Die neue Dimension der smarten Stadt

2. Februar 2021 Mehr

Schnell wachsende Bevölkerungszahlen bei einem begrenzten Wohnraumangebot, stellen die Stadt Graz vor eine große Herausforderung. Denn die Bauplanung muss heute nicht nur Lebensraum zur Verfügung stellen, sondern auch nachhaltig sein und unter Berücksichtigung des Klimaschutzes erfolgen. Die „My Smart City Graz“ – das neueste Großprojekt der Landeshauptstadt – soll bis 2050 Wohnraum für 3.000 Menschen, Arbeitsplätze und Erholungsflächen schaffen.

Durch seine zentrale Lage wirkt das smarte Quartier gleichzeitig der Zersiedelung in der Großstadt entgegen. Die Errichtung des innovativen Projekts erfolgt nämlich auf dem ehemaligen Industriegelände an der Waagner-Biro-Straße. Es handelt sich hierbei um eine ungenutzte Fläche, die trotzdem bestens an den Öffentlichen Verkehr angebunden ist. Für die Entwicklung eines innovativen, lebenswerten Stadtteils sind also ideale Bedingungen gegeben. Erste Projekte wurden auch schon erfolgreich realisiert – andere stehen gerade in den Startlöchern.

 


© Martin Mahy

 

Lebensqualität dank intelligenter Planung

Eine Smart City ist energieeffizient und ressourcenschonend; daneben bietet sie ihren Bewohnern maximale Lebensqualität. Die Anwendung neuer Energietechnologien ist ebenfalls eine wichtige Eigenschaft der intelligenten Stadt. Denn erst dadurch wird sie zu einem Vorzeigeprojekt für innovative Planungs- und Wohnmodelle der Zukunft. Herzstück vieler Smart Citys ist zumeist ein zentral angelegter Park, der als Aufenthalts- und Freizeitfläche dient. Durch Grünräume mit Aufenthaltscharakter und ausreichende Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung wollen Planer nämlich verhindern, dass sich die modernen Stadtteile zu Schlafstädten entwickeln.

All diese Ansprüche will die „My Smart City Graz“ erfüllen. An der Fläche soll es nicht scheitern – immerhin bietet das Areal von 127.000 m² ausreichend Raum zum Realisieren eines Quartiers mitsamt Wohn-, Arbeits- und Freiflächen. Der Stadtteil ist zudem nur zwei Kilometer von der Innenstadt entfernt, wobei sich sowohl der Hauptbahnhof als auch das Unfallkrankenhaus in unmittelbarer Nähe befinden. Das Konzept fügt sich dabei nahtlos in die umliegende, heterogene Bebauung ein und stellt damit eine städtebauliche Bereicherung für die angrenzenden Bezirksteile dar.

Einen Schwerpunkt legt die Landeshauptstadt bei ihrem neuen Projekt auf Energieautarkie – also ein Quartier, das dazu imstande ist, sich und die Bewohner weitgehend selbst zu versorgen. Planer und Forschungsteams ergreifen dabei die Gelegenheit, moderne Energietechnologien zu erproben und deren Wirkungsweise zu demonstrieren. Die Realisierung der sogenannten „Zero Emissions“-Stadt ist bei der „My Smart City Graz“ das angestrebte Ziel der Experten. Unter anderem sollen neue Solarmodule sowie Komponenten zur urbanen Solarstromerzeugung und solare Kühlungen die Gebäude im Stadtteil zieren.

Demonstrationsbauten wie der Science Tower und Wohnquartiere, die mithilfe eines lokalen Energienetzes versorgt werden, unterstreichen zusätzlich den innovativen, umweltverträglichen Charakter des städtebaulichen Projekts. Doch nicht nur in Bezug auf Nachhaltigkeit überzeugt die „My Smart City Graz“. Vielversprechende Architekturkonzepte, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren, lassen auf einen gut durchdachten, stimmigen Städtebau schließen.

 

My Smart City Graz
© My Smart City Graz

 

 

Fließende Landschaften trotz hoher Bebauungsdichte

Das Areal der „My Smart City Graz“ gliedert sich in zwei große Bereiche – und zwar Mitte-Nord und Süd. Während sich die Architektur für den südlichen Teil des Projekts in Bau befindet und einige Einrichtungen wie die Volksschule des Schulcampus auch schon eröffnet wurden, so ist der nördliche Abschnitt noch in der Planungs- und Umsetzungsphase. Der Architekturwettbewerb ist jedoch auch hier bereits abgeschlossen. Als Sieger desselben ging das Büro Nussmüller Architekten ZT GmbH aus Graz hervor.

Im Mittelpunkt ihres Entwurfs steht eine fließende Landschaft. Sie durchdringt die Bebauung wie ein grüner Teppich und schafft mit einem variierenden Höhenniveau Abwechslung. Dabei dient die Grünfläche der räumlichen Verbindung der öffentlichen und halböffentlichen Bereiche zwischen den Gebäuden. Der Naturraum schafft so im gesamten Areal Intimität und fördert die Vernetzung und Kommunikation. Auch im privaten Umfeld fördert das Grün die Wohnqualität – denn alle Wohnungen im Quartier profitieren von begrünten Innenhöfen.

Auf ihrer Stadtlandschaft platzieren Nussmüller Architekten zwei Wohnbauten, wobei das Niveau der Gebäude um sechs Meter angehoben wird. Beide Einheiten kennzeichnet eine hohe Durchlässigkeit, allerdings schaffen sie trotzdem ein Quartier mit maximaler städtebaulicher Dichte. Zur Bahn hin sehen die Architekten die Errichtung einer Photovoltaik-Fassade vor – diese dient nicht nur der Energiegewinnung, sondern sie fungiert gleichzeitig als Lärmschutz. All diese Planungsmaßnahmen streben die Maximierung der Lebensqualität der zukünftigen Bewohner des Viertels an – und gemäß dem heutigen Entwicklungsstand wird den Planern dies auch gelingen.

Ein großer urbaner Platz mit Büroflächen und mehreren Gastronomiebetrieben wird schließlich den Eingangsbereich in den Stadtteil markieren. Er dient dabei als städtebauliche Verbindung zwischen dem Quartier Mitte-Nord und dem Science Tower mitsamt der 2003 eröffneten Helmut-List-Halle.

Der Entwurf von Nussmüller Architekten ZT GmbH sieht die Errichtung von fast 438 Wohnungen vor, wobei 10.000 Quadratmeter Fläche für Gastronomie, Geschäfte, Bürogebäude sowie Grün- und Freiflächen eingeplant sind. Die Umsetzung wird durch fünf Investoren – darunter die Haring Group, TRIVALUE Real Estate Investments und WEGRAZ – in Angriff genommen.

 

My Smart City Graz
© My Smart City Graz

 

Belebte Quartiere der Nutzungsmischung

Auf eine ausgewogene Kombination aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit beim Projekt „My Smart City Graz“, legen die Planer großen Wert. Abgerundet wird der Nutzungsmix durch ein ausgereiftes Bildungsangebot und zeitgemäße Stadträume.

Bereits im Jahr 2015 schrieb die Stadt Graz einen Architekturwettbewerb zur Errichtung eines Schulcampus aus Neuer Mittelschule und Volksschule aus. Daraus ging der Entwurf der Architektin Alexa Zahn als Siegerprojekt hervor. In puncto Bauweise und pädagogischem Konzept legt das Projekt seinen Schwerpunkt auf Ökologie, Nachhaltigkeit und urbane Technologien. Die großzügige Anlage der Freiräume und die auf Flexibilität ausgerichteten Schulräume gewährleisten eine vielfältige Nutzung. In den unterrichtsfreien Zeiten stehen die Freizeitflächen auch der Bevölkerung der „My Smart City Graz“ für Sport, Lesungen und Veranstaltungen zur Verfügung. Das Design der Schule ist also durchweg auf Inklusion ausgelegt und entspricht dadurch den strengen Vorgaben der intelligenten, innovativen Stadt.

Auch der Entwurf zur „Cool City“ von Architekt Georg Eder überzeugt mit Vielseitigkeit. In vier Baukörpern bringt der Planer ein Studentenwohnheim, Geschäfts- und Gastronomiebetriebe sowie Wohnungen unter. Hier sorgt eine gelungene Mischung aus öffentlichen und halböffentlichen Zonen für eine hohe Aufenthalts- und Lebensqualität – und das bei einer hohen Bebauungsdichte.

 

Helmut List Halle und Science Tower Graz
© go staw

 

Das smarte Quartier der Forschung

Innovation kommt in der „My Smart City Graz“ keinesfalls zu kurz. Deutlich machen das auch die bereits realisierten Projekte – diese haben sich trotz ihres kurzen Bestehens bereits einen Namen gemacht. Ein wichtiger Bestandteil und obendrein der erste Baustein der „My Smart City Graz“, ist der Science Tower. Das 60 Meter hohe Gebäude wurde – nach dem Entwurf von Architekt Markus Pernthaler – durch SFL Technologies errichtet und ist ein Zentrum der Wissenschaft und Forschung. Die Eröffnung des Science Towers mit 13 Etagen erfolgte im September 2017. Heute fungiert der Bau selbst als Forschungsobjekt – an ihm können Wissenschaftler neue Gebäudetechnologien austesten.

Kennzeichnend für den Tower ist dessen doppelschalige Fassade, die sich wie ein Mantel um die Grundstruktur schwingt. Auf ihr befindet sich eine Photovoltaik-Anlage zum Generieren von Energie. Bis zum dritten Geschoss besteht die Turmfassade aus Metall, wobei sie darüber von Lärchenholz abgelöst wird.

Die 13. Etage – also das Dach des Science Towers – steht als Biosphäre für Urban Gardening zur Verfügung. Im April 2020 rief Joanneum Research Life hier das erfolgreiche Rooftop Farming ins Leben. Im Herbst desselben Jahres fand bereits die erste Ernte auf dem Dach des Gebäudes statt. Der Forschungsturm ist damit ein Musterbeispiel gelebter Innovation.

Mit dem derzeitigen Entwicklungsstand hat die „My Smart City Graz“ durchaus gute Chancen, der innovativste und zugleich nachhaltigste Stadtteil Österreichs zu werden. Neue Erkenntnisse werden in der intelligenten Stadt direkt umgesetzt und in Form moderner, qualitätvoller Bau- und Lebensweise implementiert. Architektur und Energieautarkie bilden hier eine stimmige Dualität.

 

Science Tower Graz
© Clemens Stockner

 

 

Text: Dolores Stuttner

 

 

Kategorie: Architekturszene, Kolumnen

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