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architektur FACHMAGAZIN 66 Öffentliche Bauten Laura Andreini, Architektin und Mitbegründerin des Büros Archea Associati, das unter anderem den Bau für die Grape EXPO in Yanqing, China entworfen hat, war anlässlich der Jury des Brick Award 2016 von Wienerberger in Wien und Peter Reischer nutzte die Gelegenheit, um mit ihr ein Gespräch zu führen. Laura, welche Frage hat man Ihnen - als Architektin - noch nie gestellt? Wie sehr lieben Sie Ihre Arbeit! Und wie sehr lieben Sie Ihre Arbeit? Sehr, weil ich glaube, dass Architektur keine Arbeit ist, sondern ein Leben. Wenn man sich entscheidet, Architektur zu studieren, ist das eine Entscheidung für ein Leben, für eine Vision. Das Gehirn, das Denken arbeitet ab dann anders als bei den meisten Menschen. Wenn man aufsteht, isst, in der Stadt herumgeht denkt man immer an den Raum, Dimensionen, Harmonie. Man hat immer eine Verantwortung für die Menschen - die Mission ist eben, für die Menschen zu arbeiten. Das ist aber heute nicht leicht: Als Architekt ist man oft mit diesen fremdartigen, ikonenhaften Bildern der Architektur konfrontiert, die scheinen immer, als ob sie NICHT für Menschen, für das Leben gemacht wären. Wenn Sie nun ein Projekt in China, wie die „Grape EXPO“ in Yanqing bauen, haben Sie da nicht manchmal Probleme mit dieser doch so komplett (nach europäischen Gesichtspunkten) fremden, andersartigen Kultur und den Auffassungen? Ja, das ist sehr verschieden zur Arbeit in Italien. Wir haben neben unseren drei Büros in Italien auch ein Büro in China, denn es ist sehr wichtig, sich mit lokalen Kulturen und Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Die Unterschiede sind eine Herausforderung, unser eigenes Wissen zu erweitern. Aber es ist sehr schwierig! Ist nicht immer die Gefahr, dass, wenn wir Europäer in China arbeiten, wir dazu neigen, unsere Architektur und unsere Auffassung dorthin zu exportieren? Ja, aber die Sensibilität der jungen chinesischen Architekten ist sehr hoch. Viele haben in Europa und den USA studiert. Die haben einen viel offeneren Geist als die Menschen vor zehn Jahren. Es gibt eine Menge guter kleiner Büros in China, die neue Technologien beherrschen, die Landschaft als Wert erkennen und auch schützen. In Italien haben wir eine große Krise, hier will niemand etwas tun. In China gibt es eine andere, positive Energie. Dort wollen die Menschen etwas, es ist unglaublich, mit welchem Willen und Energie sie ein Projekt angehen, zum Beispiel haben sie die ganze Grape EXPO in nur 13 Monaten gebaut. Das ist die Kraft Chinas - ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber es ist unbeschreiblich. Als Architekt hat man eine große Verantwortung und in China kann man tun, was man will. Deshalb kann dort auch sehr, sehr schlechte Architektur entstehen. Das ist ein Problem. Sollen wir andere Kulturen lehren oder von ihnen lernen? Sowohl als auch! Sehen Sie die Globalisierung als eine Gefahr für die Architektur? Ich bemerke immer öfter, dass man nicht mehr erkennen kann, ob es sich um einen Airport, ein Stadion, ein Museum oder einen Shoppingtempel handelt? Sie schauen alle gleich aus, das bemerke ich auch. Globalisierung ist teilweise gut für uns, zum Beispiel der allgemeine Informationszugang. Aber China hat seine Geschichte, Italien auch. Vielleicht ist es wichtig, seine eigene Geschichte weiter zu verfolgen, denn jeder Ort hat seine eigene Identität. Ist die Globalisierung nun eine Gefahr? Die Antwort ist weder ja noch nein. Globalisierung an und für sich ist nicht gefährlich. Aber dasselbe Gebäude in Amerika und China - das ist nicht gut, Architektur ist keine Kaffeetasse. Es ist ja möglich Wissen und Kultur zu teilen, aber jedes Land, jeder Ort und jede Architektur haben ihre eigene Identität. Warum gibt es fast keine Auftraggeber mehr, die nicht nur Profit aus einer Architektur schlagen, sondern einen nicht-physischen Gewinn oder Inhalt in der Architektur wollen? © Wienerberger


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