Aspekt ist die Adaptation des menschlichen Auges: Diese beschreibt die Fähigkeit, sich in Echtzeit wechselnden Leuchtdichteunterschieden anzupassen. Man kann mit relativ geringen Beleuchtungsstärken stimmige Lichtsituationen schaffen. Sobald nur ein wesentlich hellerer Punkt im Gesichtsfeld ist, passt sich das Auge sofort an und die ganze Szene wirkt auf einmal unterbelichtet und recht flau. Wenn Licht vom Fachmann mit Können und Fingerspitzengefühl eingesetzt wird, wird es immer die Zielflächen beleuchten, aber man wird niemals direkt die Lichtquelle sehen. Das ist jedoch nicht immer leicht und manchmal muss man auch mit ein paar Kompromissen leben, besonders wenn der mögliche Betrachtungswinkel sehr groß ist. Spieglein, Spieglein … Selbst im sehr hochwertigen Retail- Segment passieren leider immer wieder Fehler: Wenn sich in einem Schaufenster mit hochwertigster Ware die einzelnen LED-Punkte in den ausgestellten Objekten oder den Hochglanzflächen im Raumhintergrund spiegeln, fragt man sich, ob da ein Lichtplaner zugezogen wurde, oder nur dem Tischler gesagt wurde, dass er sich auch um das Licht kümmern soll. Natürlich muss von Fall zu Fall untersucht werden, ob die Reflexionen stören oder eher doch die Wertigkeit unterstreichen, wie etwa im Fall von Juwelen. Ausstrahlung Aus sehr vielen Schaufenstern – Tendenz stark steigend – leuchten die LED-Punkte sogar heraus. Nicht nur säumt ein äußerer Rahmen die Glasscheibe, nein, es gibt oft einen Zweiten, weiter innen liegenden und sogar Bänder entlang von Regalbrettern und den Konturen von Sockelquadern. Ein anderes Phänomen kann man auch oft beobachten: die schon zu Zeiten der Leuchtstoffröhre gerne verwendete Ausleuchtung der Schauvitrinen über die gesamte Höhe von links und rechts. Das funktioniert ja auch gut, wenn die Lampen nach vorne abgeschirmt werden. Bei einer wenig sorgfältigen Umrüstung auf LED-Bänder (direkte Verklebung auf die Vitrinenprofile) wird vergessen, dass diese auch seitlich abstrahlen. Und das kann man nur durch ein korrekt bemessenes Montageprofil in den Griff bekommen. Nutzlicht – Schmutzlicht Nun kann man sich fragen, was uns das überhaupt angeht. Wenn LEDs mit bloß geringer Leuchtdichte verwendet werden, ist das ein tendenziell geschmackliches Problem – mit möglichen Auswirkungen auf den Geschäftserfolg. Wenn aber immer hellere Power-LED-Bänder direkt aus den Shops heraus in den Straßenraum leuchten, so wirft das nicht nur sicherheits- und gesundheitsrelevante Fragen wie z. B. die Blendung von Verkehrsteilnehmern oder Augenschädigungen, insbesondere bei kleinen Kindern auf. Ganz abgesehen von umweltrelevanten Fragen, wie der Emission in den Nachthimmel. Doch möglicherweise ist es auch bloß ein stiller Wettbewerb, der da zwischen benachbarten Geschäftsleuten mit der feinen Klinge des Lichts ausgefochten wird und der dann irgendwann abgelöst wird von einem anderen Arsenal des Schreckens. In letzter Zeit schießen sie überall wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden: LED -Bänder, die meist ohne Konzept und nicht fachgerecht die Auslagen der Stadt zupflastern.


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