Freiraum Jetzt
Sie spricht von Wäldchen statt Parkplätzen, von Flächen, die Wasser speichern, und von Städten, die wieder atmen lernen: Anna Detzlhofer, Landschaftsarchitektin und Präsidentin der ÖGLA, gehört zu jenen Stimmen, die urbane Lebensräume neu denken. Mit ihrem Büro DnD Landschaftsplanung prägt sie die Freiraumkultur Wiens und darüber hinaus und engagiert sich für eine Disziplin, die längst mehr ist als gestalterisches Beiwerk. Ein Gespräch über den gesellschaftlichen Wert von Grünraum, die Tücken unterirdischer Garagen – und die sinnliche Seite von Stadtlandschaft.
Frau Detzlhofer, was hat Sie ursprünglich für die Landschaftsarchitektur begeistert?
Mich hat von Anfang an das Gestalten fasziniert – etwas, das sichtbar wird, Menschen erreicht und berührt. Landschaftsarchitektur war für mich nie nur Natur, sondern immer auch sozial. Heute ist sie eine zentrale Disziplin der Klimawandelanpassung. Das Bewusstsein dafür wächst: Früher wurde bei Stadtprojekten zuerst nach Parkplätzen gefragt, heute nach Bäumen. In Wien etwa sieht man das in der Neubaugasse – wie sehr sich die Prioritäten verschoben haben.
Wie spüren Sie diesen Wandel in Ihrer täglichen Arbeit – haben sich die Erwartungen an Freiraumgestaltung verändert?
Sehr stark. Auf naturwissenschaftlicher Ebene – etwa bei der Auswahl hitzetoleranter Baumarten – hat sich viel getan. Gleichzeitig wächst die Akzeptanz für wilde, vielfältige Flächen. Bienen, Artenvielfalt, gemeinschaftliche Pflege – das alles ist heute Thema. Entscheidend ist, wie das moderiert wird: Freiraum funktioniert nur mit klaren Regeln, aber auch mit Zonen der Intimität. Grün ist für viele Menschen zu einem echten Lebensqualitätsfaktor geworden, zu einem Asset, mit dem man punkten kann.

Der öffentliche Raum rund um das MuseumsQuartier wurde von DND Landschaftsplanung als lebendiger, durchgrünter Begegnungsort gestaltet. Mobile Pflanzinseln, flexible Sitzlandschaften und jahreszeitlich wechselnde Vegetation schaffen einen urbanen Freiraum zwischen Kultur, Alltag und Stadtleben – ein Ort der Aneignung, des Verweilens und der Inspiration.
Sie sprechen von einer „Freiraumwende“. Was bedeutet das genau – und wo zeigt sich dieser Umbruch bereits?
Die Freiraumwende bedeutet, dass blau-grüne Infrastruktur – also Wasser- und Grünflächen – als gleichwertiger Bestandteil der Stadtentwicklung gedacht wird. Es geht um Flächensicherung, Entsiegelung, Begrünung auf Tiefgaragen, um verbindliche Grünflächenanteile bei Stadterweiterungen. Wien ist hier sehr weit: Beim Projekt Neues Landgut wurde der Städtebau überarbeitet, damit ein Park entstehen konnte. Das zeigt, dass es funktioniert, wenn man Freiraum mitdenkt – und nicht nachträglich hineinquetscht.
Welche Prinzipien sind dabei für klimaresiliente Städte besonders wichtig?
Ganz klar: Entsiegelung, Schatten, Wasser. Wir stehen da noch mitten im Prozess, weil der Untergrund oft verbaut ist – mit Garagen, Leitungen oder Kanälen. Trotzdem müssen wir Lösungen finden, um Regenwasser zu speichern und wieder den Pflanzen zuzuführen. Nur so können Städte künftig mit Hitze und Starkregen umgehen.
Das führt direkt zum Schlagwort „Schwammstadt“. Was steckt für Sie wirklich hinter diesem Konzept?
„Schwammstadt“ ist weniger eine fixe Definition als ein Prinzip: Regenwasser nicht ableiten, sondern speichern und nutzbar machen. Wir haben verschiedene Systeme realisiert – etwa am Praterstern nach dem Stockholm-Prinzip oder über Grünmulden. Es gibt nicht die eine Lösung; sie hängt immer von Ort, Fläche und Nutzung ab. Wichtig ist, dass wir Wasser als Ressource begreifen, nicht als Problem.
Wo wird dieses Denken in Ihren Projekten konkret sichtbar?
Der Promenadenring in St. Pölten ist eines davon. Dort wurde ein rein verkehrsdominierter Raum zu einem Stadtraum mit Aufenthaltsqualität. Der Asphaltanteil wurde stark reduziert, der Grünanteil erhöht. Ein anderes Beispiel ist das MuseumsQuartier in Wien: Die temporäre Begrünung wird nun dauerhaft – das war früher eine Steinwüste. Oder das Neue Landgut, wo ein kleiner Klimawald besser wächst, als wir erwartet hatten. Solche Entwicklungen zeigen, wie viel sich verändern lässt, wenn Pflege und Bewusstsein stimmen.

