Droht Wien das Ende eines Weltkulturerbes?

11. Januar 2015 Mehr

 

Sind Hochhäuser, die in historischen Stadtteilen errichtet werden, als fehlgeleitete Planung anzusehen? Diese Frage beschäftigt Experten, die sich mit dem Bauobjekt des brasilianischen Architekten Isay Weinfeld auseinandersetzen. Eine Höhe von 73 Metern soll das Bauwerk erreichen, welches 2016 auf der 6.000 m² großen Fläche des Eislaufvereins im 3. Wiener Gemeindebezirk seinen Platz finden wird. 

 

 

Mit der Errichtung des Hochhauses wird das gesamte Areal am Wiener Heumarkt einem Wandel unterworfen. Neben einer Sanierung des 1964 eröffneten Hotels InterContinental ist außerdem eine bauliche Freilegung des Eislaufplatzes vorgesehen. Bei Anrainern finden die geplanten Änderungen nur wenig Anklang. Doch nicht nur große Teile der Bevölkerung, sondern auch viele Experten sehen den Umbau dieser Fläche als problematisch an. In erster Linie ist hierfür die Höhe des neu geplanten Bauwerkes an der Seite des Hotels verantwortlich. Um fast 30 Meter wird Weinfelds Turm das ebenfalls umstrittene Bauwerk der Nachkriegszeit überragen. Lässt die Stadt Wien den Bau des Gebäudes in seiner jetzigen Form zu, beeinflusst dieses nämlich nicht nur die Gestalt der unmittelbaren Umgebung, sondern auch wichtige Sichtachsen. Selbst die UNESCO zweifelt die Qualität des Projekts aufgrund dieses Mangels an und droht sogar damit, der Inneren Stadt ihren Status als Weltkulturerbe abzuerkennen. Diese Entwicklung lässt durchaus anzweifeln, ob die Planung eines Bauwerkes dieses Ausmaßes in unmittelbarer Nähe zur Wiener Innenstadt die ideale Lösung für einen der größten Freilufteisplätze der Welt darstellt. Trotzdem hält die Stadt Wien an der Realisierung des Hochhauses fest. Eine tragende Rolle spielt dabei wohl die Tatsache, dass sich diese durch den Bau des Wohnturmes finanzielle Vorteile verspricht – schließlich unterstützt das Unternehmen Wertinvest die Errichtung mit insgesamt 210 Millionen Euro. Im Kontext von Isay Weinfelds Planung wird außerdem das Wort Prestige großgeschrieben. Immerhin sollen im neuen Turm vordergründig Luxuswohnungen entstehen. Mithilfe der Eigentumswohnungen sollen die Neugestaltung des Areals sowie öffentliche Einrichtungen finanziert werden, laut Investor Michael Tojner „werden sie der Stadt nichts kosten“. Derzeit ist auf dem Heumarkt so die Realisierung eines Raumes, dessen Konzept an das Museumsquartier im 7. Wiener Gemeindebezirk angelehnt ist, vorgesehen. Der Heumarkt wird demzufolge eine offenere Ausrichtung erhalten, wobei die Fläche des Eislaufplatzes der Öffentlichkeit in den Sommermonaten frei zugänglich sein soll. Durch die Beseitigung baulicher Hindernisse zwischen Hotel InterContinental, Wiener Eislaufverein und Konzerthaus, will Isay Weinfeld ‚vernetzte Räume mit Aufenthaltsqualität‘ schaffen. Das Konzept für die Umgestaltung des Platzes um und auf dem Eislaufplatz selbst, scheint in der Theorie eher vielversprechend. Wird das Hochhausprojekt jedoch als Wohnturm realisiert, kann dies der Entwicklung eines ausgereiften Freiraumentwurfes im Weg stehen. Im ungünstigsten Fall handelt es sich bei den derzeitigen Plänen zur Platzgestaltung lediglich um ein Mittel, welches aufgebrachte Stimmen besänftigen soll.

Ein Luxusobjekt mit großen Mängeln

Der brasilianische Architekt Isay Weinfeld ist in erster Linie für seine einfallsreiche und sensible Umsetzung städtebaulicher Konzepte bekannt. Aus seiner Hand stammen Projekte wie das Wohnobjekt „360°“ in São Paulo. Hierbei handelt es sich um ein Gebäude, welches sich aus 62 übereinandergestapelten Einzelhäusern mit Gärten zusammensetzt. Als größter Vorteil des Bauwerkes ist dessen offene Ausrichtung, mit der eine Verbindung zur Umgebung geschaffen wurde, anzusehen. Daher stellt sich umso mehr die Frage, wieso sich Weinfeld für die Errichtung eines Bauwerkes, das dem Status des Weltkulturerbes der Wiener Innenstadt gefährlich werden könnte, ausspricht. Wer sich den Standort des geplanten Luxusobjekts nämlich genauer ansieht, erkennt, dass die lautstarken Proteste der Anrainer nicht ohne Grund stattfinden. Immerhin ist es bei einer Bauhöhe von 73 Metern schwer, von einer Anpassung an die umliegende Architektur zu sprechen. Dieser Meinung ist ebenfalls die UNESCO, welche den laut Investor Michael Trojner „elegant sichtbaren“ Turm als Störfaktor für den städtebaulichen Wert der inneren Bezirke Wiens ansieht. Von diesem Mangel lenkt auch der Aspekt, dass die Höhe des zukünftigen Wohnhauses bewusst an die des Ringturmes am Schottenring angepasst wurde, nicht ab.

Aufgrund der massiven Bauweise ist es nämlich durchaus wahrscheinlich, dass Weinfelds Wohnturm die wichtige Sichtachse vom Belvedere im 3. Wiener Gemeindebezirk auf die Innere Stadt verstellt. Einen der größten Kritikpunkte stellt aber nicht nur die Größe des Turmes, sondern auch dessen vorgesehene Nutzung dar. Laut Architekturwissenschaftler und -publizist Otto Kapfinger könne ein Projekt dieser Größenordnung nur dann vertretbar sein, wenn sich dieses für die Bedürfnisse der Bevölkerung – denkbar wären hierbei öffentliche Einrichtungen, wie Universitäten und Krankenhäuser – als sinnvoll erweisen. Ein Luxusobjekt mit prestigeträchtigen Eigentumswohnungen gehört definitiv nicht in diese Kategorie. Es ist durch die geplante Nutzung nämlich nicht auszuschließen, dass sich der Wohnturm zu einem rein spekulativen Gebäude ohne Inhalt entwickeln wird. Doch auch für die vorgesehene Gestaltung der Freiflächen erweist sich die Realisierung eines Luxuswohnbaus als Nachteil. Es ist fraglich, ob die zukünftigen Besitzer teurer Eigentumswohnungen auf privatisierter Fläche, das auf der Homepage des Projekts beworbene „Potenzial eines belebten öffentlichen Raumes“, begrüßen werden. Im Angesicht dieser Gefahr stellt die Tatsache, dass neben dem Hotel InterContinental die Fläche des Eislaufvereins erhalten bleibt, nur einen geringen Trost dar.

 

Rettet der „Masterplan Glacis“ die Wiener Innenstadt?

Über 35 Meter muss die Höhe eines Bauwerkes betragen, damit dieses in Österreich als Hochhaus angesehen wird. Mehr als 250 Bauten, welche diesen Kriterien entsprechen, stehen derzeit in Wien. Aufgrund dieser großen Zahl sorgt die Errichtung neuer Gebäude mit über 35 Metern Höhe immer öfter für Kritik. Dies gilt vor allem dann, wenn massive Bauten – wie Isay Weinfelds Projekt – in historisch geprägten Stadtteilen errichtet werden.

Während die Stadt Wien der Bewilligung zweifelhafter Hochhausprojekte in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade ablehnend gegenüberstand, sollen bei der Genehmigung solcher Vorhaben in Zukunft vermeintlich strengere Vorschriften angewendet werden. Früher musste jede Planung vor Baubeginn eine Checkliste mit zehn Punkten durchlaufen. Diese starre Regelung aus dem Jahr 2002 erwies sich aber für viele Projekte als wenig effektiv, da die städtebauliche Situation des Standortes zu wenig berücksichtigt wurde. Rettung für ihr Kulturerbe verspricht sich die Stadt nun durch das Erstellen des sogenannten „Masterplan Glacis“, mit dem eine Orientierungshilfe für zukünftige Planungen rund um die Wiener Innenstadt geschaffen werden soll. Teil dieses Planes ist ebenfalls ein neues Hochhauskonzept. Im Zuge dessen müssen die verantwortlichen Architekten bereits vor der Umsetzung ihrer Projekte beweisen, dass die hohen Gebäude einen Mehrwert für die Öffentlichkeit darstellen. Derzeit sieht es ganz danach aus, als ob das neue Konzept lediglich zwecks Schadensbegrenzung ins Leben gerufen wurde. Immerhin ist mit der Realisierung des Wohnturmes am Wiener Eislaufverein zu befürchten, dass viele Bauherren und Investoren dem Beispiel Tojners folgen. Es lässt sich somit auch seitens der Stadt Wien nicht mehr leugnen, dass Isay Weinfelds Hochhaus gute Chancen hat, ein Referenzprojekt für zukünftige Bausünden im historischen Stadtteil Wiens zu werden.

Wer die Planungspolitik der letzten Jahre betrachtet, wird aber berechtigte Zweifel daran haben, ob die Einführung der neuen Richtlinien tatsächlich einen effektiven Schutz vor fehlgeleiteten Planungen darstellt. Selbst Planungsstadträtin Maria Vassilakou ist vom Hochhauskonzept 2014 nicht gänzlich überzeugt. Laut der Politikerin soll dieses in erster Linie die Nachvollziehbarkeit von Planungsverfahren fördern, aber umstrittene Hochhausprojekte nicht zur Gänze verhindern können.

 

Text: Dolores Stuttner / Fotos & Rendering: Wertinvest, Prochart/Coeln

 

 

Kategorie: Architekturszene, Kolumnen

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