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8 architektur FACHMAGAZIN Start Das heißt, dass die ZN eher für den gewerblichen oder kreativen Bereich geeignet ist, nicht für den Wohnbereich? In Holland wird das Prinzip auch für den Wohnungsmarkt verwendet, ich halte es aber für nicht unbedingt geeignet. Denn wenn jemand von heute auf morgen aus der Wohnung ausziehen muss, ist das eine existenzielle Frage. Bei gewerblichen Nutzungen hat man die Möglichkeit, sich nach Hause – in die Homebase – zurückzuziehen, um dann nach einer Alternative Ausschau zu halten. ZN wird oft als Schlagwort verwendet, in Wien von den Grünen und seitdem die Wahl naht, auch von den Roten? Eine Instrumentalisierung gefällt mir überhaupt nicht. Es ist dann keine sachbezogene Diskussion mehr. Die Potenziale von ZN sind im städtischen Bereich wirklich sehr groß, müssen aber in ihrer idealen Ausformung als ganzheitlicher Ansatz, natürlich auch politisch getragen werden. Wo liegen diese Potenziale? Die großen Vorteile sind, dass sie dazu beitragen kann, Räume zu entwickeln. ZN kann auch Defizite aufzeigen, sichtbar machen und ausgleichen. Durch die Verknüpfung von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Komponenten ist sie eigentlich der Prototyp eines nachhaltigen Konzeptes in der städtischen Entwicklung. Hinter dem „Schlagwort“ ZN steht die Möglichkeit einer narrativen Stadtentwicklung, denn sie schließt ja an die eigene Geschichte einer Stadt an und entwickelt diese in die Zukunft weiter. Ich halte das gerade in unserer globalisierten Welt für sehr wichtig, da so Individualität, Zugehörigkeit, ja auch Heimat, im Gegensatz zu Austauschbarkeit und Einheitlichkeit, an Bedeutung gewinnen können. Sie betonen hier das Prozesshafte, und zwar in einer Zeittiefe? Das ist ein Punkt, aber ein anderer ist der systemische Gedanke einer Ausbreitung und eines Ineinandergreifens der einzelnen städtischen Maßstabsebenen. Stadt ist ein komplexes und sensibles System, die einzelnen Ebenen und Bereiche kann man nicht isoliert betrachten. Also der einzelnen, nicht nur der architektonischen, sondern auch der sozialen Schichten? Ja, ausgehend von einem Gebäude kann städtische Entwicklung betrieben werden. Somit rückt die Stadt als System in den Mittelpunkt der Betrachtung. Und wieso findet ZN bei uns nicht statt? Einerseits aus Unwissenheit über die Potenziale von ZN und wie diese wirksam eingesetzt werden können. Viele Eigentümer haben Angst vor ZN, weil – wie man ja bei den sogenannten „Mietnomaden“ bei herkömmlichen Vermietungen sehen kann – es bis zur Räumung des Objektes eineinhalb Jahre dauern kann, wenn der Nutzer/Mieter nicht, wie ausgemacht, freiwillig geht. Sofern von Anfang an abgesicherte Nutzungsverträge erstellt werden, ist diese Angst unbegründet. Sehen Sie eine Möglichkeit dieses Instrument (ZN) in unserem System besser, sei es rechtlich oder politisch, zu verankern? In unseren Baugesetzen ist die temporäre Nutzung eines Raumes nur sehr spärlich vorgesehen. In Wien schon, aber in Oberösterreich zum Beispiel gar nicht. In Wien ist eine temporäre Nutzung des Raumes für Bauten des vorübergehenden Bestandes in der Bauordnung in den § 62a und § 71 geregelt. Allerdings dürfen in ehemaligen Bürobauten keine universitären Nutzungen stattfinden. Wünschenswert wäre, wie schon mehrfach vorgeschlagen, eine bundesweite Vereinheitlichung der Richtlinien. Betoniert da die Gesetzgebung eine Nichtflexibilität ein? Sehen Sie einen politischen Willen in Österreich da etwas zu verändern? Nein! Ich denke aber, dass sich auch die Politik dem Thema ZN aus ökologischen, sozialen und auch wirtschaftlichen Gründen auf Dauer nicht verschließen kann. Die Bereitschaft zur ZN hat aber auch einen kulturellen Hintergrund. In den alten deutschen Hansestädten war es seit Generationen üblich, dass junge Menschen in einen Kontor, in eine Zweigniederlassung gehen. Die Mobilität und Flexibilität ist dort größer. Auch in der Schweiz, der man ja Unflexibilität nachsagt, ist die Bereitschaft sich mit Neuerungen auseinanderzusetzen größer. Wie sehen Sie den Vorwurf, dass die ZN eigentlich nur zur besseren Verwertung der Grundstücke für die Immobilienwirtschaft dient? Die haben natürlich einen Gewinn davon. Sie sind aber auch viel leichter von ZN zu überzeugen als öffentliche Verwalter. Städtische Entwicklung zieht immer auch eine gewisse Gentrifizierung nach sich, aber das kann man nicht alleine an der ZN festmachen. Könnte man die ZN als städtisches Leerstellenmanagement betrachten? Absolut! Wesentlich ist es natürlich Nutzer zu finden, die vertrauenswürdig sind. Grundlage ist eine qualitative und quantitative Bestandsaufnahme der Leerstände, die ja Entwicklungspotenziale darstellen. Es bedarf einer vermittelnden Organisation, einer Anlaufstelle für Eigentümer von Immobilien und Nutzer. Wenn die Kommunen nicht aktiv werden, dann werden eben wirtschaftlich orientierte Unternehmen diese Aufgabe übernehmen. Welches ist Ihr größtes Anliegen? Mir ist es ein Anliegen, die Innenentwicklung zu forcieren. Das heißt, dass die inneren Potenziale der Stadt genützt werden sollen. Im Gegensatz zur Außenentwicklung, die sich an den Stadträndern abspielt. Innenentwicklung bringt natürlich auch ein hohes Konfliktpotenzial mit sich. ZN kann dabei auch integrativ wirken. Sie ist sowohl geeignet Verdichtungsmaßnahmen einzuführen, wie auch als Informationsbasis zu fungieren. Hier können auch Nutzungen ausprobiert werden, und wenn sie sich bewähren, kann man sie in die definitive Nutzung mitaufnehmen. Dr.tech Mag.arch Anna Margarita Zellinger Studium der Architektur an der Kunstuniversität Linz, Diplom bei Prof. Roland Gnaiger, Dissertation an der TU Wien, Department für Raumplanung, Fachbereich Örtliche Raumplanung, bei Prof. Andreas Voigt mit dem Thema „Stadträumliche Reintegration ehemaliger Industrieanlagen durch Zwischennutzung – Konzeption einer unterstützenden Strategie für eine flächenschonende Innenentwicklung“. Berufspraxis in Architekturbüros, Autorin von Publikationen, Vorträge im Bereich Zwischennutzung.


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