Beton & Zement Jahresrückblick 2025

19. Dezember 2025 Mehr

Stadt, Land, Fluss und Berge im Klimawandel

Zum Austausch von Wissenschaft und Praxis über Zukunftsfragen der Bauindustrie konnte die Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) zum 46. Kolloquium „Forschung & Entwicklung für Zement und Beton“ rund 300 Personen in der Wirtschaftskammer Österreich in Wien begrüßen.

 


VÖZ-Geschäftsführer Sebastian Spaun bei der Eröffnung des Kolloquiums. © VÖZ, Thomas Magyar

 

Ein wesentlicher Themenbereich des Expertentreffens beschäftigte sich mit den Möglichkeiten der Bauwirtschaft dem Klimawandel zu begegnen: „Die Bauwirtschaft steht vor der Herausforderung, CO2-Emissionen so rasch als möglich zu senken und gleichzeitig Strukturen zu schaffen, die den zunehmenden, klimawandelbedingten Extremereignissen bestmöglich standhalten. Zement und der Baustoff Beton spielen dabei eine zentrale Rolle: Mit dem regional verfügbaren, langlebigen und widerstandsfähigen Baustoff werden Schutzbauten und Infrastrukturen errichtet, die über Generationen bestehen und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel leisten“, so Sebastian Spaun, Geschäftsführer der VÖZ. Klimawandel, Extremwetter, Naturgefahren – nicht nur für die Experten steht unsere Infrastruktur unter Druck, da der Temperaturanstieg in den österreichischen Gebirgsregionen Naturgefahrenprozesse von teilweise extremem Ausmaß in Gang setzt, die unsere Schutzsysteme an die Grenzen ihrer Wirksamkeit führen. Das „Neue Normal“ sind für sie häufigere Extremereignisse, die den Schutz vor Naturgefahren in den Alpen vor große Herausforderungen stellen und neue Konzepte erfordern, wenn das Sicherheitsniveau auch in den nächsten Jahrzehnten auf dem aktuellen Stand gehalten werden soll.

 


v.l.n.r.: Sebastian Spaun, Christoph Kaipel, Christoph Stotter, Christoph Ressler, Cornelia Bauer, Claudia Dankl, Anika Häberlein, Martin Reymaier, Michael Steineder, Walter Becke, Haimo Primas © VÖZ, Thomas Magyar

 

Im Anschluss diskutierte ein hochkarätig besetztes Podium erforderliche Anpassungen von Gesellschaft und Infrastruktur an die Herausforderungen des Klimawandels. Einigkeit herrschte unter anderem darüber, dass proaktives Handeln, Investitionen in die Infrastruktur und Mut zur Veränderung unumgänglich sein werden.

Die Vorträge finden Sie auf:
www.zement.at/kolloquium

 

 

Ertüchtigter Hochwasserschutz

Das Hochwasser im September 2024 hat gezeigt, wie wichtig die sechs Rückhaltebecken in Auhof entlang des Wienflusses im Westen Wiens mit ihrem Fassungsvermögen von 1,2 Millionen Kubikmeter sind, die sich damals innerhalb von nur zwei Stunden mit rund einer Million Kubikmeter Wasser füllten.

 


© BDÖ/Stefan Seelig

 

Um die Strukturen nach diesem Ereignis dauerhaft zu sichern, wurden mit Priorität altersbedingte Schäden wie Hohlstellen, Risse und Abplatzungen behoben und die bestehenden denkmalgeschützten Becken aus dem Jahr 1899 mit einer wasserundurchlässigen Stahlbeton-Vorsatzschale in einem Volumen von rund 11.000 Kubikmeter Beton umschlossen. Durch diese Maßnahme bleibt die historische Substanz der Retentionsbecken erhalten und die Lebensdauer der Bauwerke wird für Jahrzehnte verlängert. Zudem werden die Becken vertieft und die Wehre sowie die Trennmauer aus Beton um mindestens 50 Zentimeter erhöht. Durch den Ausbau des Hochwasserschutzes in Auhof, der bis Ende 2026 abgeschlossen sein wird, ist Wien in diesem Bereich des Wienflusses für ein 5.000-jährliches Hochwasser gerüstet.

Beton Dialog Österreich
kontakt@betondialog.at
www.betondialog.at

 

Monolithische Ruhe im Bayerischen Wald

Ein Haus aus einem Guss: Mit dem „House with Two Courtyards“ verdichtet BÜRO MÜHLBAUER die regionale Bautradition des monolithischen Bauens zu einer radikal reduzierten Formensprache. Beton, Holz und zwei Gärten strukturieren Räume und Atmosphären und beeinflussen gezielt die Wahrnehmung von Oberflächen.

 

 

Am Rande der Kurstadt Bad Kötzting im Bayerischen Wald hat das Ingolstädter Büro Mühlbauer ein Haus realisiert, das kaum etwas mit dem touristisch geprägten Bild des Ortes zu tun hat. Bad Kötzting gilt als das jüngste Kneippheilbad Bayerns und verbindet heute traditionelle Heilmethoden mit moderner Medizin. Zwischen Gesundheitstourismus, Kurpark und Spielbank trifft hier Ursprünglichkeit auf Stadtleben.

 

 

Vor diesem Hintergrund wirkt das „House with Two Courtyards” wie ein Gegenentwurf: Es ist radikal reduziert, konsequent monolithisch und hat keine äußeren Anknüpfungspunkte. Das Gebäude verschließt sich nach außen, öffnet sich im Inneren jedoch durch zwei Höfe, die Licht, Natur und Atmosphäre ins Haus holen. Während der Kurort auf sichtbare Erholung setzt, hat Alexander Mühlbauer ein introvertiertes Refugium entworfen, das seine Kraft aus Material und Oberfläche schöpft und so eine stille Form der Regeneration in Architektur übersetzt.

 

 

Monolithische Reduktion

Das Gebäude wurde in Ortbeton gegossen, handwerklich geschalt und anschließend unbehandelt belassen. Jede Schaltafel hinterließ dabei ihre individuellen Spuren. Licht und Schatten modellieren die Oberflächen im Tagesverlauf, während Patina und Witterung das Material und seinen Ausdruck mit der Zeit verändern. Diese radikale Monolithik knüpft an historische Bautraditionen an, ohne diese zu imitieren. Beton bleibt der alleinige Baustoff und wird lediglich durch unbehandeltes Lärchenholz aus der Umgebung ergänzt. Beide Materialien dürfen und sollen sichtbar altern und so die Haltung der „Materialehrlichkeit“ und des „Minimum Intervention, Maximum Effect“ verkörpern, wie die Architekten sagen.

 

 

Inszenierte Landschaftsbilder

Die beiden Gärten – ein Moosgarten und ein Nachtgarten – sind mehr als nur Freiräume. Sie fungieren als „inszenierte Landschaftsbilder“ und eröffnen eine stille Dimension, in der Natur, Architektur und Zeit miteinander verschmelzen. Sie prägen aber auch Klima, Akustik und Atmosphäre, speichern Wärme, kanalisieren Wind und rhythmisieren den Alltag.

 

 

Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht in applizierten Technologien, sondern in der Materiallogik: Sortenreiner Stahlbeton, Kerndämmung und eine trennbare Schichtung eröffnen Potenziale für die Wiederverwendung beim Rückbau. Zugleich sichern die thermischen Eigenschaften Langlebigkeit und energetische Effizienz.

Im Kontext von Material und Oberfläche steht das „House with Two Courtyards” für eine radikale Reduktion auf das Wesentliche. Beton als bestimmender Faktor prägt Raum und Wahrnehmung; die Oberfläche wird zur Chronik von Licht, Nutzung und Zeit. Was bleibt, ist ein Haus, das mit seiner spröden Schönheit einen Resonanzraum für Natur und Mensch eröffnet und somit eine leise, aber präzise Antwort auf die Frage nach einem zeitgemäßen Materialverständnis gibt.

