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8 architektur FACHMAGAZIN Start Natürlich stellt sich die Frage, warum die Menschen in diesem Gebiet nicht schon längst, entweder auf widerstandsfähigere Bauweisen umgestiegen sind oder das Land verlassen haben. Die Spurensuche führt dabei auch in die Psyche derjenigen, die eben nicht aufgeben und immer wieder ihre Häuser in der gleichen - für sie fast archetypischen Art und Weise - aufbauen. In Anbetracht dieser Form des ‚Wohnens‘ ist die Katastrophe ein Paradoxon, das einerseits die soziale Gemeinschaft ständig neu durch ihre Aktivität im Überlebenskampf und Wiederaufbau festigt, andererseits ist dieser fragile Gesamtzustand ein immerwährendes ‚Versöhnen‘ und ‚Angleichen‘ an die Vorstellung eines Ganzen in seiner zeitlichen Kontinuität. Das Fehlen jeglicher Lernfähigkeit ruft einen ständigen Kampf der Kreativität hervor - Bastelei als Verteidigung gegen die feindliche Übernahme. Es tauchen Assoziationen zu den von Marc Augé erkannten ‚Nicht-Orten‘ auf, allerdings sind diese hier noch eindeutig anthroposophisch besetzt. Der Starrsinn, die eigene Existenz mit der Besetzung eines Stück Landes - das immer wieder der Zerstörung und Verwüstung preisgegeben ist - zu verknüpfen, grenzt an den Mythos des Prometheus, der göttliche Dinge wollte, und die ständigen Bemühungen um den Wiederaufbau erinnern an die Geschichte des Sisyphos. Das Haus selbst ist ein widerspenstiges, ruinöses Symbol des ständigen Kampfes mit den Kräften der Natur. Der Besuch dieses Ortes der Zerstörung inspirierte den Künstler, Lösungen für das Problem der Bewohner zu suchen. González ‚erfand‘ eine Art Bunkerarchitektur, die den Kräften der Natur widerstehen könnte - und er verpackte sie in surrealistische, fotografische Manipulationen. Er kombiniert die idyllisch-fantastischen Landschaften mit den Zeichen urbaner Produktion. Seine Faszination für Architektur und deren soziale Bezüge - etwas, das sich durch sein gesamtes Oeuvre zieht - findet ihren Ausdruck in bewohnbaren Behausungen, die wie futuristische Festungen aus Eisen und Stahlbeton aussehen. Sie ersetzen die fragilen, unstabilen Holzbauten und versuchen - aus der Sicht des Künstlers - Antworten für die Probleme der Menschen in dieser Region zu geben. Sowohl die Höhe der Sturmwellen, wie auch die unberührte und exponierte Umgebung bestimmen die Position und Art seiner architektonischen, künstlerischen Interventionen. Mit teils fließenden Formen und teils konkreten Geometrien fügt er sie mit einer Selbstverständlichkeit in die Landschaft ein. Durch die Abwesenheit von Touristen projizieren sie ein gewisses Trugbild, eine Phantasmagorie, die dieser Enklave einen hypnotischen Charakter verleiht. Andererseits macht die Übertreibung und Überhöhung manch ihrer Konstruktionen sie zu einem magnetischen, fast totemhaften Objekt auf einer Insel, die eigentlich nur dem Fischen und dem Freizeitvergnügen dient. Diese Übertreibungen eines Suprarealismus basieren jedoch auch immer auf dem respektvollen Gebrauch der Landschaft, einer Koinzidenz der Proportionen mit den vorhandenen Bauten und die Positionierung an den Orten, an denen die Spuren eine vorherige Architektur vermuten lassen.


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