Ist morgen die Zukunft? Oder schon heute?

13. Oktober 2015 Mehr

Was kann das Bürodesign von der Außenwelt lernen und das Gelernte in unsere Arbeitsbereiche integrieren? Dieser Denkansatz kann helfen, Arbeitswelten weniger statisch und lebensfremd zu gestalten und im Gegenteil positive Umgebungen, die die Mitarbeiter zur Zusammenarbeit anregen, zu gestalten. Das bringt dann auch Effizienz und Produktivität.

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Dieser Frage ging in den letzten Jahren das Helen Hamlyn Centre for Design am Royal College of Art in Kensington/London nach. Unter der Beratung führender Unternehmen aus der Industrie und Beleuchtungstechnik (Haworth, Philips Lighting) wurden in vier Studien verschiedene Alltagssituationen und Umgebungen, die dazu beitragen können, positive Verbesserungen am Arbeitsplatz zu erreichen, untersucht.
Die erste Studie untersuchte die individuellen Prozesse von Wissensarbeitern und die Interaktionen von Forschern mit den neu designten, akademischen Bibliotheken. In dieser Welt wird die Arbeit weniger vorhersehbar und somit experimenteller – eine schnellere Lernkultur bildet sich, in der Initiative, Suchen und Autonomie die wichtigsten Eigenschaften sind.
Die zweite Studie betrachtete das psychologische Erlebnis des Einzelnen an seinem Arbeitsplatz. Hier war die Frage nach der Möglichkeit einer sensitiveren und atmosphärisch besseren Umgebung und gemeinsamen Kultur – sie musste aber kostengünstig und brauchbar sein. In der Suche konzentrierte man sich auf Theaterdesign und damit die schnelle, flexible Anpassung diverser Szenarien an die wechselnden Bedingungen. Töne und visuelle Signale waren wichtig für die optimalen Settings.
Die Dritte konzentrierte sich auf gemeinsame (‚shared‘) und soziale Elemente in der Arbeit. In den meisten Büros sind die Mitarbeiter gleichzeitig anwesend, so wie in der Öffentlichkeit einer urbanen Umgebung. Hier zählt Kommunikation – ob verbal oder schriftlich – zu den Schlüsselpunkten. Konversation und Dialog entzünden neue Ideen und Interaktionen zwischen den Individuen. Man trachtete vielfältige, gemeinschaftliche, öffentliche Szenarien zu schaffen, um Energie und ein dynamisches Verhalten zu aktivieren.
Die vierte Studie richtete ihr Augenmerk auf extreme Arbeitsumgebungen und extreme Teams wie Flugverkehrskontrollräume, Erste-Hilfe-Zentralen und Nachrichtenstudios bei TV und Rundfunk. Welche Rolle spielt die physische Umgebung im effektiven Teamwork? Das kollektive Wissen von Teams erlaubt schneller Reaktionen auf Problemstellungen.

Die Feldanalyse, die aufgrund dieser Studien entstand, ergab, dass trotz der vier verschiedenen Bereiche der Untersuchungen das Resultat viele überlappende Ergebnisse in allen vier Bereichen von Arbeitsumgebungen und Designlösungen zeigte. Und vor allem stellte sich die Wichtigkeit von Flexibilität und Adaptierbarkeit in der physischen Arbeitswelt heraus – die Notwendigkeit, dass die Mitarbeiter in der Lage sein müssen, eigene Entscheidungen über ihre Umgebung zu treffen, um psychologischen Komfort und die Realisierung ihrer individuellen Wünsche im Büro zu erreichen.

Das richtige Sitzen

Dynaflex

© Dynaflex

Zwar geht der Trend zu einer non-territorialen Arbeitsumgebung, doch bislang arbeitet die Mehrheit der Beschäftigten noch an traditionellen Arbeitsplätzen. Dafür bietet Haworth mit dem Dynaflex die optimale Lösung. Maßgeblich für die Entwicklung des Stuhles war die Frage: Wie muss ein Bürostuhl beschaffen sein, um sowohl für Mitarbeiter als auch für Arbeitgeber das perfekte Arbeitsgerät zu sein?
Um den idealen Stuhl zu entwickeln, initiierte man in Zusammenarbeit mit Dr. Stefan Queisser von der Folkwang Universität in Essen eine groß angelegte empirische Studie. Ziel war es, den Bewegungscode des modernen Büroarbeiters zu entschlüsseln. Die Ergebnisse der Folkwang-Studie zeigen deutlich: „Still sitzen“ ist eine antiquierte Norm. In modernen Büros praktiziert man immer mehr das „Casual Sitting“. Extreme Sitzpositionen und Haltungswechsel sind Normalität. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen in die Weiterentwicklung des Stuhles ein. Das Ergebnis ist der ideale Bürostuhl für die moderne Arbeitswelt – ein Stuhl, der auf die veränderte Sitzkultur abgestimmt ist und die Position des Nutzers in jeder Lage stabilisiert.