 

 

5 Fragen an Alexander Mühlbauer

Wie prägt die monolithische Verwendung von Beton Atmosphäre und Oberflächenwahrnehmung?

Unser Gebäude folgt einem klaren Code: Beton. Das rein handwerklich geschalte und unbehandelte Material bestimmt die Charakteristik von Raum und Oberfläche. Die Schaltafeln formen das Zusammenspiel von Licht und Schatten an Decken und Wänden, wobei Bewohner und Witterung im Laufe der Zeit innen wie außen ihre Spuren und Patina hinterlassen.

Wie vermittelt das Materialkonzept den Dialog zwischen historischer und zeitgenössischer Bauweise?

Das „House with two courtyards” setzt die regionale Bau-Tradition des monolithischen Bauens fort. Beton bleibt alleiniger Baustoff, die Übergänge von innen nach außen ergänzt unbehandeltes Lärchenholz aus der Umgebung – beide Materialien altern wie die historischen Bauten und verkörpern „Materialehrlichkeit” und „Minimum Intervention, Maximum Effect” in jedem Detail.

Welche Rolle spielen die Innenhöfe für Materialität und Raumerlebnis?

Die beiden Höfe organisieren das Haus, stiften Intimität und holen Licht, Jahreszeiten und den natürlichen Kreislauf ins Innere. Umgeben von Mauern entstehen sonnige wie schattige Plätze; nachts geben die Betonwände gespeicherte Wärme ab und Wind belebt die Pflanzen – so beeinflussen sie Klima, Akustik, Offenheit und Privatheit.

 

 

Welche Nachhaltigkeitsaspekte ergeben sich aus Materialwahl und Bearbeitung?

Sortenreiner Stahlbeton und Kerndämmung erlauben eine klare, trennbare Materialschichtung mit Wiederverwendungspotenzial im Rückbau. Die lange Lebensdauer und thermischen Eigenschaften des Gebäudes sichern Ressourcen, erhalten Substanz und verbessern die energetische Wirkung nachhaltig.

Wie werden die Gärten als integrale Bestandteile gestaltet und inszeniert?

Die Gärten sind inszenierte Landschaftsbilder, verbinden das Haus mit Tages- und Jahreszeiten und öffnen einen Resonanzraum für Natur und Architektur. Reduzierte Materialien wie Moos- und Nachtgarten markieren den Rhythmus von Licht, Wind und Pflanzenwandel – als optische und temporale Geräte, die die Gesamtkomposition um eine stille, wesentliche Dimension erweitern.

 

 

House with two courtyards
Bad Kötzting, Deutschland

Bauherr: privat
Planung: BÜRO MÜHLBAUER
Team: Alexander Mühlbauer, Andreas Mühlbauer, Andreas Josef Mühlbauer, Lukas Westner
Landschaftsarchitektur: Prof. Maurus Schifferli

Grundstücksfläche: 472 m²
Bebaute Fläche: 136 m²
Nutzfläche: 112 m²
Planungsbeginn: 2018
Bauzeit: 2021 – 2025
Fertigstellung: 2025
Baukosten: 343.000 EUR

www.architekt-muehlbauer.de

 

 

Nachhaltigkeit als Leitmotiv

Am 24. Juni 2025 wurde im Technischen Museum Wien zum zweiten Mal der Österreichische Betonpreis verliehen. Mit 82 eingereichten Projekten, von Wohnbau über Bildungsbau bis zur Revitalisierung, konnte die Zahl der Einreichungen gegenüber der Premiere 2023 deutlich gesteigert werden.

 


Future Art Lab der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien; Pichler und Traupmann Architekten ZT GmbH © Hertha Hurnaus

 

Das unterstreicht die Bedeutung des Preises als wichtigste Auszeichnung für nachhaltiges Bauen mit Beton in Österreich. „Die ausgezeichneten Bauwerke sind Leuchtturmprojekte, die uns den Weg zum nachhaltigen Bauen der Zukunft aufzeigen“, betont Christoph Ressler, Vorstand von Beton Dialog Österreich, dem Veranstalter des Österreichischen Betonpreises.

In der Kategorie Wohnbau überzeugte das Plusenergiequartier Campo Breitenlee in Wien-Donaustadt. Das Projekt setzt auf die thermische Speicherfähigkeit von Beton und schafft so ein effizientes Heiz- und Kühlsystem, das den Betrieb mit 100 Prozent erneuerbarer Energie ermöglicht. Eine Anerkennung erhielt das Grazer Projekt Lendmark, das mit schlanker Bauweise und smarter Energienutzung punktet.

 


Campo Breitenlee; Treberspurg & Partner Architekten ZT GmbH und Synn Architekten ZT-OG © Hertha Hurnaus

 

Bei den Bildungs- und Verwaltungsbauten setzte sich das Future Art Lab der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien durch. Hier wird Beton nicht nur als konstruktives, sondern auch als akustisches Gestaltungselement genutzt. Die Barbara-Prammer-Schule in Wien erhielt eine Anerkennung für die effiziente Nutzung des Baustoffs in Konstruktion und Energiekonzept.

 


Kulturzentrum Mattersburg; Holodeck Architects ZT GmbH © Wolfgang Thaler

 

Den Preis in der Kategorie Revitalisierung gewann das Kulturzentrum Mattersburg. Der denkmalwerte Bau der Nachkriegsmoderne wurde nicht nur behutsam saniert, sondern mit einem Neubau aus Beton zu einem stimmigen Ensemble erweitert. Das Europäische Patentamt in Wien erhielt hier eine Anerkennung für die Transformation eines Betonskelettbaus der 1970er-Jahre.

Der nächste Österreichische Betonpreis wird 2027 vergeben.

www.beton-dialog.at/betonpreis2025/

 

 

CO2-reduzierte Zemente

Neue Produktrezepturen sind ein essenzieller Teil der Dekarbonisierung-Roadmap. Die neuen CEM II/C Zemente reduzieren den Klinkeranteil auf 50 Prozent und senken im österreichischen Branchenschnitt den Fußabdruck von 493 auf 327 kg CO2 je Tonne Zement. Das entspricht einer Reduktion von 17 Prozent im Kubikmeter Beton. 

 


Bildungscampus Reininghaus mit Holcim ECOPlanet RC © Holcim, R. Sommerauer

 

Holcim deckt als erster Anbieter in Österreich mit diesen CO2-reduzierten Zementen alle gängigen Umweltklassen ab. Die bautechnischen Zulassungen für ECOPlanet RC (CEM II/C-M (S-F) 42,5 N) und ECOPlanet ROT (CEM II/C-M (S-LL) 42,5 N) gelten universell für alle Betone der Klassen B1–B12 (außer C3A-frei) gemäß ÖNORM B 4710-1. Qualität und Verarbeitungssicherheit bleiben auch im dekarbonisierten Portfolio gleich hoch. 

Ersetzt wird der Klinker als Bindemittelkomponente dabei durch Ersatz-Rohstoffe (sog. “supplementary cementitious materials (SCMs)” wie Flugaschen oder Hüttensand aus der  Kreislaufwirtschaft. Diese Nebenprodukte anderer Industrien sind in ihrer langfristigen Verfügbarkeit allerdings limitiert, weshalb die Industrie weitere Alternativen zur Klinkerreduktion entwickelt.

Der ECOPlanet RC (CEM II/C-M (S-F) 42,5 N) ist ein Zement mit mehr als 50 % Recycling­anteil, bezogen auf Klinker und Zumahlstoffe, wobei mehr als 25 % auf Baurestmassen entfallen. Der feingemahlene Betonbruch kann über den patentierten „Rapid Carb“ Prozess zudem im Mahlprozess CO2 Emissionen aus dem Produktionsprozess aufnehmen und dauerhaft speichern.