Mit dem „Neuen Landgut“ entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Wiener Frachtenbahnhofs ein vielfältiger, durchgrünter Stadtraum samt Freiräumen, die ökologische Vielfalt, Aufenthaltsqualität und soziale Begegnung vereinen – mit artenreichen Wiesen, jungen Baumreihen und wohnungsnahen Rückzugsorten wie Hängematten und Spielbereichen.
Neben Klimaresilienz sprechen Sie oft auch von Vielfalt – warum ist Diversität im Stadtraum so zentral?
Indem wir Verwaltungssilos aufbrechen und Räume multifunktional denken. Ein schönes Beispiel, Freiräume neu zu denken, findet man in der Seestadt Aspern: Dort wird Regenwasser erlebbar, es entstehen wechselfeuchte Flutmulden und abwechslungsreiche Bepflanzungen. Auch ehemalige Industrieflächen haben enormes Potenzial, wenn man ihren Charakter nutzt statt überformt. Wir brauchen multicodierte Räume – solche, die mehr als eine Funktion erfüllen.
Als Präsidentin der ÖGLA vertreten Sie die Interessen einer ganzen Disziplin. Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen?
Landschaftsarchitektur ist kein „nice to have“, sondern ein „must have“. Leider spiegelt sich das noch nicht immer in den Budgets wider. Freiraum ist Gemeinwohl – und das bringt selten Rendite. Trotzdem braucht es öffentliche Mittel und Förderungen, damit gute Projekte entstehen können. Erfreulich ist, dass viele Gemeinden engagiert sind und Kooperationen suchen.

Ein neu interpretierter Stadtraum, der mit grünen Achsen, Spiel- und Aufenthaltsbereichen den historischen Ring in St. Pölten als lebendige Begegnungszone erlebbar macht.
Gerade in komplexen Projekten scheint die Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg entscheidend zu sein. Wie erleben Sie das?
Sie ist essenziell. In St. Valentin etwa wurde ein Platz mit Bürgerbeteiligung entwickelt – gemeinsam mit Architektur und Raumplanung. In Wolfurt entstand aus einem Hochwassergerinne eine naturnahe Achse für Erholung und Biodiversität. Solche Projekte zeigen, wie viel möglich ist, wenn technische, gestalterische und soziale Kompetenzen zusammenwirken.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Stadtnatur wünschen Sie sich – und welche Rolle kommt der Landschaftsarchitektur dabei zu?
Ich wünsche mir Straßen mit mehr Schatten, Parks mit mehr Vielfalt und weniger Angst vor Unordnung. Schönheit darf wieder ein Kriterium sein – sie ist entscheidend, damit Menschen Freiräume annehmen und wertschätzen. Unsere Aufgabe als Landschaftsarchitekt:innen ist es, Räume zu schaffen, die emotional wirken und funktional tragen. Ich hoffe, dass wir als Profession künftig das Heft in der Hand halten – um das Maximum aus dem Freiraum herauszuholen.
Interview: Linda Pezzei
Projektfotos: Michael Strahberger
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen










