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www.architektur-online.com EXPO 2015 29 Grätzelzelle 1991 entwickelte Michael Grätzel, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL), eine neuartige Solarzelle, die wesentlich umweltverträglicher und dazu auch noch kostengünstiger ist. Inspiriert wurde er bei seiner Erfindung von der Fotosynthese der Pflanzen: Anstatt dass ein Halbleitermaterial wie Silizium das Sonnenlicht absorbiert und in elektrischen Strom umwandelt, enthält die sogenannte Grätzelzelle einen Farbstoff, der wie das Chlorophyll bei Pflanzen das Licht einfängt und in Energie umwandelt. Hierzu werden oft die natürlichen Farbstoffe von Brombeeren, Safran oder Rote Bete genutzt, aber auch künstliche Farbstoffe kommen zum Einsatz. Während bei Pflanzen das Sonnenlicht in chemische Energie und später in Kohlenhydrate umgewandelt wird, erzeugt die Grätzelzelle mithilfe der Farbstoffmoleküle elektrischen Strom. Gibt es Möglichkeiten, solche Projekte konkret für Stadtplanung, Architektur anzuwenden? Oder kommen wir da nicht mit dem Profitdenken in Konflikt – ein Wald bringt ja keinen unmittelbaren Gewinn? Ich kann ja – im Gegensatz zu einem Büro- oder Wohnhaus – keine Miete verlangen. Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, alles verdinglichen zu können. Jede, und sei sie noch so wenig greifbar, Qualität kann eine Verdinglichung erfahren und einen monetären Wert zugeordnet bekommen. In unseren Städten werden wir bis 2020 einen Temperaturanstieg von bis zu 2 Grad erleben. Diese 2 Grad könnten wir mit 10% zusätzlichem Grün kompensieren. Wenn wir aber diesen Platz (im Sinne von ausgedehnten Parks) nicht haben, wäre es eine Möglichkeit, solche oder ähnliche Konzepte zu entwickeln. Hier wird auf engerem Raum eine höhere Performanz als auf einer normalen Grünfläche erzeugt. In dem Bereich hybrider Gebäude, Natur – Architektur, kann eine Art Innovationslandschaft entstehen. Dieser Pavillon kann auf jeden Fall zum Nachdenken anregen und über das sinnliche Erleben eine Vorstellung von Stadt oder städtischer Qualität erzeugen. Stadt und diese Atmosphäre müssen kein Widerspruch mehr sein. Das findet aber mehr auf der Gefühlsebene statt? Ja, es ist erstaunlich, wie die Besucher reagieren, zuerst staunen sie, dann versuchen sie zu denken, zu verstehen, was mit ihnen gerade passiert. Es ist eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit dem, doch architektonisch sehr einfach gehaltenen, Raum. Wir wollten nur auf der Sinnesebene kommunizieren. Wenn nach dem Ende der EXPO der Pavillon als einmaliges sinnliches Erlebnis abgebaut wird und verschwindet, war er dann nicht auch nur eine Täuschung, ein Feigenblatt von oder für Politik, Wirtschaft etc.? Ja, das stimmt! Ich könnte mir allerdings vorstellen und hoffe, dass künftig über dieses Projekt bei den politischen Entscheidern ein Bewusstsein für die Möglichkeiten der Architektur entsteht. Man traut der Architektur immer zu wenig zu. Ich glaube, dass durch das Erleben eines derartigen Projektes - und das werden viele Politiker - in Zukunft eine Änderung bei deren Einstellung gegenüber Wissenschaft, Forschung und Realisierung eintreten wird. Das wird nicht von heute auf morgen passieren, aber mit diesem Projekt öffnet sich eine Tür, denn der Pavillon hat viele verschiedene Ebenen von Wahrheiten.


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