Abseits jeglicher Schubladen
Die Tiroler Architektin und Künstlerin Teresa Stillebacher ist bekannt für ihre interdisziplinäre Arbeit im öffentlichen Raum. Als Senior Scientist am ./studio3 – Institut für experimentelle Architektur an der Universität Innsbruck, agiert sie an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kunstperformance und Interventionen. Ihre Projekte, sowohl am Institut als auch im eigenen Büro, betonen Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Relevanz, wie etwa ihre Installation in Wrocław, die aus recycelten Materialien bestand und das kollektive Kochen förderte. Stillebacher setzt sich für ressourcenschonende Praktiken ein und integriert partizipative Elemente, um Gemeinschaften zu stärken und Umweltthemen zu adressieren. Ihre Arbeit verbindet künstlerische Kreativität mit praktischen Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Im Interview spricht die Gestalterin über das Spannungsfeld zwischen Architektur, Kunst und Raum.
Was bedeuten für Sie Architektur und Kunst, wo sehen Sie Schnittstellen, was trennt die beiden Disziplinen?
In meiner Arbeit versuche ich, räumlich, situativ und ortsbezogen zu denken. Architektur und Kunst überschneiden sich inhaltlich, unterscheiden sich jedoch signifikant in der täglichen Praxis. Während die Kunst ein aktionistisches Potenzial besitzt, das oft spontan und provokativ eingesetzt wird, drückt sich dieses Potenzial in der Architektur auf andere Weise aus. Architektur hat nicht nur die Fähigkeit, Produkt der Kultur zu sein, sondern sie trägt auch aktiv zur Kulturproduktion bei. An dieser Schnittstelle ist wiederum die kritische Haltung der Kunst – ebenso wie die anderer Disziplinen – von entscheidender Bedeutung, um die Rolle der Architektur in der Gesellschaft bewusst zu hinterfragen und zu gestalten. Ein wichtiger Aspekt in diesem Kontext ist der Moment der Überraschung und des Besonderen. Dieser ist nicht nur kulturell bereichernd, sondern auch identitätsstiftend. Gebäude, Materialien, Objekte und Details erzählen immer auch Geschichten – und hier bietet die Kunst die notwendigen Werkzeuge, um bewusste Entscheidungen zu treffen.
Während die Kunst oft Autonomie genießt, ist die Architektur an die praktischen Anforderungen und Bedürfnisse der Nutzer:innen sowie an technische, finanzielle, gesetzliche Vorgaben gebunden. Trotz dieser Unterschiede bietet die Architektur Raum für künstlerische Interventionen und kritische Reflexion. Es ist diese Dynamik zwischen den Disziplinen, die es ermöglicht, dass sowohl Kunst als auch Architektur ihre jeweiligen Potenziale voll ausschöpfen können – sei es durch die Gestaltung von Räumen, die den Alltag prägen, oder durch das Schaffen von Erlebnissen, Ereignissen und Situationen, die überraschen und inspirieren.

KULT BOGENBAR: Die Lokalgestaltung in den Innsbrucker Viaduktbögen erfolgte in Kooperation mit Lino Lanzmaier.
Ihre Architektur ist in ihrer Sprache immer klar, aber auch poetisch – wie wichtig sind für Ihre Arbeit die Menschen und Geschichten, die dahinter stehen?
Ein Projekt entsteht immer im Prozess. Das bedeutet, dass das Design nicht einfach über einen Ort gestülpt wird, sondern sich vielmehr aus dem Dialog mit dem Ort selbst sowie in Gesprächen mit den Bauherr:innen, Handwerker:innen und anderen Beteiligten entwickelt. Unsere Aufgabe ist es, trotz unterschiedlicher Ideen und geschmacklicher Vorlieben eine klare und durchgängige Gestaltung zu schaffen, in der sich individuelle Geschichten, Ideen und Menschen dennoch widerspiegeln. Architektur und Interior Design entstehen immer in engem Zusammenhang mit den Benutzer:innen und Bewohner:innen. Es gibt häufig vorgefasste Vorstellungen, die ich versuche zu verstehen und zu übersetzen, sowie auch aufzubrechen – das bedeutet, den Horizont zu erweitern. Bauen ist immer Teamarbeit, sei es im Büro, am Institut, mit den Bauherr:innen oder den Handwerker:innen. Kommunikation und das Finden gemeinsamer Lösungen sind dabei unerlässlich. Im besten Fall entsteht eine Win-Win-Situation, in der alle Beteiligten voneinander profitieren und sich inspirieren.
Die Materialität spielt bei der Gestaltung eine entscheidende Rolle. Meiner Meinung nach sollte das Material so natürlich wie möglich zur Geltung kommen. Es darf altern und sich im Laufe der Zeit verändern – dies betrachte ich als einen wichtigen Aspekt. Am schönsten ist es, wenn am Ende alle glücklich sind und etwas entsteht, das sich niemand zuvor so hätte vorstellen können. Ein Beispiel dafür ist die Gestaltung der KULT BOGENBAR, die ich zusammen mit Lino Lanzmaier für zwei Bauherr:innen aus der Metal-Szene entwickelt habe. Es war besonders spannend, ihre Referenzen von Bars als Sehnsuchtsorte ernst zu nehmen und in zahlreichen Gesprächen die Essenz dieser Orte in eine ungeschmückte und authentische Form zu übersetzen. Gleichzeitig war es entscheidend, alte und neue Narrative, Humor und überraschende Elemente einzubringen, um den Raum lebendig und einladend zu gestalten. Im Sinne der Aneignung wurde eine große Fläche bewusst freigelassen, um sich allmählich zur Plakatwand zu transformieren, die Wände in den Toiletten wurden von einem befreundeten Künstler bemalt.

ALL CAKE ALL NIGHT: Die architektonische und performative Intervention all.cake.all.night entstand im Rahmen des Magic Carpet Artist in Residence Programms in Wrocław in Zusammenarbeit mit dem Wroclawski Instytut Kultury durch Teresa Stillebacher in Partnerschaft mit AestheticAthletics+. © Stillebacher
Sie befassen sich auch mit Interventionen und Ausstellungsdesign – wie finden diese Projekte zu Ihnen?
Interventionen im urbanen Raum entstehen oft aus Eigeninitiative, durch Open Calls, Einreichungen oder in Kooperation mit Universitäten und der Stadt. Diese Projekte bieten die Möglichkeit, persönliche und gesellschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten. Dabei arbeite ich häufig als Teil des Kunstkollektivs AestheticAthletics+ oder mit Studierenden und Kolleg:innen vom
./studio3 – Institut für experimentelle Architektur zusammen. Die Interventionen, die ich durchführe, bestehen hauptsächlich aus räumlichen Eingriffen und kleinen Architekturen, die überwiegend im urbanen Raum realisiert werden. Oft verfolgen sie situationistische Ansätze, die sich auf öffentlichen Raum, dessen Nutzung und Partizipation konzentrieren. Es geht darum, das alltägliche Leben in die Straßen zu bringen und Kunst mit dem Alltag zu verbinden. Diese Projekte schaffen Plattformen für neue Netzwerke, sowohl zwischen den Besucher:innen als auch zwischen der Kunst und dem alltäglichen Leben.
Ein Beispiel ist das Projekt „ALL CAKE ALL NIGHT“ in Wrocław, dessen Ziel es war, eine offene Küche für die lokale Gemeinschaft zu etablieren. Wir, das Kollektiv AestheticAthletics+, wollten einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammenkommen, kochen und Mahlzeiten teilen können. Unser Ansatz war es, Verbindungen ohne Vorurteile zu fördern, um niederschwellige Gespräche zu ermöglichen. Ähnlich, wie Musik als universelle Sprache Menschen verbindet, glauben wir, dass gemeinsames Kochen und Essen Barrieren zwischen Individuen abbauen kann.
Für uns war es entscheidend, dass dieses Projekt sowie andere Interventionen im öffentlichen Raum stattfinden, da diese eine zentrale Rolle dabei spielen, Menschen zu vernetzen. Wir wollten eine private Aktivität in einen öffentlichen Kontext übertragen und so eine besondere, fast theatrale Umgebung schaffen. Die Menschen sollten das Gefühl haben, an einem einzigartigen Ort zu sein und an einer besonderen Aktivität teilzunehmen, die über den Alltag hinausgeht und ihm eine tiefere Bedeutung verleiht.
