(K)eine Zeit für Architekturikonen?
Nach ihrem Studium und einigen Lehrjahren in einem renommierten Büro gründete die Architektin Nina Beck 2023 ihr eigenes Büro in Dornbirn. Ihre Arbeit zeichnet sich durch innovative Ansätze im Bereich des Holzbaus und der nachhaltigen Architektur aus und konzentriert sich auf die Integration von traditionellen Bauweisen mit modernen Techniken. Beck stellt sich dabei der Herausforderung, Gebäude so zu gestalten, dass sie in funktionaler wie ästhetischer Hinsicht sowohl den Anforderungen der Bauherrschaft als auch der Umgebung gerecht werden. Die Kultur und die Werte des Bregenzerwaldes spielen dabei eine tragende Rolle. Im Interview spricht Nina Beck über ihren Planungsalltag als junge Architektin und ihre Sicht auf die Zukunft kommender Generationen.

© Dominic Kummer
Frau Beck, ist die Zeit der Architekturikonen vorbei?
Ich habe mir diese Frage bereits selbst gestellt, was mich dazu gebracht hat, über unser Verständnis von einer Architekturikone nachzudenken. Im Moment sehen wir darin wohl etwas oder jemanden, das, der oder die groß, wichtig und laut erscheint – typischerweise ein Bauwerk auf freier Fläche. Eine Ikone sollte in meinen Augen zukunftsweisend sein bzw. eine Bedeutung für die Zukunft und die Menschen in der Umgebung haben. Wenn wir diese Sichtweise auf das Jetzt übertragen, mag uns die Gestik aktueller Vorzeigebauten nicht mehr so groß und laut erscheinen, sie wirken eher im Kleinen. Die Zeit der Architekturikonen ist damit aber nicht vorüber, es sind vielmehr das Verständnis und die Wahrnehmung, die sich ändern müssen. Das ist gerade für uns junge Architekt:innen wichtig und spannend. Für uns stellt sich in diesem Kontext ja häufig die Frage: Haben wir überhaupt noch die Möglichkeit, so sichtbar und renommiert zu sein wie unsere Vorgänger:innen? Ich glaube ja, zumindest wenn sich gewisse Auffassungen ändern. Dafür gilt es zu analysieren, was es in Zukunft benötigt und wie wir mit dem interagieren, was bereits da ist. Dies erfordert eine gewisse Sensitivität gegenüber der Bauherrschaft und dem Bestand – eine echte Herausforderung also und daher ist meiner Meinung nach genau die richtige Zeit für die Schaffung neuer Architekturikonen.

Umnutzung eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes: Mit bestehenden Oberflächen zu arbeiten, heißt für Nina Beck, sich bewusst zu werden, was bleiben darf oder was weichen und angepasst werden muss. © Angela Lamprecht
Bestand und Leerstand – wie können Architekt:innen aktiv Lösungen finden und zu einem zukunftsfähigen Verständnis von Architektur (auch in der breiten Masse) beitragen?
Das ist tatsächlich die Frage, die mich im Arbeitsalltag am meisten beschäftigt: Wie können wir mit unserem Anspruch an Architektur im Bestand arbeiten – und zwar so, dass es wirtschaftlich und finanzierbar bleibt? Aus meiner Sicht geht es darum, alternative Ansätze zu finden, partiell ist unsere Aufgabe auch eine Art Bewusstseinsbildung bei der Bauherrschaft, was ein solcher Zugang für uns und unsere Zukunft bedeutet. Momentan werden viele schöne Projekte publiziert – der Anspruch der Bauherren an so präzise, elegante, ja perfekte Gebäude ist also entsprechend hoch. Muss es aber immer so niet- und nagellos, so perfekt sein? Meiner Meinung nach ist das in der Breite nicht mehr finanzierbar. Es geht also darum, die Bauherrschaft zu begleiten. Nur gemeinsam mit ihnen und den Handwerksbetrieben können wir das Finden alternativer, kostengünstiger Antworten vorantreiben. Mein Alltag besteht nicht mehr nur aus dem Entwerfen oder Plänezeichnen, sondern häufig suche ich nach Lösungen. Das ist spannend und herausfordernd zugleich.
Ich habe gerade mit einem Handwerksbetrieb zusammen eine Sanierung fertiggestellt. Der Bauherrschaft war bewusst, was Bauen im Bestand bedeutet – man muss einfach mit gewissen Einschränkungen rechnen und mit dem arbeiten, was da ist. Eine solche Konsequenz hat auch eine Veränderung des Entwurfsprozesses zur Folge: Wenn man mit Altem und Vorgegebenem leben kann, bekommt man im Austausch Geschichten, so etwas lässt ein Objekt erst richtig leben. Ob man das möchte oder nicht, das kommt natürlich ganz auf die Bauherrschaft an. Das merke ich auch an mir selbst: Vor Kurzem habe ich ein altes Haus bezogen und lebe das Experiment und den Reiz des Unvorhergesehenen mit allen schönen Seiten und allen Konsequenzen.