Holcim (Österreich) GmbH
T+43 80)1 588 89-0
www.holcim.at

 

 

Vom Schulabbruch zum sozialen Wohnraum

Mit dem Projekt „Social Housing 2104“ in Palma de Mallorca realisiert das katalanische Architekturbüro HARQUITECTES ein radikal nachhaltiges und zugleich hochfunktionales Wohngebäude für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen. Es ist ein Beispiel dafür, wie aus einem vermeintlich unbedeutenden Abriss ein zukunftsweisendes Bauprojekt entstehen kann – mit lokalem Material, ökologischer Intelligenz und hoher gestalterischer Qualität.

 

 

Auf dem Grundstück, auf dem heute das neue Wohnhaus steht, befand sich ursprünglich eine leerstehende, dreigeschossige Schule. Die Substanz – bestehend aus Marès-Sandsteinmauern sowie Decken aus Beton und Keramik – war baufällig und entsprach nicht mehr den städtebaulichen Vorschriften. Der Abriss war unumgänglich. Doch anstatt den Rückbau als bloßen Entsorgungsprozess zu begreifen, machten HARQUITECTES ihn zum Ausgangspunkt ihrer Entwurfsidee – ganz im Sinne des Urban Mining.

Diese Entscheidung war nicht nur ökologisch motiviert, sondern folgte auch der ursprünglichen Wettbewerbs­ausschreibung, die eine schnelle Bauweise – vorzugsweise in Holz – forderte. HARQUITECTES entschieden sich jedoch bewusst gegen eine Leichtbauweise und entwickelten stattdessen eine massive Struktur mit hoher thermischer Speicherkapazität. In Mallorcas Klima, geprägt von intensiver Sonneneinstrahlung und starken Temperaturschwankungen, verbessert diese Bauweise den Wohnkomfort erheblich.

 

 

Recycling als System

Die Geschichte des Ortes wurde nicht entsorgt, sondern in die neuen Wände eingeschrieben. Während des Rückbaus zeigte sich, dass der Marès-Sandstein nicht nur konstruktiv tragfähig, sondern auch ästhetisch reizvoll ist. Aus den 160 m³ geborgenen Steinen wurden große 4 × 4 m Betonplatten gegossen – mit bis zu 40 % Marès-Anteil als Zuschlagstoff. Diese Platten wurden anschließend mit einer übergroßen Kreissäge in rund 3.000 Blöcke geschnitten. An den Schnittflächen traten die eingelagerten Gesteinsbrocken deutlich zutage – und verliehen den Oberflächen eine archaische, narrative Qualität. So entstand eine raue, authentische Materialität, die dem Gebäude Ausdruck und Identität verleiht.

 

 

Materialwahl als Balanceakt

Ursprünglich planten die Architekten, alle Blöcke aus reinem Kalkbeton herzustellen – einem gesunden, ökologischen und atmungsaktiven Baustoff. Doch die lange Aushärtungszeit und die anfangs geringe Festigkeit machten dieses Vorhaben wirtschaftlich kaum tragbar. Die Lösung war eine pragmatische Hybridmischung: In den unteren, stärker belasteten Geschossen kam ein Kalk-Zement-Gemisch zum Einsatz, während in der obersten Etage, wo geringere Lasten wirken, reiner Kalkbeton verwendet wurde.

Auch andere Materialien aus dem Abbruch wurden sinnvoll integriert: Etwa 140 m³ Beton- und Keramikbruch aus den alten Decken und Zwischenböden wurden in die Fundamentgräben und die Wände des halbsouterrainartigen Sockelgeschosses eingebracht. Diese „vergrabene Wiederverwendung“ bildet im wörtlichen wie im übertragenen Sinn das Fundament des neuen Gebäudes.

 

 

Modularität trifft Effizienz

Auf diesem massiven Sockel wurden die vorgefertigten Blöcke zu tragenden Wänden geschichtet, die senkrecht zur Straßenflucht verlaufen. Die Decken bestehen aus Kreuzlagenholz (CLT) und liegen direkt auf den Blockwänden auf. Um diese Konstruktion zu ermöglichen, reduziert sich die Wandstärke pro Geschoss um jeweils 10 cm – von 64 cm im Erdgeschoss bis zu 34 cm im Dachgeschoss. Höhe (42 cm) und Länge (135 cm) der Blöcke bleiben konstant. Dieses einfache, modulare Prinzip beschleunigt die Vorfertigung und sorgt für eine rationelle Bauweise mit klarer Struktur. Quer zu den Hauptwänden wurden dünnere, 13 cm starke Innenwände aus demselben Material eingebaut. Sie entstanden durch das Zerteilen eines 60 cm breiten Blocks in vier Segmente und bilden gemeinsam mit dem Treppenhaus- und Aufzugskern das aussteifende Rückgrat des Gebäudes.

 

 

Raum folgt Struktur

Diese konsequent strukturbedingte Bauweise prägt auch die räumliche Organisation. In der Gebäudeecke befindet sich der Zugangskern mit Treppe und Aufzug. Von dort gelangt man über eine Laubengang-ähnliche Galerie im begrünten Innenhof zu den einzelnen Wohnungen. Die meisten Einheiten erstrecken sich über die gesamte Bautiefe zwischen zwei tragenden Quermauern – also innerhalb einer einzigen Tragachse – und sind durchgesteckt, mit Belichtung und Belüftung auf beiden Seiten. In den Regelgeschossen ergibt sich daraus ein klar gegliedertes Wohnkonzept mit hoher Aufenthaltsqualität. Abweichend davon ist die Bautiefe im Sockel- und im Dachgeschoss reduziert. Um dennoch funktionale Grundrisse zu ermöglichen, erstrecken sich die dortigen Wohnungen nicht in der Tiefe über eine, sondern in der Breite über zwei Tragachsen. Die Dachgeschosswohnungen verfügen zusätzlich über großzügige Terrassen. Alle Wohnungen sind barrierefrei erschlossen, einige speziell auf die Bedürfnisse von Rollstuhlnutzern ausgerichtet. Gemeinschaftsräume wie Waschküchen und Aufenthaltsbereiche auf jeder Etage fördern das soziale Miteinander.

 

 

Regulatorische Hürden

Eine der größten Herausforderungen des Projekts war nicht technischer, sondern bürokratischer Natur. Die Mallorquinischen Abfallvorschriften sehen in Abbruchmaterial kein Baumaterial, sondern nach wie vor Müll – was in der Regel eine kostenpflichtige Entsorgung auf Deponien erfordert. Um das Recyclingkonzept vor Ort überhaupt umsetzen zu können, war intensive politische Unterstützung und behördliche Überzeugungsarbeit notwendig. Dass dies letztlich gelang, zeigt, dass zukunftsfähige Architektur nicht nur auf dem Reißbrett, sondern auch auf administrativer Ebene entschieden wird.

 

 

Social housing 2104
Palma de Mallorca

Bauherr: IBAVI – Institut Balear de l’Habitatge
Architektur: HARQUITECTES (David Lorente, Josep Ricart, Xavier Ros, Roger Tudó)
Projektmitarbeit: Anna Burgaya, Ángeles Torres, Montse Fornés, Cynthia Rabanal, Victor Jorgensen
Tragwerksplanung: DSM-arquitectes
Haustechnik: M7 Enginyers
Umweltberatung: Societat Orgànica
Akustik: MC Acústica
Spezialberatung Kalkbau: Joan Ramon Rosell

Grundstücksfläche: 1.610 m²
Planungszeit: 2021–2022
Bauzeit: 2022–2024

www.harquitectes.com

Text: Andreas Laser
Fotos: Adrià Goula

 

Design und Umwelt im Einklang

Beton ist das Rückgrat unserer gebauten Umwelt – von Wohnbauten über Infrastrukturanlagen bis hin zu erneuerbaren Energieprojekten. Seine bewährte Vielseitigkeit, Langlebigkeit und Formbarkeit machen ihn für Architekten und Planer seit langem unverzichtbar. Eine der größten Herausforderungen aus ökologischer Sicht ist es, diese hervorragenden Eigenschaften mit den aktuellen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung in Einklang zu bringen.

 

 

Wopfinger Transportbeton hat mit der ausgezeichneten Produktlinie ÖKOBETON ein innovatives Produktportfolio entwickelt, welches neben dem Einsatz von Recyclingmaterialien auch den Aspekt der CO2-Reduktion abdeckt. Je nach Anwendung sind ÖKOBETONE mit bis zu 80 % Recyclinganteilen und/oder mehr als 50 % CO2-Reduktion verfügbar, ohne Kompromisse bei Qualität und Gestaltungsfreiheit. Die breite Produktpalette deckt unterschiedlichste Anforderungen ab und eröffnet gleichzeitig neue gestalterische Möglichkeiten, beispielsweise durch besonderes Hervorheben von Recyclinganteilen bei geschliffenen Sichtbetonoberflächen.

 

 

Durch Herstellung und Auslieferung aus CSC-zertifizierten Betonwerken wird dabei das Erreichen von Gebäudezertifizierungen wie z.B. ÖGNI signifikant unterstützt – ein klarer Pluspunkt bei der Projektvermarktung und der Wertsteigerung von Immobilien. Darüber hinaus kann der Einsatz von ÖKOBETON auch bei der Erlangung von Förderungen hilfreich sein. Wopfinger Transportbeton erleichtert durch spezifische Ausschreibungstexte (ABK) die Planungs- und Ausschreibungsprozesse.

Allen Planenden bietet Wopfinger auch im Rahmen individueller Workshops an, sich einen Wissensvorsprung im Bereich nachhaltiger Betone zu verschaffen.

Wopfinger Transportbeton Ges.m.b.H.
T +43 (0)2253 65 51 – 0
office@wopfinger.com
www.wopfinger.com

 

 

Altes Mauerwerk, neuer Geist

Im Grazer Einzugsgebiet, dem heutigen Rosenhain, wurde im 17. Jhdt. ein stattliches barockes Gebäude errichtet, das eine wechselhafte Geschichte bis hin zur Ruine in der Neuzeit erlebte. Unter Denkmalschutz gestellt wurde es als Jesuitenrefektorium am Rosenhain der Universität Graz zugeordnet, und nach vielen Überlegungen entschloss man sich, das Baujuwel von Leb-Idris architektur aus seinem Dornröschenschlaf erwecken zu lassen. Als wichtiger Begleiter für das Projekt war dabei die Cooperative Leichtbeton eingebunden.

 

 

Der Plan sah die Sanierung des Bestandes, die Wiedererrichtung der zuvor eingestürzten Arkaden sowie einen zweigeschoßigen Dachaufbau vor. Die über 400 Jahre alten Gemäuer wurden als raumbildende Elemente verwendet und eine Rahmenkonstruktion aus Stahlbeton ermöglichte zusätzlich ein zweigeschossiges Dach aufzusetzen. 2023 war Baubeginn, die Fertigstellung erfolgte 2025.

 

 

Das Kellergewölbe konnte dabei nicht erhalten werden und wurde durch eine Betonschachtel für Technik und Fahrradabstellplätze ergänzt. Auf der denkmalgeschützten, revitalisierten Bausubstanz wurden ein Hörsaal, Seminar- und Arbeitsräume für das Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit errichtet. Dem Nachbild der abgekommenen Arkaden und Giebelwände aus bis zu sechzig Zentimeter starken, homogenen Dämmbetonwänden, mit ihren Schattierungen, dem industriellen Raster der Schaltafeln, Rödellöchern und Fließspuren, ist der Entstehungsprozess eingeschrieben. Altes Mauerwerk und hochmoderner, gegossener Baustoff ergänzen sich in ihrer Haptik, Optik und Mächtigkeit zu einem hellen, Ruhe vermittelnden Bauwerk unter einem gemeinsamen Dach.

 

Lias Österreich GesmbH
T +43 (0)3155 2368-0
info@liapor.at
www.liapor.at

Fotos: Di Thomas Schönbichler

 

 

Eins draufgesetzt

Zwischen Alt und Neu hauchte Burckhardt Architektur in Genf einem Schulbau aus den späten 1960er-Jahren neues Leben ein. Das Schweizer Planerteam revitalisierte das Collège Rousseau behutsam und passte es mit neuen Elementen sowie einer Aufstockung aus Holz möglichst unauffällig an steigende Schülerzahlen an. Hinter der markant gerasterten Fassade gelang damit die Balance zwischen Denkmalschutz und energetischer Optimierung. Nach der Modernisierung ist der historische Betonbau nun fit für die Zukunft.

 

 

Der von Alain Ritter entworfene Bildungsbau wurde 1969 in Genf errichtet. Rund 55 Jahre später stand das brutalistische Gebäude unter Denkmalschutz. Allerdings machte der schlechte Zustand der bestehenden Schule eine umfassende Sanierung unumgänglich. Daraufhin wurde 2017 ein Wettbewerb ausgeschrieben, um die Sekundarschule nicht nur zu modernisieren, sondern außerdem zu erweitern und künftig Platz für mehr Schüler zu schaffen. Mit einem Entwurf, der die alte Bausubstanz aus Beton erhält, den Bestand behutsam fortschreibt und erneuert sowie eine Aufstockung aus Holz hinzufügt, konnte sich dabei das Büro Burckhardt durchsetzen. Die Schweizer Architekten ergänzten den Baukörper – angefangen von den Betonfertigteilen der prägnanten Lochfassade – subtil und integrierten im Inneren eine leichte Holzkonstruktion, die fortan für ein warmes, ansprechendes Ambiente sorgen soll.

 

 

Form follows function

Die Schule befindet sich – nördlich und südlich umgeben von Wohnhochhäusern sowie freistehenden Mehrfamilienhäusern im Osten und Westen – von der Straße zurückgesetzt, auf einem abfallenden Grundstück nahe der Genfer Innenstadt. Mit seiner rechteckigen Form legt sich der Baukörper um einen zentralen Innenhof. Über die Gliederung der Fassaden lassen sich die internen Funktionen an der Außenseite ablesen: Während die beiden, leicht zurückversetzten Sockelgeschosse großflächig verglast der Verwaltung gewidmet sind, zeigen sich die darüberliegenden Stockwerke mit den Unterrichtsbereichen geschlossener und streng gerastert.

 

 

Energieeffizient konzipiert

Um den höheren Schülerzahlen gerecht zu werden, galt es, den Bau zu vergrößern. Anstatt zusätzliche Fläche im Genfer Zentrum zu versiegeln, entschied man sich dabei aus optischen und nachhaltigen Gründen für eine Aufstockung. Zudem stellte sich die Entwurfsentscheidung als äußerst effizient heraus: Zum einen wurde durch die gestapelte Anordnung der Bedarf an neuer (technischer) Infrastruktur in der Schule reduziert. Zum anderen ließen sich auf diesem Weg die Kosten senken und das kompakte Layout minimiert den Wärmeverlust des Hauses. Eine leichte Holzstruktur erfüllte die statischen Anforderungen und ermöglichte die Erweiterung des Bestands ohne weitere Verstärkungen. Generell gelang es mit diesen Maßnahmen, den denkmalgeschützten Bau zu respektieren und den Energieverbrauch des Collège Rousseau trotzdem zu optimieren. „Für die Aufstockung wurden sehr hohe Energieeffizienzziele (THPE) erreicht, während für die historischen Teile die Ziele einer Minergie-Renovierung umgesetzt wurden“, schildern die Architekten.

 

 

Digitale Planung

Die einzelnen Phasen des Erneuerungs- und Erweiterungsprojekts unterstützte man – sowohl im Bestand als auch in der Aufstockung – durch ein BIM-Modell digital. Dafür vermaß man das historische Haus zunächst mittels 3D-Scan bzw. einer Punktewolke komplett und ergänzte es anschließend durch weitere Informationen aus Originalplänen, CAD-Dateien und fotobasierten 180 °-Aufnahmen. Dank der Kombination dieser verschiedenen Tools ließ sich das Gebäude besonders akkurat digitalisieren und so in weiterer Folge die Planung und Ausführung vereinfachen.

Die Schule wurde bei laufendem Betrieb renoviert. Nach dem Prinzip der „LEAN Construction“ fokussiere man sich deshalb in der komplexen Zusammenarbeit der unterschiedlichen Projektbeteiligten (von Architekten bis hin zu Technikern) auf möglichst effiziente Abläufe. So fanden beispielsweise die lärmintensiven Baustellenarbeiten während der Schulferien statt, um Störungen des Unterrichts zu vermeiden.

 

 

Zwischen Alt und Neu

Beim Grundriss des neuen, dritten Obergeschosses orientierte sich das Planerteam von Burckhardt Architektur am Bestand. Allerdings entschied man sich für eine großzügigere Raumhöhe und beließ die Holzoberflächen sichtbar. Zwei Oberlichter bringen künftig viel Tageslicht in die Erschließungszonen mit den beiden Haupttreppen und auch sonst öffnen sich sämtliche Bereiche der Schule über große Fenster entweder zur Umgebung oder zum zentralen Innenhof hin. Die Cafeteria im Eingangsniveau lädt als offener Pausenraum bzw. Treffpunkt ein und dient gleichzeitig als informeller Lernort. Eine Bibliothek und administrative Flächen gibt es ebenso. Die Aula unter dem zentralen Innenhof komplettiert als besonderes Highlight den Sockel des Schulbaus. In den bestehenden Etagen ertüchtigten die Architekten vorhandene Elemente und Materialien weitgehend und integrierten diese in das neue Gestaltungskonzept. So prägen neben Sichtbeton und Terrazzo auch Akustik-Deckenuntersichten im Stil der späten 1960er-Jahre weiterhin das Bild. Insgesamt stehen künftig fast 22.000 m2 Nutzfläche für den Schulbetrieb und als Unterrichtsflächen zur Verfügung.

 

 

Collège Rousseau
Genf, Schweiz

Bauherr: État de Genève, Kantonales Amt für Bauwesen
Planung: Burckhardt Architektur
Tragwerksplanung: Thomas Jundt Ingénieurs Civils
Bauphysik: ENPLEO
Fassade: Xmade
Betonfertigteile (Fassade): MFP Préfabrication
Elektrotechnik: Betelec
Haustechnik: Chammartin & Spicher
Akustik: Batj
Historiker Heimatschutz: Christian Bischoff
BIM/CDE: Kairnial (Thinkproject), Autodesk Construction Cloud

Gesamtfläche: 21.850 m2
Planungsbeginn: 2018
Fertigstellung: 2024

www.burckhardt.swiss

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Olivier Di Giambattista

 

 

Zuwachs für Wiens Skyline

Zum DC Tower 1 gesellt sich in der Wiener Skyline nun der DC Tower 2 mit einer beeindruckenden Gesamthöhe von 174 Meter. Bis zum sechsten Obergeschoss wurde das Gebäude aufgrund der massiven Stahl-Einbauteile in den Flügelwänden konventionell errichtet.

 

 

Dabei kamen die bewährte MAXIMO Rahmenschalung, die leichte und flexibel einsetzbare SKYDECK Paneel-Deckenschalung sowie die Schachtbühne SRU von PERI zum Einsatz. Für den weiteren Bauverlauf wurde das Schienenklettersystem RCS im Gebäudekern installiert, mit der pro Stockwerk ein 5-Tagestakt erreicht wurde. Weiter im Einsatz war auch ein Betonverteiler mit einem Radius von 36 m zum Betonieren des Gebäudekerns, der Decken und der Säulen. Um die Arbeiten effizient zu gestalten, wurde der Gebäudekern in vier Bereiche unterteilt. Die Kletterschalung war mit einer geschlossenen Betonierbühne ausgestattet, die den sicheren und effektiven Einbau der Bewehrung erleichterte. Für schnelle Schalzeiten sorgte die MAXIMO Rahmenschalung, die mittels Fahrwerken präzise einjustiert wurde. Ergänzend kam die RCS-P Kletterschutzwand zum Einsatz und schützte die Arbeiter zuverlässig vor Absturz, herabfallenden Gegenständen und starkem Wind.

 

PERI Ges. mbH
T +43 (0)2783 4119-0
office@peri.at
www.peri.at

 

Leben und Studieren

Das Studentenwohnheim NMX Neu Marx in Wien basiert auf Entwürfen der ­Burtscher Durig ZT GmbH und umfasst Serviced Apartments, Shops, Büros, mehrere Fitness-, Musik- und Mehrzweckräume sowie eine große Terrasse.

 

 

Bauherr ist die RPHI – Raiffeisen Property Holding International GmbH, die auf einer Brutto-Geschossfläche von rund 22.000 m2 und in zwei Bauteilen ein Konzept realisiert hat, das die Bedürfnisse studieren, wohnen, arbeiten und Freizeit an einem Standort mit hohem Nutzungsmix vereint.

Auch in Bezug auf Nachhaltigkeit setzt das Projekt Maßstäbe: Heizung und Kühlung erfolgen gänzlich ohne fossile Brennstoffe, das Energiekonzept basiert auf der Grundwassernutzung, Wärmepumpen, Photovoltaikanlage über die gesamte Dachfläche und Bauteilaktivierung: Etwa 12.500 m3 Beton, geliefert vom Betonlieferanten Wopfinger, bilden dabei die Basis für die Kühlung und Heizung über die aktivierten Bauteile.

 

 

„Um das große Volumen des Gebäudes maßstabsgerecht in die Umgebung zu integrieren, haben wir das Gebäude mit einer Schicht aus spielerisch angeordneten Balkonen überzogen, die zusammen mit verschiedenen Fenstertypen ein kleinteiliges Muster ergeben“, erläutern die Architekten Burtscher Durig ihr Konzept. Beton wurde dabei nicht nur für den Bau, Hohlwände, Ortbetonwände und Stahlbetondecken, eingesetzt, auch alle Deckenaufsichten, viele Wände und die Balkonuntersichten wurden in Sichtbeton ausgeführt und werden als gestalterischer Akzent benutzt.

Fotos: Bruno Klomfar/Burtscher Durig ZT GmbH

 

 

Ein urbaner Setzkasten

Mit ihrem ersten Wohnhochhaus haben Franz&Sue im Wiener Nordbahnviertel ein ebenso präzises wie poetisches Statement gesetzt. Auf 21 Geschossen verbindet das Projekt am Rand der „Freien Mitte“ dichte Urbanität mit der Weite einer bewahrten Stadtwildnis. Dabei geht es um mehr als spektakuläre Ausblicke: Das Hochhaus will sowohl Landmarke als auch integrativer Bestandteil eines zukunftsweisenden Stadtquartiers sein.

 

 

Das Nordbahnhofareal im 2. Wiener Gemeindebezirk zählt zu den größten innerstädtischen Entwicklungsgebieten Europas. Wo einst Güterzüge rollten, entsteht heute ein vielfältiges Stadtquartier mit Schulen, Wohnhäusern, Büros und großzügigen Freiräumen. Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist die sogenannte „Freie Mitte“ – eine weitgehend ungestaltete Grünfläche, die als öffentliche Stadtwildnis erhalten bleibt. Schon im ursprünglichen städtebaulichen Wettbewerb war vorgesehen, punktuell Hochhäuser entlang dieser Grünzone zu platzieren, um urbane Dichte mit dem offenen Landschaftsraum zu verzahnen. Franz&Sue realisierten nun mit ihrem Projekt den „Schlussstein“ dieser Entwicklung.

