Bauen als Ausdruck der Gesellschaft

23. April 2020 Mehr

Interview mit Architekt Dieter Blocher – Gemeinsam mit seiner Frau Jutta Blocher gründete Dieter Blocher 1989 blocher partners, ein international führendes multidisziplinäres Architektur- und Designbüro. Zu den Schwerpunkten zählen die Bereiche Wohnungsbau, öffentliche Bauten, Hybridbauten und Handel. Neben der strategischen Ausrichtung verantwortet Dieter Blocher in der Unternehmensgruppe mit mehr als 210 Mitarbeitern an den Standorten Stuttgart, Berlin, Mannheim und Ahmedabad unter anderem die Bereiche Projektentwicklung, nachhaltiges Bauen und die internationalen Hochbauprojekte.

 


© blocher partners/Bernd Kammerer

 

Warum braucht es auch in Zukunft Architekten?

Weil Häuser auch in Zukunft für Menschen gebaut werden und nicht für Algorithmen. Offenbar gehören Architekten nicht zu den Berufen, die durch Big Data und AI unmittelbar gefährdet sind. Kreativität entzieht sich glücklicherweise Formeln. Architektur hat die große Chance, sich die neuen Technologien als Werkzeuge zu eigen zu machen, um in einer hochkomplexen, vernetzten Welt für Menschen zu entwerfen.

 

Welche Eigenschaften werden in Zukunft für einen Architekten noch wichtiger sein als heute?

Die Kunst, einen Schritt zurückzutreten und sich gezielte Auszeiten zu nehmen vom „Immer-Online“. Man darf ruhig mal einem Gedanken nachhängen. Sind die Batterien wieder aufgeladen, ist auch das Sensorium wieder geschärft für das Eigentliche: Lösungen für Menschen zu schaffen. Wer das versteht, kann vernetzt denken, über die eigene Disziplin hinaus. Denn es wird nichts mehr gehen ohne transdisziplinäres Arbeiten. Architektur war schon immer eine Querschnittsaufgabe, die angewandte Soziologie und Psychologie ebenso umfasste wie Statik oder Bauphysik. In Zukunft wird dieses Denken entscheidend werden.

 

Welche Voraussetzungen für Architektur müssen geschaffen oder verbessert werden?

Vielleicht lohnt es, zwischen Planung und Realisierung zu unterscheiden. Vor allem die Umsetzung ist Ausdruck einer Gesellschaft. Warum aber wird hier so wenig gestritten – und wenn, dann nur über Kosten und Termine? Architektur braucht mehr direkte und informelle Kontakte in die Gesellschaft, für die sie arbeitet. Dann müssen wir auch nicht mehr über Fassaden streiten, wenn eigentlich wichtige Funktionen gemeint sind, die sich eben nicht auf den ersten Blick erschließen, dann können wir Streitkultur als Baukultur erleben.

 

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit der Beruf des Architekten auch in Zukunft nicht an Bedeutung verliert?

Gegenfrage: Warum sollte er an Bedeutung verlieren in einer Welt, die immer mehr nach Anhaltspunkten und Orientierung sucht?

 

Ist ein Paradigmenwechsel in der Architektur notwendig?

Dieser Paradigmenwechsel ist in vollem Gange! Bald wird es nicht mehr notwendig sein, die Nachhaltigkeit von Gebäuden herauszustellen, weil es sinnlos wird, nicht-nachhaltig zu bauen. Ein Haus nach 30 Jahren abzureißen und etwas völlig Neues zu bauen, werden wir uns nicht mehr leisten können. Was ist darüber hinaus notwendig? Zwei Dinge: Das Bauen muss preiswerter werden. Wir bauen immer noch wie im Mittelalter. Vorfertigung (in der Fabrik) und vernetzte Logistik auf der Baustelle können tatsächlich Kosten senken helfen (bei höherer Qualität). Schließlich sollten wir uns dem ausufernden Gestrüpp an Vorschriften stellen und kritisch hinterfragen, ob stetig wachsende Vorgaben zu besseren Häusern führen.

 

Was sind die derzeit größten Herausforderungen für ein Architektenbüro?

Unsere Mitarbeiter sind das größte Kapital. Sie zu entwickeln und uns mit ihnen, ist eine wunderbare Herausforderung. Neue Mitarbeiter zu finden, ist in Zeiten des Booms ebenfalls spannend. Der „War for Talents“ zieht sich von Amerika bis Indien und von Berlin bis Stuttgart. Wir als international tätiges Büro freuen uns über kreative Stimmen, neue Einsichten und überraschende Ansichten, die uns flexibler und schneller machen, wenn es darum geht, die (Bau)- Aufgaben der Zukunft anzugehen.

 

blocher partners hat neben Planungsbüros in Deutschland auch ein Büro in Indien. Was sind die wesentlichen Unterschiede? Gibt es Themen, die die Sichtweise beeinflussen und direkte Auswirkungen auf die Planung im jeweiligen Land haben?

Wir sind ja in vielen asiatischen Märkten tätig, nicht nur in Indien, wo wir seit mehr als zehn Jahren ein Büro in Ahmedabad haben. Generell hilft uns die Rückbesinnung auf die uralten Kulturen. Ein immer wichtiger werdendes Thema ist auch in Indien die Nachhaltigkeit, auch weil der spätere Käufer sehr genau hinschaut.

 

Welches Thema beschäftigt Sie besonders?

Unsere Arbeit prägt von jeher das vernetzte Denken. Das wird noch wichtiger in Zukunft. Daher geht es darum, auch im Büro Strukturen zu schaffen, die flexibel und ergebnisoffen sind und die dafür sorgen, dass die jeweils beste Idee gewinnt.

 

Die Zukunft der Architektur / Architektur der Zukunft ist für mich? Mein ganz persönlicher frommer Wunsch heißt?

Die Gestaltung der Städte als l(i)ebens­werte Orte …

 

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Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen

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