Das Ende des Sitzens

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©Jan Kempenaers

Ganz im Sinne des o. e. Studienergebnisses verkündet das niederländische Studio RAAAF (Rietveld Architecture-Art-Affordances) das Ende des Sitzens. Sie dachten den Arbeitsplatz eher in Richtung Aktivität als in Richtung Möblierung und durchbrachen konventionelle Denkmuster, indem sie die Frage stellten: „Was ist, wenn wir Stuhl und Tisch vergessen und einen Arbeitsplatz schaffen, der stehende Arbeit zulässt, aber ständig wechselnde Positionen verlangt?“ Das würde die Perspektiven des Architekturberufes gewaltig verändern. Ausgehend von der Position, dass Stuhl und Tisch nicht länger die unverzichtbaren Attribute eines Arbeitsplatzes sind, ist die Installation ‚The End of Sitting‘, als 1:1 Modell in Amsterdam entstanden. Diese neue Sicht einer Büro/Arbeitsumgebung wird in Holland in drei Büros von Ministerien realisiert werden und stellt eine Vision der Arbeit für das Jahr 2025 dar: das Ende unserer sitzenden Gesellschaft.

Partisan Think Tank

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© Jonathan Friedmann

Das kanadische Designstudio PARTISANS hat eine wellenförmige Waffelstruktur aus Sperrholz in ein bestehendes Bürogebäude in Toronto eingezogen – den Think Tank. Die Gesamtfläche von 240 m2 belegt ein oberes Geschoss im, von Mies van der Rohe entworfenen, TD Zentrum. Die Lamellen erzeugen einen Zentralraum und eine Serie von privaten Büros, Sitzungssaal, Küche und Ruhebereiche in den Ecken, an denen die Holzstruktur ausläuft. Glaswände begrenzen die relativ kleinen Büros – sie wirken aber dadurch transparent und wesentlich größer. Und jeder Mitarbeiter hat einen Ausblick von seinem Schreibtisch in den Zentralraum mit dem großen Besprechungstisch.

I-Träger Büro der Allied Group Offices in Tel Aviv


© Amit Geron

Die Idee hinter der Gestaltung der 865 m2 großen Büroräume war, den Prototyp eines Möbelsystems zu entwickeln, das den Lasten der waagrechten Platten (Schreibtische etc.) widerstehen sollte. Die Lastverteilung durch die Möbel in der Decke erlaubt es, in den darunterliegenden Geschossen große, einheitliche Flächen zu generieren, ohne Unterstützungen und Veränderungen der tragenden Gebäudestruktur. Für administrative Möbel verwendeten die Paritzki & Liani Architects 1000er Träger, die T oder L-förmigen Privatbereiche sind aus 700er, bzw. 600er für die Beistelltische gemacht. Was üblicherweise in der konstruktiven Decke verborgen ist, wird Teil der Büroeinrichtung.

Cooporate Identity


© Paul Ott

Mobilität und Reisen drückt die Inneneinrichtung des neuen ÖBB Büros in Wien, entworfen von Innocad ZT und dem Studio United Everything aus. Der Grundgedanke des Konzeptes liegt darin, die kommunikative Unternehmenskultur noch zu überhöhen, im Besonderen die spontane Kommunikation, die ja unser modernes Leben heute bestimmt. Das wurde durch die offene, fließende Dynamik des Entwurfes erreicht. Sie erlaubt den Mitarbeitern eine Bewegungsfreiheit durch die verschiedenen Büroareale genauso, wie sie bei Bedarf Privatheit und Konzentration ermöglicht. Das Hauptmotiv ist ein 3,5 km langer, auf transparentes Material gedruckter Vorhang, der sich verschieben lässt, um einzelne Zonierungen zu erzielen. Inhalt dieser Stoffbahn ist eine Reise, die Besucher und Mitarbeiter auf eine Entdeckung durch Österreichs Landschaft mitnimmt. Der Weg durchzieht alle 23 Ebenen der Architektur und lässt den Betrachter Momente der Beschleunigung und der Verlangsamung erleben, somit wird er selbst zum Bestandteil der Reise.

Zukunft und Vergangenheit


© Shannon Mcgrath

Matt Gibson architecture + design entwarf eine facettierte Bürooberfläche und -gestaltung für ein Filmstudio in Australien. Der Entwurf, der sich durch das Volumen des ehemaligen Lagerhauses zieht, referiert in seinen Elementen auf historische Film- und Fotogeräte, Linsen, Spiegel, Blenden. Das Konzept verbindet hell und dunkel, die Spannung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Sci-Fi und ‚film noir‘ Momente. Hightech Arbeitsplätze sind in Sperrholz-Kuben verborgen und kontrastieren so mit der Schwärze der rudimentären Oberflächen von bestehenden Wänden. Alles ist von einem scheinbar fraktalen grafischen Muster überzogen, welches sich aber in seiner grafischen Gestaltung auf Verschlussblenden und optische Spiegelungen bezieht.

Red Bull’s New York Offices

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© Greg Irikura

Einen ganz anderen Weg der Aussage wählte der Energiedrinkhersteller für sein 1.560 m2 großes, neues Büro in New York. Es ist die Antithese zu allen ‚modernen‘, gängigen Innenarchitekturen. Das Design ist einfach, ohne jegliche prätentiösen Attitüden, ohne ‚cooles‘ Officedesign. Entworfen von INABA aus Brooklyn antwortet es auf die schnell wechselnden Trends der Inneneinrichtung mit klaren, großformatigen Gesten, spielerischen Loungezonen oder einem – von der Stadt inspirierten – ad hoc Dekor. Es gibt keinerlei ‚Storytelling‘ oder grafische Spielereien, der Raum bezieht sich einzig auf die ursprünglichsten architektonischen Qualitäten von Größenverhältnissen, Maßstab und Licht.

Außen ist innen

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© Raymond Adams

Das Design der Werbeagentur wieden+kennedy‘s in New York nimmt sich die Dichte der Stadt als Motiv. Entworfen von WORKac manifestiert sich dieser Anspruch in einer minimalen Verdichtung der individuellen Arbeitsplätze und einer dementsprechenden Öffnung des Raumes für diverse kollektive Zonen. Man bewegt sich weg von der Auffassung eines Büros als Spielbereich und die Arbeit wird hier wieder in das Herz des kreativen Unternehmens zurückgeholt. Es gibt eine Großzahl von Diskussionsbereichen in Loungen mit komfortablen Möbeln. Und um die Außenwelt ins Innere zu bringen, installierte man einen zweigeschossigen Außenbereich im 6. und 7. Stock, bepflanzt mit Blaubeersträuchern, völlig verkabelt und mit Wi-Fi versehen – hier können sich die Mitarbeiter treffen, diskutieren, essen oder ihre wöchentliche Yogastunde abhalten.

New Way of Work

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© Neudoerfler

Mit der neuen Produktlinie unit – einer Kreation des Berliner Architekturbüros KINZO – betritt der burgenländische Büromöbelhersteller Neudoerfler neue Pfade. Das modulare System strukturiert den Raum und schafft Multispace-Situationen, statt den Workflow zu trennen. Einzelräume für Konzentration und Kommunikation waren gestern. Heute erfolgt der Übergang fließend, dies erfordert flexible Möbel, die mehrfach nutzbar sind. Für die Designer des Systems stand die Skyline einer Megacity als Inspiration im Kreationsprozess. In Analogie zu gelungener Stadtentwicklung kreierte man ein Möbelsystem aus verschiedenen Modulen, die ein einheitliches und stimmiges Ganzes ergeben. Es ist perfekt für das temporäre Arbeiten geschaffen und bietet durch die akustisch abschirmenden Einhausungen ein optimales Raumklima, zoniert Räume, schafft Raum-Im-Raum-Situationen und unterstützt damit den New Way of Work. Denn Wissensarbeit braucht Kooperation und Gespräch, aber auch Konzentration und Rückzug.

Wohnzimmer, Marktplatz oder Lounge?

© Wiesner Hager

Die Mittelzone nimmt zunehmend eine zentrale Rolle ein: Als „point of communication“ werden hier Ideenfindung, klassisches Business und Privates – mit Rückzugsmöglichkeit – zusammengeführt. Der klassische Arbeitsplatz wird tendenziell gestrafft und verkleinert, die arbeitsplatznahen Freiräume wandern in die Mittelzone. Das modulare Polstermöbelprogramm element von Wiesner-Hager wurde speziell für Mittelzonen in Open-Space-Büros entwickelt. Die Rückenteile lassen sich einzeln – und unterschiedlich kombiniert – vertikal aufeinander stecken. Die Höhe des Polstermöbels bestimmt den Grad der visuellen und akustischen Abschirmung. Räumlich lässt es sich vom Einzelsofa bis zu großen Konfigurationen gruppieren. Seine hohe Modularität ermöglicht dabei eine flexible Integration in den organisatorischen und räumlichen Kontext der Büro-Architektur.

Text: Peter Reischer

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Kategorie: Design, Kolumnen

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