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25 www.architektur-online.com architekturszene liegt in der Geschichte Österreichs. Zur Zeit Metternichs verlagerte sich das Leben in die Höfe sowie den privaten Raum. Ihre Freizeit verbrachte die Bevölkerung zumeist im privaten Umfeld, da öffentliche Plätze noch lange Zeit mit Bespitzelung in Verbindung gebracht wurden. Dieses Erbe ist im Wiener Ortsbild auch heute noch verankert. Mittlerweile haben sich Experten mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein so bedeutendes Gebäude wie eine Hochschule auch das Ortsbild prägen sollte. Immerhin wäre der hohe Stellenwert der Wiener Universitäten dann auch für Touristen klar erkennbar. Durch die Planung einer Fläche mit dominanten städtebaulichen Komponenten, wie sie auf dem Areal der WU Wien in Leopoldstadt zu finden sind, kann eine Bildungseinrichtung zu einer Landmark werden. Allerdings ist der Preis eines künstlich geschaffenen, vom Rest der Stadt getrennten Campus, eine fehlende Durchmischung des Publikums. Auch das heutige, wenngleich moderne Gelände der Wirtschaftsuniversität sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass dieses überwiegend von Personal und Studierenden frequentiert wird. Ein verstecktes Vorzeigeprojekt für Europa? Vom architektonischen Standpunkt aus hat die Fläche der WU im 2. Wiener Gemeindebezirk durchaus prägenden Charakter, weshalb diese als europäisches Prestigeprojekt gehandhabt wird. „Internationalität, Innovation, Vielfalt.“ Mit diesen Schlagworten wirbt der Campus, dessen Masterplan aus der Hand des Wiener Unternehmens BUSarchitektur von Architektin Spinadel stammt. An der Realisierung des Vorhabens waren insgesamt sechs Büros beteiligt, deren Entwürfe sich in Form farbenfroher und massiver Solitäre auf dem Campus manifestieren. Laut Architektin Laura Spinadel findet so mit dem Projekt des Campus WU eine Neuerfindung des Standortes zwischen Wiener Prater und Messegelände statt. Bereits seit Baubeginn im Jahr 2012 ist der WU-Campus in den Medien ein häufiges Thema. Die bisherigen Meldungen fielen aufgrund baulicher Mängel aber nicht immer positiv aus - Schlagzeilen machten dabei vor allem die losen Betonplatten der Hausfassaden. Das Hauptproblem des künstlich geschaffenen Studentenviertels ist aber nicht etwa in den losen Fassaden und herabstürzenden Betonplatten zu finden. Wer sich die Lage und Beschaffenheit des Areals ansieht, bezweifelt, ob die bebaute Fläche tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Umgebung hat. Deutlich wird dies bei der Gestaltung der Freiflächen und Durchgänge. Während beim Grünraumkonzept zwar von einer Flanier- und Begegnungszone die Rede ist, lädt der öffentliche Raum im Campus nur begrenzt zum Verweilen ein. Sitzgelegenheiten sind lediglich in den Eingangsbereichen vorhanden. Geschützte Aufenthaltsräume, die zum Ausruhen in den Gebäuden einladen, befinden sich in privater Hand. Sitzgelegenheiten sind oftmals Teil von Lokalitäten und setzen somit eine Konsumation der Studenten voraus. Recht sparsam gingen die Planer auch bei der Bepflanzung des Areals vor. Grünräume sind zugunsten einer weitläufigen Betonwüste sehr spärlich gesät. In Anbetracht dessen, dass auf einer Fläche dieses Ausmaßes die Realisierung großer Rasenflächen möglich gewesen wäre, erfüllt das Projekt die Anforderungen der heutigen Zeit nicht. Zu kritisieren ist des Weiteren auch, dass trotz fehlender Parkanlagen im Areal keine räumliche Verbindung zum grünen Prater hin besteht. Obwohl ein Campus, wie die WU Wien, durchaus eine dominante prägende Komponente darstellen könnte, ist sie vom übrigen Teil der Stadt getrennt. Trotz ihrer beachtlichen Größe ist die Fläche beim Wiener Prater weitgehend versteckt – nach außen hin bilden die hohen Mauern der Bauwerke eine Grenze, und - bis auf Studierende und Lehrkräfte - verirren sich nur wenige Personen in das Areal. Unbeteiligten Passanten bleibt die Existenz der imposanten Fläche nahezu ganz verborgen. Dabei erweist sich selbst die auf der Homepage der Wirtschaftsuniversität angepriesene Tatsache, dass „Anrainer und Besucher auf dem Campus ausdrücklich willkommen“ sind, als wenig zielführend. Soll der Campus WU tatsächlich zu einem Vorreiterprojekt für Europa werden, bedarf es sowohl einer Überarbeitung der Freiflächen als auch der Schaffung sichtbarer Zugänge. Auf diese Weise hätte das Areal der Wirtschaftsuniversität durchaus Chancen, zu einem prägenden Wiener Grätzel zu werden. © Gugerel © Böhringer Friedrich


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