Die Architektur von „ALL CAKE ALL NIGHT“ wie auch bei anderen Projekten wurde aus gefundenen Objekten und Materialien gebaut, die wir bei Streifzügen durch die Stadt gesammelt haben. Diese Arbeitsweise ist intuitiv und reaktiv, wobei der Entwurfsprozess nahtlos in den Bauprozess übergeht. Im Kollektiv erfordert diese Methode eine enge Kommunikation und Konsensfindung, aus der neue Designideen entstehen.
Im Ausstellungsdesign geht es vor allem um Kommunikation und Klarheit und darum, komplexe Themen in eine verständliche Form zu bringen. Ich finde Ausstellungsdesign besonders spannend, weil es darum geht, vielfältige Themen zu transportieren, die mich oft persönlich interessieren. Es stellt eine Herausforderung dar, diese Themen zu abstrahieren und in eine adäquate Sprache zu übersetzen, die der Vermittlung gerecht wird.

WHAT A WASTE ist ein Design Build Projekt in Kooperation mit dem Heart of Noise Festival in Innsbruck, zusammen mit Verena Rauch und Studierenden des ./studio3
Sie sind auch forschend tätig – was beschäftigt Sie aktuell?
Am ./studio3 beschäftigen wir uns derzeit unter anderem intensiv mit dem Thema „Repair“. Dabei geht es darum, als Architekt:innen, Gestalter:innen und Planer:innen in Zukunft mit vorhandenen Materialien zu arbeiten. Meine Frage dazu lautet: Wie können wir als Architekt:innen unsere Handlungsfähigkeit bewahren, um angemessen auf die Vielzahl ökologischer, ökonomischer, politischer, gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen zu reagieren und aktiv zu werden? Ein zentrales Anliegen ist es, die politische Relevanz der Architektur zurückzugewinnen und gleichzeitig auf individueller Ebene Strategien zu entwickeln, die auf größere Herausforderungen übertragbar sind. Statt neue Architekturen zu entwerfen, konzentrieren wir uns darauf, bestehende Gebäude und Stadträume zu „reparieren“. Diese Strategie kann auf verschiedenen Ebenen umgesetzt werden, indem wir die gebaute Umwelt als Ressource betrachten und selbst weniger ansprechend wirkender Architektur neuen Wert zuschreiben.
Wir widmen uns Fragen der Adaptierung, Sanierung, Umnutzung und Assemblage. Dabei achten wir darauf, dass traditionelle und unterdrückende Gesellschaftsstrukturen nicht durch Architektur fortwährend reproduziert werden. Unsere Herausforderung besteht darin, diese „Reparaturen“ nicht aus dem Blickwinkel des Bestehenden, sondern durch neue Ordnungsprinzipien zu betrachten. Am ./studio3 arbeite ich auch mit Studierenden an „Design-Build“-Projekten. Dabei versuche ich, stets mit gefundenen Materialien und Objekten zu arbeiten. In Zeiten der Ressourcenknappheit sind zirkuläres Bauen und die Wiederverwendung von Baumaterialien von wesentlicher Bedeutung und können bereits im kleinen Maßstab erprobt werden. Projekte wie „WHAT A WASTE“ und „ISLA BONITA SCHROTT“ sind aus diesem Ansatz entstanden. Beim Eins-zu-Eins-Bauen mit Studierenden wird der Gemeinschaftsgedanke spürbar. Während des Entwerfens und Planens im Kollektiv formt sich eine Community und festigt sich beim Bauprozess. Das intensive, gemeinsame Arbeiten an diesen großen Aufgaben, die für einige Wochen das Leben bestimmen, schafft ein starkes soziales Gefüge. Durch Design-Build-Projekte entstehen nicht nur bauliche Strukturen, sondern auch sozialer Zusammenhalt, der weit über die Bauzeit hinaus Bestand hat.

Eine zurückhaltende Farb- und Materialpalette sowie geometrische Formen und modulare Möbel prägen das Design des Ateliers im Augarten, das in Kooperation mit Lino Lanzmaier entstanden ist.
Sie sind gerade zurück aus Albanien: Was hat Sie dort beschäftigt?
Das Projekt „CORNBREAKS & HEARTBREAD“ war eine mehrwöchige Fußreise, die in und um Tirana in Albanien stattfand. Im September reiste das Kollektiv AestheticAthletics+ nach Albanien, um vor Ort eine mobile Küche zu konstruieren. Zunächst wurden in Tirana Materialien für den Bau eines Handkarrens gesammelt, der dann gebaut wurde. Ähnlich wie beim Projekt „ALL CAKE ALL NIGHT“ war es unser Ziel, ausschließlich mit gefundenen Materialien und Objekten zu arbeiten, um die mobile Küche zu erstellen. Dieser Handkarren begleitete uns ständig und wurde täglich bei unserer Wanderung an verschiedenen Orten aufgestellt, wo wir gemeinsam kochten und aßen. Das Hauptziel war es, offene Situationen zu schaffen, in denen wir mit den Bewohner:innen sowie der Umgebung in Kontakt treten konnten. Das Sammeln von Materialien, Rezepten, essbaren Pflanzen und anderen Elementen ergänzte das Projekt und begleitete uns kontinuierlich auf unserer Wanderung.

Unter dem Titel „39 m2 sind genug“ hat Teresa Stillebacher mit Lino Lanzmaier auch ihr eigenes Apartment im Stadtzentrum von Innsbruck ausdrucksstark adaptiert.
Wie wichtig ist es für Sie persönlich und Ihre Arbeit, sich nicht in Schubladen stecken oder einschränken zu lassen?
In Schubladen zu denken, fällt mir schwer – ich müsste dann bei mir selbst anfangen. Als Architektin, Künstlerin, Dozentin, Vorstandsmitglied, DJ und gelegentliche Veranstalterin erlebe ich eine Vielfalt, die sowohl bereichernd als auch herausfordernd sein kann.
Natürlich stellt sich die Frage, wie man vielseitige Folgeaufträge erhält. Spezialisierung hat ihre Vorteile, so wie die Eigeninitiative, Projekte und Forschungsthemen zu initiieren ein wichtiger Motor ist, um die Arbeit frisch und spannend zu halten. Kreativität lebt von Offenheit, und um wirklich innovative und für mich sinnvolle Arbeit zu leisten, muss ich die Grenzen traditioneller Kategorien überschreiten. Das Erforschen verschiedener Disziplinen und das Arbeiten an den Schnittstellen von Kunst, Architektur und Wissenschaft ermöglichen es mir, neue Perspektiven zu entwickeln und mich nicht in Routine verfallen zu lassen. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Welten und Menschen fördert meine Fähigkeit, unkonventionelle Wege zu gehen und neue Herausforderungen sowie Lösungen zu finden.
Ein spannendes Projekt, an dem Sie gerade arbeiten?
Zusammen mit meinem Büropartner Lino Lanzmaier arbeite ich derzeit an einer Ausstellung im Ötztal, die sich mit der NS-Zeit und der Erinnerungskultur in der Region beschäftigt. An diesem Projekt sind zahlreiche Forscher:innen, Historiker:innen und Kurator:innen beteiligt, was den gesamten Prozess besonders spannend macht. Verschiedene Orte und Ausstellungen zu unterschiedlichen Themen sind vorgesehen. Ein zentraler Aspekt besteht darin, eine ehrliche und kritische Haltung zu wahren, die Themen klar zu präsentieren und aktuelle Fragen aufzuwerfen. Es gilt herauszufinden, wie sich die Thematik in der Gestaltung manifestieren und wie man den richtigen Umgang mit diesem heiklen und präsenten Thema finden kann, um es in der Gegenwart angemessen darzustellen.
Ein weiteres Projekt trägt den Namen „MOSHPIT“ und ist ein Stadtpotenziale-Projekt der Stadt Innsbruck mit dem Kollektiv AestheticAthletics+. Es untersucht den öffentlichen Raum hinsichtlich Safe Space und subkultureller Phänomene wie das Moshpit. Das Projekt ist stark performativ angelegt und wird in mehreren Etappen umgesetzt. Beispielsweise wurde eine Sauna an einem Brunnen in St. Nikolaus errichtet und es gab den Versuch, das größte Bett der Welt zu bauen. Diese Projekte zielen darauf ab, durch performative Inszenierungen der Orte und Aktivitäten deren öffentliche Dimension sichtbar zu machen. Auch wenn die Ideen sehr performativ wirken, ist die Materialisierung essenziell. Die gebaute Struktur dient als Kommunikator zwischen der Stadt, den Nutzer:innen und der Aktion.
Interview: Linda Pezzei
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen











