Page 6

architektur_215_eMag_fertig

6 architektur FACHMAGAZIN Start Leerstand oder Zwischennutzung – Schlagwort oder Möglichkeit? Städte sind dynamische Konstrukte, sie wachsen, schrumpfen und unterliegen einem ständigen Wandel, der von ökonomischen, kulturellen und sozialen Faktoren Ganze Innenstädte sterben durch Abwandern des Einzelhandels in attraktivere Flächen und Gebiet aus. Der Trend zur Shoppingmall verlangsamt sich zwar, ist aber immer noch ungebrochen. Die Frage ist, wie lange dieser Trend anhält und ob wir gerade dabei sind, damit die Leerstände der Zukunft zu erzeugen? In Linz steht z. B. das Uno Shoppingcenter in unmittelbarer Nähe zur PlusCity weitgehend leer. Aber auch am Wohnungsmarkt gibt es Probleme, und zwar durch die Verschleierung des Leerstandes. In Wien hat es ein Jahrzehnt gedauert, bis Bürgermeister Häupl endlich den Schritt zu einer offiziellen Leerstandserhebung gewagt hat. Der Grund für die Inaktivität der Gemeinde mag in der Notwendigkeit der Politik liegen, sich mit der Errichtung von Zigtausenden neuen Wohnungen pro Jahr vor den Wählern profilieren zu müssen. Laut einer aktuellen Studie gibt es in Wien derzeit 30.000 leerstehende Wohnungen und angeblich 100.000 könnten durch eine Förderung des gründerzeitlichen Dachbodenausbaus im Sinne der Stadtverdichtung gewonnen werden. Wo ist da die viel zitierte Wohnraumnot? beeinflusst wird. Dadurch steigt oder sinkt auch die Nachfrage und Attraktivität von bestimmten Flächen. In den 1970er Jahren wurden in fast allen Städten ganze Stadtteile als riesige Bürozentren neu gebaut (wie in Hamburg City-Nord) in Erwartung der hohen Nachfrage nach Großraumbüros durch den wachsenden Dienstleistungssektor. Outsourcing und Rationalisierungsmaßnahmen in den folgenden Jahrzehnten ließen aber viele Unternehmen wieder schrumpfen. Heute stehen diese Bürokomplexe oftmals leer. In Wien sind zum Beispiel 50% des viel gerühmten DC Towers nicht vermietet. Eine Methode mit Leerständen umzugehen ist die Zwischennutzung (ZN). Ihre Stärke liegt in ihrem symbiotischen Charakter für Nutzer, Eigentümer und Stadtentwickler. Es ist eine methodische und konzeptorientierte Vorgangsweise, Vorteile für alle Beteiligten zu erzeugen, eine Win-win-Situation. ZN stellt für die Zwischennutzer als Akteure eine Strategie zur Verwirklichung ihrer Ideen dar, während sie für den Eigentümer eine Möglichkeit zur befristeten Beseitigung von Leerstand und Vermeidung von Schäden durch Vandalismus bedeuten könnte. Durch die Anwesenheit eines Nutzers werden sowohl die Räume im Sinne des Eigentümers teilweise bewirtschaftet, als auch deren Zerstörung entgegengewirkt. Anna Margarita Zellinger hat Architektur studiert und ihre Dissertation über Zwischennutzung geschrieben. Peter Reischer unterhielt sich mit ihr über „Probleme“ und mögliche Anwendungen. Zuerst für den Laien – was ist Zwischennutzung (ZN)? Das ist eine temporäre Nutzung von leer stehenden Räumen und Freiflächen, die auch zu besonderen Bedingungen stattfindet: Das ist die rechtliche Stellung der Nutzer und die Bezahlung. Wie ist das zu verstehen? Im Wesentlichen sind das Prekariatsverträge statt Mietverträge. Das heißt, dass die Gebäude nur zur Abgeltung der Betriebskosten weitergegeben werden dürfen. Es darf kein Gewinn entstehen. Das Prekarium stellt einen Leihvertrag dar und fällt nicht unter das Mietrecht, sondern unter die Bestimmungen des ABGB. Dabei kann die Zustimmung zur Nutzung jederzeit widerrufen werden. Immobilienentwickler planen ja vorab die Entwicklungspipeline und kennen die Entwicklungsfenster. Die ZN stellt sozusagen eine interessante Füllung einer Lücke dar. Welche Vorteile oder Nachteile bringt das für den Eigentümer und den Nutzer? Für den Eigentümer hat es den Vorteil, dass die Nutzung jederzeit aufgekündigt werden kann und der Nutzer zahlt eben keine Miete, sondern nur Betriebskosten. Bei den Immobilien, die ich untersucht habe, herrscht eigentlich ein gutes Einvernehmen zwischen Eigentümer und Nutzer. Wesentlich sind Vertrauen, Zuverlässigkeit und Handschlagqualität auf beiden Seiten. Wenn man das auf den Wohnungsmarkt umlegt, würde das einen modernen Vagabundismus bedeuten? Richtig, aber es wird schwierig sein, von der Eigentümerseite her jemanden zu finden, der das macht. Generell würde ich eher von einem Nomadismus sprechen, er beschreibt das Prinzip der ZN treffend. Aber im Gegensatz zur antropologischen Lebensform des Nomadismus, der weiterzieht, wenn das nährende Umfeld erschöpft ist, zieht die ZN weiter, wenn das Feld für eine weitere Nutzung auf- oder vorbereitet ist.


architektur_215_eMag_fertig
To see the actual publication please follow the link above