 

 

Eine Fassade voller Geschichten

In einer leichten Drehung und mit einem feinen Knick in der Kubatur öffnet sich der Baukörper zur grünen Mitte hin und schafft auf diese Weise eine vitale Verbindung zwischen gebauter Stadt und freier Landschaft. Diese Geste der Öffnung setzt sich in der Gestaltung der Fassade fort. Inspiriert von der Handarbeit eines gestrickten Musters, legen sich unterschiedlich ausgeführte Balkonbrüstungen wie ein zartes Strickwerk über die weiße Gebäudeschale. Drei verschiedene Balkongitter-Varianten erzeugen eine lebendige Struktur, die dem Hochhaus eine subtile Eleganz verleiht, ohne modisch zu wirken – ein bewusster Entwurf für eine langfristige architektonische Relevanz. Jede Wohnung öffnet sich auf private Freiräume, die wie Verlängerungen des benachbarten Parks wirken und Ausblicke sowohl auf die Stadt als auch auf die freie Mitte erlauben. Doch hinter der poetischen Anmutung steckt ein pragmatischer Gedanke: Das Haus ist so gestaltet, dass es die Aneignung durch seine Bewohner aushält. Jeder Balkon, jede Loggia wird zum individuellen Ausdrucksort, ohne dass das Gesamtbild darunter leidet. Das Gebäude funktioniert wie ein großer Setzkasten, der Vielfalt ermöglicht, ohne ins Beliebige zu kippen – eine Qualität, die viele kleinteiliger gedachte Projekte vermissen lassen und die gerade im Hochhausbau entscheidend ist, um die Balance zwischen Individualität und urbaner Ordnung zu bewahren.

 

 

Lebendige Gemeinschaft

Wesentlich für die Identität des Projekts ist auch die kluge Interpretation der Sockel- und Gemeinschaftsbereiche. Während viele Hochhäuser verschlossene Erdgeschosse aufweisen, öffnet sich dieses Gebäude großzügig zum öffentlichen Raum. Eine Lobby, ein gut angenommener Coworking-Space, großzügige Fahrradgaragen sowie bald ein Fitness­center aktivieren die Erdgeschosszone nachhaltig. Auf dem Sockelgeschoss bieten zusätzliche Gemeinschaftsbereiche wie eine große Freiluftküche mit Indoor- und Outdoorbereich sowie eine Sauna den Bewohner:innen Orte für Begegnung und Austausch. Zwei Wohneinheiten verfügen hier zudem über kleine private Gärten. Die hervorragende Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, mit zwei Straßenbahnlinien direkt vor der Tür, die das Viertel erschließen, stärkt zusätzlich die Verknüpfung des Gebäudes mit dem städtischen Leben.

 

 

Räume für heute und morgen

Die Wohnungstypologien richten sich vor allem an die gehobene Mittelschicht – zwei- bis vier-Zimmerwohnungen prägen das Angebot, ergänzt durch großzügigere Einheiten in den obersten Geschossen, die mit leicht erhöhten Raumhöhen ausgestattet sind. Die Grundrisse sind flexibel angelegt: Eine zentrale Erschließung und ein reduzierter Anteil tragender Innenwände ermöglichen es, die Wohnungszuschnitte mittelfristig an veränderte Bedürfnisse anzupassen. Diese Offenheit im Grundriss bietet eine nachhaltige Grundlage für unterschiedliche Lebensentwürfe – von Familien über Paare bis hin zu Menschen, die Wohnen und Arbeiten kombinieren wollen.

 

 

Neben der Qualität der Raumaufteilung trägt auch die technische Infrastruktur entscheidend zum Komfort bei. Beheizung und Kühlung erfolgen über die Decken, gespeist durch Fernwärme und Fernkälte – eine besonders angenehme, zugfreie und energieeffiziente Art der Raumtemperierung.

Materialität und Atmosphäre folgen einer klaren, jedoch warmen Architektursprache. In den Gemeinschaftsbereichen bleibt das massive Betontragwerk sichtbar, ergänzt durch Holzapplikationen, die dem robusten Rahmen eine wohnliche Note verleihen. In den Wohnungen selbst wird eine klassische, zeitlose Gestaltung gepflegt, die auf Langlebigkeit und Alltagstauglichkeit setzt.

 

 

Stadtbaustein mit Weitblick

Das Projekt, das im Rahmen eines nicht offenen Realisierungswettbewerbs entstand und inzwischen mit Auszeichnungen wie dem „best architects 25“, dem „klimaaktiv Gold“-Zertifikat und dem FIABCI Prix d’Excellence Austria gewürdigt wurde, zeugt von einem architektonischen Selbstverständnis, das über reine Zweckmäßigkeit hinausgeht. Hier wurde ein Hochhaus realisiert, das nicht nur den Blick über Wien freigibt, sondern selbst als Teil der Stadtlandschaft mitwirkt, neue urbane Perspektiven eröffnet und Raum für individuelle Geschichten bietet – wie ein großer urbaner Setzkasten, der auf Dauer lebendig bleibt.

 

 

Wohnhochhaus Nordbahnhof
Wien

Bauherr: KIBB Immobilien GmbH
Planung: Franz&Sue ZT GmbH
Team: Ursula Gau (PL), Björn Haunschmid-Wakolbinger, Dieter Fellner, Katarína Martoňáková, Johannes Tiefenthaler, Milica Simic, Kateřina Kunzová, Zsuzsanna Balla, Judith Mayr, Zsolt Toarniczky, Pavlo Kukurudz

Statik, Bauphysik, Thermische Gebäudesimulation, Gebäudetechnik: Dr. Roland Mischek ZT GmbH
Brandschutzplanung: DI Erich Röhrer
Landschaftsplanung: EGKK

Bebaute Fläche: ca. 1.250 m²
Bruttogeschossfläche: 23.603 m²
Nutzfläche: 17.600 m²
Planungsbeginn: 2019
Fertigstellung: 2024

www.franzundsue.at

Text: Andreas Laser
Fotos: Hertha Hurnaus

 

 

Musterhafte Platzgestaltung

Die Neugestaltung des Enkplatzes im 11. Wiener Gemeindebezirk, entworfen vom Landschaftsarchitekturbüro idealice Landschaftsarchitektur ZT, steht ganz im Zeichen einer nachhaltigen und lebensfreundlichen Stadtentwicklung.

 


© Fürthner/MA 28

 

Der Planung ging eine Bürgerbefragung voraus und der neu gestaltete Platz begeistert nun durch seine funktionale wie ästhetische Aufwertung: Die Pflasterung und 515 m2 zusätzlicher Grünraum schaffen entsiegelte, verdunstungsaktive Flächen, die zur Regenwasserrückhaltung beitragen. 38 neu gepflanzte Bäume sorgen für eine natürliche Beschattung der 70 neuen Sitzgelegenheiten gemeinsam mit der weiteren hitzeresistenten Bepflanzung, dem Wasserspiel und den sechs Nebelstelen für Kühlung an heißen Tagen.

 


© Markus Kaiser/Friedl Steinwerke

 

Ein gestalterisches Highlight stellt das Pflastermuster des Platzes dar, das direkt vom Dach der angrenzenden Kirche inspiriert wurde. Für die Umsetzung des Kirchendachmusters wurden Betonpflastersteine in den Formaten 30 x 30 x 12 cm und 40 x 30 x 12 cm von Friedl Steinwerke gewählt. Ein helles Grau bestimmt den Grundton der Pflasterung, wodurch sich die Fläche im Sommer nur wenig aufheizt.

 

Friedl Steinwerke GmbH
T +43 (0)2618 3208
weppersdorf@steinwerke.at
www.steinwerke.at

 

 

Eine einfache Kiste

Mit dem Projekt „Gemeindebau NEU – Aspern H4“ setzt die Stadt Wien gemeinsam mit WUP architektur ein klares Statement für einen geförderten Wohnbau, der über das klassische Bild der sozialen Wohnversorgung hinausreicht. Es geht nicht mehr nur um leistbares Wohnen, sondern um Lebensräume, die auf Zukunftstauglichkeit, Nachhaltigkeit, Flexibilität und den Alltag der Bewohner:innen ausgerichtet sind. Was auf den ersten Blick wie ein nüchternes Bauvolumen erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als durchdachte architektonische Antwort auf die drängenden Fragen des urbanen Wohnens im 21. Jahrhundert.

 

 

Das Gebäude in der Mela-Köhler-Straße 7 in der Seestadt Aspern ist äußerlich eine einfache, klare Kubatur – eine bewusste Entscheidung, wie Bernhard Weinberger und Andreas Gabriel von WUP architektur betonen. In einer Zeit drastisch steigender Bau­preise war Reduktion nicht nur ein ökonomisches Gebot, sondern wurde zum kreativen Ausgangspunkt. Ursprünglich als äußerst flexibel nutzbarer Wohnbau mit beweglichen Möbeln und etlichen Schiebewänden konzipiert, musste das Projekt während der Umsetzung pandemiebedingt neu gedacht werden. Die Notwendigkeit zur Reduktion wurde zur architektonischen Tugend: „Im Nachhinein muss man sagen, dass durch das Gezwungensein auf das Wesentliche das Haus sogar viel besser geworden ist“, heißt es seitens des Entwurfsteams. Das Ergebnis ist ein Haus, das sich mit einfachsten Mitteln an ein Maximum an Lebensrealitäten anpasst – und dabei eine Wohnqualität bietet, die im geförderten Sektor nicht selbstverständlich ist.

 

 

Raum für das Leben

Kernidee des architektonischen Konzepts ist die Vorstellung von Wohnraum als „offenes Gefäß für Lebensverläufe“. Die klassische 3-Zimmer-Wohnung, die meist nur eine kurze Phase im Leben ideal abdeckt, wird hinterfragt. Stattdessen wird mit flexiblen Grundrissen gearbeitet, die sich verändernden Bedürfnissen im Laufe der Jahrzehnte anpassen können.

Die Wohnungen sind so konzipiert, dass sie eine mittige Sanitärzelle enthalten, die umlaufbar ist. Die erwähnten Schiebewände aus dem Ursprungskonzept wurden nicht komplett gestrichen und erlauben es zumindest in etwa einem Drittel der Wohnungen, Räume zu zonieren, ohne sie dauerhaft zu definieren. Lange, doppelt erschlossene Zimmer lassen sich einfach durch Stellwände oder Möbel abteilen. So wurden bewusst Raumreserven geschaffen, Bereiche ohne vorgegeben Funktion, die sich kreativ nutzen lassen und so zur langfristigen Anpassungsfähigkeit beitragen.

So kann eine typische Typ-B-Wohnung mit nur zwei offiziellen Zimmern wie eine 3- oder sogar 4-Zimmer-Wohnung funktionieren. Sie eignet sich für verschiedene Lebensphasen: sei es für WGs, Patchworkfamilien, Pflegepersonen, Homeoffice, Gäste oder Hobbys. Die Räume sind nicht in einem klassischen Sinn vollwertige Zimmer, sondern werden als flexible Nutzungsbereiche verstanden – eine Denkweise, die dem modernen urbanen Leben deutlich näher kommt als die rigide Zimmerzählung klassischer Wohnbauprojekte.

 

 

Tragwerk als Möglichkeitsraum

Die strukturelle Konzeption des Hauses ist ebenso reduziert wie durchdacht. Das Tragwerk basiert auf nur zwei tragenden Mittelmauern, die von schlanken Pfeilern in der Außenwand ergänzt werden. Das ermöglicht nicht nur große Fensteröffnungen und auskragende Balkone, sondern auch eine maximale Freiheit in der Grundrissgestaltung. Auf tragende Schotten wurde bewusst verzichtet. Die Trennwände zwischen den Wohnungen bestehen aus Trockenbau, wodurch spätere Umgestaltungen – etwa zur Umwandlung in Clusterwohnungen oder die Zusammenlegung mehrerer Einheiten – mit geringem Aufwand möglich sind. Diese strukturelle Vereinfachung reduziert nicht nur die Baukosten erheblich, sondern stellt auch sicher, dass das Gebäude über Jahrzehnte hinweg an neue Wohn- und Gesellschaftsformen angepasst werden kann. Das Haus ist so konzipiert, dass es langfristig wie ein strukturelles Großraumbüro funktioniert – offen, veränderbar, robust.

 

 

Materialehrlichkeit und Wohnqualitat

Auch die Materialwahl folgt einer klaren Logik: Alles Unnötige wird weggelassen. Sichtbeton wurde durch Ortbeton ersetzt, die Geländer bestehen aus verzinktem Stahl. Anstelle von Aluminium oder Holz kamen einfache weiße Kunststofffenster zum Einsatz. Doch diese Materialreduktion bedeutet keineswegs eine Einschränkung der Wohnqualität – im Gegenteil. Die Fenster sind raumhoch ausgeführt und ermöglichen von jedem Zimmer aus den direkten Zugang auf die Balkone. Diese umlaufen das Gebäude auf einem 1 Meter breiten Band und kragen an bestimmten Stellen bis zu 2,5 Meter weit aus. Die großzügige Belichtung schafft helle, offene Wohnräume. Raumhohe, vertikal montierte Heizkörper ersetzen platzraubende Konvektoren und ermöglichen so die volle Ausnutzung der Fensterflächen. Diese Kombination aus einfacher Ausführung und hoher Gebrauchstauglichkeit zeigt, wie selbst unter wirtschaftlich extremen Rahmenbedingungen hohe Wohnqualität erreicht werden kann – durch architektonische Präzision statt durch teure Materialien.

 

 

Gestaltung mit Haltung

Die Fassadengestaltung greift bewusst auf kräftige Farbfelder zurück, die die strenge Geometrie des Baukörpers gliedern. Dieses einfache Mittel ersetzt teure Fassadenmaterialien und verweist gleichzeitig auf die klassische Ästhetik historischer Wiener Gemeindebauten. Die Farbgestaltung wird auch im Inneren fortgeführt: Gänge, Foyers und gemeinschaftliche Zonen sind farblich akzentuiert, um dem anonymen Charakter vieler Neubauten entgegenzuwirken. Farbe wird hier als Form der Wertschätzung verstanden – gegenüber dem Gebäude, aber vor allem gegenüber den Bewohner:innen. Weiße Flure mit grauem Boden vermitteln schnell das Gefühl von Billigkeit und Gedankenlosigkeit. Farbige Gestaltung hingegen signalisiert, dass sich jemand Gedanken gemacht hat – über Atmosphäre, Orientierung, Zugehörigkeit. Das Wohnen beginnt nicht erst mit dem Öffnen der Wohnungstür, sondern bereits im gemeinschaftlichen Raum davor. Das geht Hand in Hand mit dem Anliegen der Architekt:innen, eine emotionale Bindung der Bewohner:innen zum Haus zu ermöglichen. Das gelingt nicht nur über Raumqualitäten, sondern auch durch die Möglichkeit der Aneignung. Die offenen Balkone etwa verzichten bewusst auf übertriebenen Sichtschutz. Das Haus lädt die Bewohner:innen ein, es sich zu eigen zu machen – auch gestalterisch. Eine Architektur, die solche Aneignung zulässt und aushält, ist robust im besten Sinn.

 

 

Darüber hinaus fördert das Projekt auch das soziale Miteinander. Ein Gemeinschaftsraum mit Küche kann für Feste, Nachbarschaftstreffen oder als kindlicher Spielraum genutzt werden. Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und Wohnformen wie „Wohnen & Arbeiten“ tragen dazu bei, das Quartier lebendig und funktional zu gestalten.

Trotz des engen Budgets wurde auch der Aspekt der sommerlichen Überhitzung mitgedacht. Das umlaufende Balkonband sorgt für Eigenverschattung, hinzu kommt ein außenliegender Sonnenschutz. Viele der großzügigen Balkonflächen wurden inzwischen von den Bewohner:innen begrünt – mit Zier- und Nutzpflanzen, die das Mikroklima verbessern und ebenfalls zur individuellen Aneignung der Außenräume beitragen. Der Balkon wird so nicht nur zum privaten Rückzugsort, sondern auch zur ökologischen Ressource.

 

 

Der Gemeindebau als urbanes Labor

Mit dem Projekt Aspern H4 zeigt Wien eindrucksvoll, wie auch unter engsten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zukunftsweisende Wohnbauten entstehen können. Der Gemeindebau NEU ist kein nostalgischer Rückblick auf das Rote Wien, sondern ein Ausblick auf eine neue Generation des sozialen Wohnbaus: flexibel, robust, nutzungsneutral, kosten­effizient und dabei dennoch poetisch.

 

 

 

Gemeindebau Aspern H4
Wien

Bauherr: WIGEBA
Planung: WUP architektur
Projektleitung: Raphaela Leu
Statik: ghp gmeiner haferl&partner zt gmbh
Freiraumplanung: rajek-barosch

Wohneinheiten: 76 (+3 Gewerbeeinheiten)
Baubeginn: 07/2021
Fertigstellung: 03/2023
Auszeichnungen: Klimaaktiv Gold, Nom. Mies-Van-Der-Rohe Award, Nom. Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit

www.wup-architektur.com

Text: Andreas Laser
Fotos: Luiza Puiu

 

 

Raum für Arbeit und Austausch

Im 15. Wiener Gemeindebezirk entsteht ein kompakter, funktional durchdachter Dachausbau. Nach dem vollständigen Rückbau des bestehenden Dachgeschosses wird ein dreigeschoßiger Aufbau realisiert, der sich sensibel in die bestehende Bausubstanz einfügt und moderne Anforderungen an Büro- und Veranstaltungsnutzung erfüllt.

 


© wafler architektur

 

Wesentliches Element des von wafler architektur geplanten Projekts ist das Tragwerk mit DELTABEAM® Slim-Floor-Trägern von Peikko. Die unterzugsfreie Konstruktion erlaubt eine reduzierte Bauhöhe und eröffnet Raumlösungen mit großen Spannweiten – ein klarer Vorteil im urbanen Kontext. Die Slim-Floor-Technologie unterstützt zudem eine wirtschaftliche Bauweise und erfüllt hohe Anforderungen an den Brandschutz. ATLANT® Strong Stahlkernstützen wurden nicht nur im Dachausbau, sondern auch im Eingangsbereich als Gestaltungselement verwendet und verbinden elegant alten und neuen Gebäudeteil. Mit dem neuen Aufbau entsteht für den Arbeiter-Samariter-Bund Österreich als Bauherren ein zukunftsweisender Ort für Arbeit und Begegnung – funktional, nachhaltig und architektonisch präzise verankert im städtischen Gefüge.

 

Peikko Austria GmbH
T +43 (0)5523 521 210
austria@peikko.com
www.peikko.at

 

 

Wärmedämmung auf höchstem Niveau

Im Gneixendorf bei Krems wurde eine Wohnhausanlage aus drei Gebäuden mit zwölf Eigentumswohnungen realisiert. Die Wohneinheiten verfügen über Garten- oder Terrassenflächen und zeichnen sich durch einen offenen Grundriss und eine moderne Ausstattung aus. Aufgrund der geforderten hohen Energieeffizienz wurden die Balkone mit Schöck Isokorb® T realisiert.

 

 

Das tragende Wärmedämmelement mit einer Dämmkörperdicke von 80 mm trennt die Bauteile thermisch und ist gleichzeitig Teil der Statik. Wärmebrücken werden dadurch auf ein Minimum reduziert und somit Bauschäden und Schimmelbildung durch langfristige Durchfeuchtung vermieden.

 

 

Im Bereich der Stahlbetonstützen, die die überdachten Stellplätze mit den Gebäuden verbinden, setzten die Baubeteiligten im Projekt Schöck Sconnex® Typ W ein. Sconnex® dämmt Stahlbetonwände und -stützen direkt und dauerhaft und sorgt so für erhöhte Energieeffizienz. Darüber hinaus konnte dadurch auf die aufwendige und optisch wenig ansprechende äußere Dämmung der tragenden Stützen verzichtet werden.

Schöck Bauteile Ges.m.b.H.
T +43 (0)1 786 5760
office-at@schoeck.com
www.schoeck.com

 

 

Wohnen am grünen Band

Mit dem Projekt NB1 Wohnbau Nordbahnhof setzen querkraft architektur einen markanten städtebaulichen Akzent am südlichen Rand der Entwicklungszone „Freie Mitte – Vielseitiger Rand“. Der Neubau fungiert als Tor zur zentralen Parklandschaft des Areals und führt die urbanistische Leitidee von StudioVlayStreeruwitz konsequent fort: Die Verzahnung von Landschaft und Baukörper schafft nicht nur eine prägnante Architektursprache, sondern auch eine neue Form des Zusammenlebens.

 

 

Die drei solitären Baukörper mit Höhen von 30 und 35 Metern erheben sich auf einem durchgängig begrünten Sockel, der sich in kaskadierenden Terrassen bis ins fünfte Obergeschoß schraubt – ein grünes Band, das Wohnen, Arbeiten und soziale Interaktion verbindet. Diese Freiraumlandschaft fungiert nicht nur als verbindendes Element der Anlage, sondern setzt die städtebauliche Leitidee von StudioVlayStreeruwitz in die gebaute Realität um. Die klare horizontale Gliederung in Sockel, Fugengeschoß und freigestellte Hochpunkte verleiht der Anlage trotz ihrer Größe eine maßstäbliche Lesbarkeit. Luftige Loggien, großzügige Balkone und Pflanztröge zur Fassadenbegrünung prägen das äußere Erscheinungsbild – Architektur, die atmet und mit ihrer Umgebung interagiert.

 

 

Was NB1 auszeichnet, ist die funktionale Verzahnung von Wohnen, Gewerbe und Gemeinschaft. Neben klassischen Wohnungen beherbergt das Gebäude betreute Wohneinheiten, Wohngemeinschaften, Büros und Maisonetten. Ergänzt wird dies durch gemeinschaftlich nutzbare Einrichtungen wie eine Küche, Bewegungsräume, Urban Gardening-Flächen und einen Kinderspielplatz. Die räumliche Staffelung in verschiedene Öffentlichkeitsniveaus fördert gezielt das soziale Miteinander und gibt den Bewohner*innen Raum zur Entfaltung – ganz im Sinne des querkraft-Leitmotivs „Menschen Raum geben“.

 

 

Im Erdgeschoss beleben Handelsflächen, eine Suppenbar, ein Reparaturcafé der Volkshilfe sowie eine Produktionsschule mit vorgelagertem Werkgarten den öffentlichen Raum. Der Übergang zur angrenzenden „Freien Mitte“ wird nicht als harte Grenze, sondern als fließender, aktiv genutzter Stadtraum gedacht.

Die Begrünung ist kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des städtebaulichen Konzepts. Von der gering versiegelten Erdgeschosszone über Fassadenpflanzungen bis hin zu Staudenbeeten, Bäumen und einer Blumenwiese auf der Dachlandschaft – das ökologische Gesamtkonzept verbessert das Mikroklima und schafft ein angenehmes Wohnumfeld.

Mit NB1 zeigt querkraft architektur exemplarisch, wie Wohnbau im urbanen Kontext heute gedacht werden kann: ökologisch, sozial durchmischt, räumlich durchlässig und architektonisch klar gegliedert. Es ist ein Bau, der nicht nur Wohnraum schafft, sondern auch Nachbarschaft und Stadtraum neu definiert.

 

Fotos: Hertha Hurnaus

 

Kategorie: Beton, Kolumnen, Sonderthema