Architektur als Gedankenexperiment

16. Juli 2015 Mehr

 

Wenn man über innovative Techniken spricht, schreibt oder denkt, müssen das nicht immer Materialisationen, in ‚reale‘ Architektur verwandelte Ideen oder Erfindungen sein. Auch rein in der Gedankenwelt oder – wie im vorliegenden Fall in einer digitalen Welt – kann sich die Innovation abspielen.

 

 

Architektur entsteht im Werk von Dionisio González, der sich allerdings weder als Architekt noch als Fotograf, sondern als Künstler versteht, aus dem Elend, aus Naturkatastrophen und aus dem Chaos. So erscheint es zumindest beim ersten, oberflächlichen Blick auf die Arbeiten der architektonischen Fotoserie ‘Dauphin Island‘. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich dem Betrachter der tiefere Sinn, der Versuch des Künstlers eine ‚bessere Zukunft‘ zu erfinden.

 

10 Jahre lang hat Dionisio González die ganze Welt bereist und vor allem die Gebiete, die immer wieder von Erdbeben, Hurrikanen und Fluten heimgesucht wurden, studiert. Aber nicht nur die Katastrophen faszinierten ihn, sondern auch die Energie der dort Lebenden und ihre Fähigkeit, trotz ständiger Rückschläge und wiederkehrenden Verwüstungen, immer wieder von vorne, neu anzufangen. Einer der von ihm besuchten Orte war Dauphin Island, ein ‚Sandhaufen‘ im Golf von Mexiko. 1513 wurde die Insel, auf der 1.200 Menschen leben, das erste Mal – damals noch mit dem symbolhaften Namen ‚Massacre‘ – auf spanischen Karten verzeichnet. Immer wieder ziehen Hurrikane über sie hinweg und verwüsten die fragilen, an Pfahlbauten erinnernden Holzhäuser. Der Sturm ‚Katrina‘ verursachte 2005 den Verlust von 250 Häusern auf 16 Quadratkilometern und ‚Ivan‘ zerstörte 2004 170 Häuser, nur im westlichen, etwas offeneren Gebiet der Insel.

 
Natürlich stellt sich die Frage, warum die Menschen in diesem Gebiet nicht schon längst, entweder auf widerstandsfähigere Bauweisen umgestiegen sind oder das Land verlassen haben. Die Spurensuche führt dabei auch in die Psyche derjenigen, die eben nicht aufgeben und immer wieder ihre Häuser in der gleichen – für sie fast archetypischen Art und Weise – aufbauen. In Anbetracht dieser Form des ‚Wohnens‘ ist die Katastrophe ein Paradoxon, das einerseits die soziale Gemeinschaft ständig neu durch ihre Aktivität im Überlebenskampf und Wiederaufbau festigt, andererseits ist dieser fragile Gesamtzustand ein immerwährendes ‚Versöhnen‘ und ‚Angleichen‘ an die Vorstellung eines Ganzen in seiner zeitlichen Kontinuität. Das Fehlen jeglicher Lernfähigkeit ruft einen ständigen Kampf der Kreativität hervor – Bastelei als Verteidigung gegen die feindliche Übernahme. Es tauchen Assoziationen zu den von Marc Augé erkannten ‚Nicht-Orten‘ auf, allerdings sind diese hier noch eindeutig anthroposophisch besetzt.

 

Der Starrsinn, die eigene Existenz mit der Besetzung eines Stück Landes – das immer wieder der Zerstörung und Verwüstung preisgegeben ist – zu verknüpfen, grenzt an den Mythos des Prometheus, der göttliche Dinge wollte, und die ständigen Bemühungen um den Wiederaufbau erinnern an die Geschichte des Sisyphos. Das Haus selbst ist ein widerspenstiges, ruinöses Symbol des ständigen Kampfes mit den Kräften der Natur.

 
Der Besuch dieses Ortes der Zerstörung inspirierte den Künstler, Lösungen für das Problem der Bewohner zu suchen. González ‚erfand‘ eine Art Bunkerarchitektur, die den Kräften der Natur widerstehen könnte – und er verpackte sie in surrealistische, fotografische Manipulationen. Er kombiniert die idyllisch-fantastischen Landschaften mit den Zeichen urbaner Produktion. Seine Faszination für Architektur und deren soziale Bezüge – etwas, das sich durch sein gesamtes Oeuvre zieht – findet ihren Ausdruck in bewohnbaren Behausungen, die wie futuristische Festungen aus Eisen und Stahlbeton aussehen. Sie ersetzen die fragilen, unstabilen Holzbauten und versuchen – aus der Sicht des Künstlers – Antworten für die Probleme der Menschen in dieser Region zu geben. Sowohl die Höhe der Sturmwellen, wie auch die unberührte und exponierte Umgebung bestimmen die Position und Art seiner architektonischen, künstlerischen Interventionen. Mit teils fließenden Formen und teils konkreten Geometrien fügt er sie mit einer Selbstverständlichkeit in die Landschaft ein. Durch die Abwesenheit von Touristen projizieren sie ein gewisses Trugbild, eine Phantasmagorie, die dieser Enklave einen hypnotischen Charakter verleiht. Andererseits macht die Übertreibung und Überhöhung manch ihrer Konstruktionen sie zu einem magnetischen, fast totemhaften Objekt auf einer Insel, die eigentlich nur dem Fischen und dem Freizeitvergnügen dient. Diese Übertreibungen eines Suprarealismus basieren jedoch auch immer auf dem respektvollen Gebrauch der Landschaft, einer Koinzidenz der Proportionen mit den vorhandenen Bauten und die Positionierung an den Orten, an denen die Spuren eine vorherige Architektur vermuten lassen.

 

Text: Peter Reischer Bilder: Suprarealistische Fotomontagen des Künstlers, Dionisio González

 

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Kategorie: Kolumnen, Start

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