Adaptierung eines kleinen Handwerksbetriebes: Der in den 90er-Jahren errichtete Betrieb wird erhalten, saniert, an die heutigen Arbeitsabläufe und Anforderungen angepasst und durch einen kleinen Zubau ergänzt. Alles in enger Zusammenarbeit mit den Handwerkern und dem Bauherren. © Elisa Moosbrugger
War das bereits Thema während Ihres Studiums oder wie gelingt es Ihnen, Arbeitsprozesse und Arbeitsabläufe neu zu denken?
In meinem Studium – das noch gar nicht so lange her ist – wurde eine solche Herangehensweise kaum unterrichtet. Die meisten Aufgabenstellungen haben sich auf ein leeres Grundstück bezogen, maximal einen „Unort“. Auch während meiner Zeit in einem renommierten Büro waren die Arbeitsprozesse auf den Neubau und daher eher linear ausgelegt. Alte Gebäude haben mich schon immer interessiert, obwohl mir nicht bewusst war, was es wirklich heißt, damit zu arbeiten. So gesehen war das für mich ein Sprung ins kalte Wasser: Man denkt, die Arbeitsprozesse funktionieren immer gleich, nach dem Schema Vorentwurf, Entwurf, Detaillierung usw., im Bestand aber laufen die Kommunikationsprozesse meist anders, es braucht eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Handwerk und das zu einem frühen Zeitpunkt.
Wenn man dann in den Austausch mit den Handwerksfirmen geht, merkt man recht schnell, dass auch sie auf relativ schematische Arbeitsprozesse setzen. Wir müssen hier also alle gemeinsam umdenken – weggehen von der Industrialisierung und hinterfragen, was wir für Arbeitsmethoden benötigen für die Arbeit mit dem Bestand. Im Bregenzerwald dürfen wir uns da glücklich schätzen, ich finde beispielsweise noch immer motivierte Mitstreiter:innen, die offen sind, wenn es um alternative Lösungen geht.
Ich sage damit aber nicht, früher war alles besser – die moderne Technik kann unsere Arbeit auch erleichtern – ich denke dabei konkret an die 3D-Ausmessung von Gebäuden oder Abbundroboter. Insgesamt wird diese Entwicklung bis zu einem Standard aber wohl noch Zeit benötigen. Auf der anderen Seite habe ich in Gesprächen von Handwerker:innen erfahren, die gerne wieder selbst etwas gestalten würden, anstatt alles nur von Maschinen fertigen zu lassen. Da ist die Wirtschaftlichkeit dann wieder die große Frage. Früher war das Material teuer, aber die Arbeitskraft günstig, heute ist es genau umgekehrt. Präzision und Handwerk werden damit zur finanziellen Frage. Eine Lösung ist, dass die Bauherrschaft mehr Eigenleistung erbringt, was auch die Bindung zur eigenen Architektur stärken kann. Als Architektin sehe ich hier einen Wandel in unserer Aufgabe: weg vom reinen Planen und hin zur Begleitung der Bauherrschaft.

Adaptierung eines kleinen Handwerksbetriebes: Die Auswahl der Materialien ergab sich aus der Analyse des vorhandenen Materials und der verfügbaren Arbeitsressourcen. Das Holz stammt aus dem eigenen Wald, die Schlosserarbeiten wurden im Betrieb geleistet, die Steine selbst verlegt. © Elisa Moosbrugger
Wie gehen Sie mit der Geschichte bestehender Bauten um – zeigen, kaschieren, ersetzen?
Grundsätzlich vertrete ich die Meinung, dass man die Geschichte eines Bauwerks auf jeden Fall zeigen darf, wobei es hin und wieder natürlich auch passiert, dass etwas rückgebaut werden muss. Es kommt also – wie so oft – auf das Projekt an. Ich arbeite weniger damit, Dinge zu konservieren, für mich ist meine Herangehensweise eher eine Art Weiterstricken. Ich nutze ein Fundament, auf dem ich aufbaue, analysiere was da ist, woher es kommt, und überlege mir, wie ich die Geschichte weitererzählen kann – immer am Stand der Technik. So lassen sich, dort wo nötig, Dinge auch neu interpretieren. Dabei geht es mir nicht darum, den eigenen Fingerabdruck zu hinterlassen, sondern zu ergänzen, was beispielsweise noch fehlt – im Sinne einer Art Koexistenz von Neubau und Bestand.
Schaffen Sie als Architektin damit dennoch etwas Neues, vielleicht auch Bleibendes?
Ja, meiner Meinung nach schon – hier möchte ich gerne auf die Frage nach den Architekturikonen zurückkommen. Die Quintessenz ist doch, was wir als neu definieren. Wenn ich zum Beispiel eine neue Wohnsituation für eine Familie schaffe, die im Bestand stattfindet, dann ist das zwar ein kleiner, leiser, feinfühliger Akt, doch auch etwas neu Geschaffenes. Das merke ich auch in meinem Wohnhaus – vielleicht gerade, weil es sich um ein Mietobjekt handelt. Ich frage mich, wieviel Neues verträgt dieses alte Haus und wie schaffe ich etwas, das auch später weiterverwendet werden kann. Denn auf lange Sicht werde ich das Gebäude wohl wieder verlassen und trotzdem besteht mein Ziel darin, dem Haus einen Wert zu verleihen.

Adaptierung eines Wohngebäudes: Durch das Dabeisein auf der Baustelle und den Austausch mit den Handwerkern lassen sich erhaltenswerte Elemente sanieren und wieder integrieren. Dank kleiner Anpassungen und Modernisierungen darf ein bestehendes und für die Familie geschichtsträchtiges Element wieder Teil des Neuen sein, anstatt weichen zu müssen. © Dominic Kummer
Welche Rolle spielen bei Ihrer Arbeit das Handwerk, alternative Konstruktionsmethoden oder auch moderne Technik auf der Baustelle?
Gerade beim Arbeiten im Bestand gibt es heute neue Methoden und auch neues Handwerk – wie beispielsweise die 3D-Vermessung von Gebäuden. So erhält man ein fertiges 3D-Modell mit hunderten Fotos, kennt für die folgende Planung jede Wandstärke, Deckendicke und jeden Balken. Dies hilft im Planungsprozess enorm und ich bereite den Plan anschließend auf und schaue mit dem Handwerker oder der Handwerkerin, was belassen werden kann und was weitergebaut werden muss. Wir interagieren sozusagen mit dem 3D-Scan. Vieles kann man dabei allerdings erst vor Ort sehen, beispielsweise wenn es darum geht, den Zustand der Substanz einzuschätzen. Ich setze also partiell auf modernen Input, bin aber auch ganz traditionell und konventionell vor Ort – die Kombination ist für mich der beste Weg.
Werden wir in Ihren Augen Architekt:innen also künftig wieder öfter vor Ort auf der Baustelle treffen?
Das lässt sich nicht verallgemeinern, aber für die Arbeit mit dem Bestand wird das wohl gelten. Es geht schließlich auch darum, die Umgebung zu erleben und mit allen Beteiligten in einen intensiven Austausch zu treten. Meiner Meinung nach führt ein Mehr an Kommunikation zu einer umso blühenderen Planung. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass wir Architekt:innen wieder mehr vor Ort sein können. Vor allem alte Gebäude versprühen so viel Charisma, das auf Bildern gar nicht sichtbar wird. Insgesamt merke ich aber, dass ich eine sehr individuelle Herangehensweise habe und dass meine Generation von verschiedenen Haltungen geprägt ist. Da gibt es noch immer den Neubau auf der grünen Wiese – was per se nicht falsch ist, solange dafür nicht zusätzliche Flächen unnötig versiegelt werden. Mir liegt der Charme der Bestandsobjekte näher, aber auch das ist nicht die eine Lösung, es wird immer beides geben. In meinen Augen ist es aber essenziell, dass wir junge Architektinnen und Architekten innovative Ansätze für die breite Masse entwickeln, sodass auch der Bestand eine Zukunft hat. Ich bin positiv gestimmt, dass sich in der Zukunft viele (alte) Türen wieder öffnen lassen und wir dazu einen großen Beitrag leisten können.
Interview: Linda Pezzei
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen








