Lichtkörper – Wie Boris Podrecca das Immaterielle baut

21. April 2026 Mehr

Ein persönlicher Essay über das Werk eines Architekten, der Licht als Baumaterial denkt – und Hospitalityräume so komponiert, dass Atmosphäre zum tragenden Bauteil wird. Zwischen dem gedämpften, introvertierten Licht des Orients und der mitteleuropäischen Klarheit entsteht eine Poetik, die weder dekoriert noch beleuchtet, sondern baut und berührt.

 


Boris Podrecca (geb. 1940 in Belgrad), aufgewachsen in Triest, studierte Architektur in Wien (Diplom bei Roland Rainer, 1968). Büros in Wien, Stuttgart, Venedig; über 400 Projekte in Europa. Lehrtätigkeiten u. a. in Lausanne, Paris, London, Wien, Venedig, Philadelphia, Harvard (Cambridge); 1988–2006 Ordinarius in Stuttgart. Seine mitteleuropäische Mehrsprachigkeit prägt jene „Poetik der Unterschiede“, die sein Werk bestimmt. © Linda Pezzei

 

Vorspann

Herbst in Wien. Regen perlt von den Gesimsen, der Himmel ist matt. Boris Podrecca begrüßt mich mit festem Händedruck – und türkischem Kaffee, „aber einem richtigen“. Vom Besprechungsraum hinunter ins Atelier, weiter in sein Büro: ein Tisch aus Lieblingsstein, Modelle, Mock-ups, Bücherstapel; Skizzenbücher, die er „nur schnelle Handskizzen“ nennt. Kunst an den Wänden, im Depot, zuletzt die Dachterrasse – trotz Regen ein weiter Blick über Wien. Podrecca spricht im Fluss, springt durch Jahrzehnte, fast enttäuscht, dass die Zeit nicht reicht. Ich muss wiederkommen.

 


Grifoncino Bar, Bozen: Glasquader und Alabaster brechen das Licht – haptische Leuchtkraft statt Leuchtenshow. © Ludwig Thalheimer

 

„Du baust mit dem Licht so wie mit einem Ziegel.“

Für Podrecca ist Licht die dritte fundamentale Komponente neben Tektonik und Material. Seine Selbstverortung ist eine kleine Kompassrose: „Die Form kommt aus dem Mittelmeerraum, die Textur aus Wien, das Licht aus dem Orient, das Detail aus Skandinavien – und der Humor aus Bosnien.“ Das orientalische Erbe liefert die Schule der Hell-Dunkel-Welt: gefasste Intimität statt flächiger Helligkeit, wie in Hamams oder Innenhöfen. Die mitteleuropäische Seite antwortet mit präziser Führung: Fenstermaß, Profil, Glas – Licht als Ordnung, nicht als Effekt. Daraus entstehen Werkzeuge: zenitale Oberlichter („dreimal so stark wie laterales“), perforierte Decken, Lichttaschen und die kleinen Oberlicht-„Tränen“ – öffenbare Zenit-Augen aus Plexi/Glas, die Stimmung differenzieren.

„Anthropologie interessiert mich mehr als Architektur als Stil.“

 


Hotel Mons, Ljubljana: Glasgedecktes Atrium – geführtes Tageslicht modelliert die Bewegung im Raum. © Miran Kambič

 

Hospitality als Stimmungsraum

Podreccas Hotels sind keine Behausungen, sondern Stimmungsräume. Sensorik vor Optik: Materialtexturen, Gerüche, Temperatur und Lichtdramaturgie als erste Botschaft. Die klassische Dichotomie Wohnen/Hospitality tritt zurück zugunsten einer These: Erleben wird gebaut, indem Licht führt, bündelt, beruhigt.

 


Punta Skala, Zadar: Zenitales Oberlicht bündelt Ruhe – gedimmte Zonen für eine nach innen gerichtete Wahrnehmung. © Miran Kambič

 

Fallstudie: Punta Skala, Zadar – zenitale Ruhe, laterale Weite

Das Falkensteiner Hotel & Spa Iadera ist Podreccas präzise Antwort auf Küste und Klima. Außen eine intelligente Schuppenhaut aus Glasbändern, die wie Fischschuppen Farbnuancen reflektiert und die Tageschromatik des Meeres in changierende Blau-Töne übersetzt. Innen eine klare Choreografie aus Helligkeit und Schatten: Oberlichter an den Winkelpunkten ziehen Tageslicht tief in die Erschließung, während die Spa-Räume bewusst gedimmt bleiben – Wahrnehmung nach innen gerichtet, Körper statt Kulisse.

Die Hamam-Typologie liefert hier das Vokabular: gefasstes, weiches Licht von oben, das nicht blendet, sondern ruht. Die zenitale Linse wird zum baulichen Fokus des Bads – kein Effektlicht, sondern atmosphärische Statik. Wo die öffentlichen Bereiche mit der Küstenlandschaft in Austausch treten, schließen die Therapieräume die Welt aus. Zwei Lichtarten – zwei Tempi – eine Raumdramaturgie.

 


Punta Skala, Zadar: Oberlichter an Winkelpunkten ziehen Tageslicht tief in die Erschließung. © Miran Kambič

 

Gegenbilder und Variationen

Während das Hotel- und Konferenzzentrum Mons in Ljubljana wie ein ausgebreiteter Körper im Grün liegt und das Tageslicht durch glasgedeckte Atrien als bewegte Zeichnung über weiß modellierte Brüstungen führt, verdichtet und öffnet Podrecca den Raum zugleich – ein kreisförmiges Zenitlicht im Spa wirkt fast sakral. Wo Zadar das Licht an der Küstenlinie abholt, wendet Mons die Geste nach innen: Regie statt Panorama, Kontemplation statt Aussicht.

Im Cvjetni Center in Zagreb wiederum leitet er das Tageslicht mitten im Block vertikal – zylindrische Glaskörper führen Helligkeit in die Tiefe, spiegeln Bewegung und machen die Passagen lesbar. Hier wird Licht zum Werkzeug urbaner Orientierung: oben direkte Helle, unten reflektierte Strahlung, die Stadt pulsiert als Lichtkurve.

Auch in der Stadtbibliothek von Biberach, einem 500 Jahre alten Speicher, geht es nicht um spektakuläre Öffnung, sondern um Maß und Rhythmus. Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt: Solche Speicher lebten stets vom Wechselspiel zwischen Struktur und Licht – schmale Scharten, tiefes Mauerwerk, ein Takt aus Helligkeit und Schatten. Scharten bleiben Scharten, das Licht fällt taktweise ins Innere und verbindet Fachwerk, Ziegel, Stahl und Glas zu einer leisen Komposition mitteleuropäischer Präzision.

In der Bar Platana in Ljubljana verdichtet sich dieses Denken zur Intimität: Pastell, Putz, Leder und Glas werden vom gedimmten Kunstlicht modelliert, das Körpernähe erzeugt und alles zum Glühen bringt – ein frühes Manifest gegen die Eitelkeit der Leuchte und für Atmosphäre als Bauaufgabe.

In der Grifoncino Bar in Bozen schließlich wird Licht selbst zum Material – es bricht sich in Glasquadern, Alabaster und Messing, streut und reflektiert, ohne zu blenden. Der Raum leuchtet aus sich heraus, das Gehen wird zur Szene: Hospitality als leise Choreografie aus Reflex und Farbe.

 


Cvjetni Center, Zagreb: Vertikale Glaszylinder leiten Licht in die Tiefe – urbanes Orientierungslicht. © Miran Kambič

 

Prinzip statt Stil

Aus den Beispielen tritt kein „Look“ hervor, sondern eine Methode: Podrecca liest den Kontext – Klima, Kultur, Zeit – bevor er baut. Er typologisiert das Licht, unterscheidet zwischen zenitalen, lateralen und reflektierten Quellen und komponiert daraus Atmosphäre, eine feine Dramaturgie aus Dunkel und Hell. Die Materialien werden geschaltet, Oberflächen zu Werkzeugen des Lichts. Und die Details zivilisiert er: Schattenfugen, Profile, Glasgüte statt Effekthunger.
So entsteht eine Architektur, die das Immaterielle verbindlich macht – Licht ist hier kein Nachtrag, sondern tragendes Element.

 


Stadtbibliothek Biberach: Schartenfenster als Taktgeber – rhythmisches Tageslicht im historischen Speicher. © Wolfram Otlinghaus

 

Zurück auf der Wiener Dachterrasse

Der Regen hat nachgelassen, die Stadt ist noch feucht, das Licht stumpf und milchig. Podrecca zeigt keine Ikonen, sondern Kanten, Kanten mit Geschichte. „Man muss wissen, wie das Licht fällt, bevor man baut.“ In Zadar ruht es von oben, in Ljubljana wird es geführt, in Zagreb verläuft es vertikal, in Biberach schlägt es Takt, in den Bars glimmt es nah an der Haut. Fünf Atmosphären, fünf geografische Lichter, eine Haltung: das Bauen mit dem, was man nicht anfassen kann. Vielleicht ist das der eigentliche Luxus seiner Hospitality – dass sie uns nicht blendet, sondern berührt.

 


Bar Platana, Ljubljana: Gedämpftes Kunstlicht, Pastell und Glas – Intimität als räumliche Dichte. © Damjan Gale

 

Info

Podreccas Lichtarchitektur gründet auf wenigen Prinzipien: Zenitales Licht als Primärquelle in Spa- und Innenräumen, rhythmisches Tageslicht durch Scharten, Atrien oder Glaszylinder als Orientierungssystem und Reflex-Architektur, bei der Glas, Alabaster und Messing haptische Leuchtkraft erzeugen. So wird Licht nicht gesetzt, sondern gebaut.

 

Q&A – Fünf kurze Antworten

Ihre wichtigste Konstante? „Anthropologie vor Stil. Ich reagiere auf Orte, nicht auf Moden.“
Hotel vs. Haus? „Hotel ist Erleben – ein Stimmungsraum.“
Was kann Licht, was Material nicht kann? „Führen, verbinden, erzählen – unsichtbar und doch strukturbildend.“
Mitteleuropa – Orient?  „Präzision trifft Intimität.“
Wie beginnt ein Entwurf? „Mit einem Blick. Oft mit einer Skizze, die eine Stimmung einfängt.“

 

 

Text: Linda Pezzei

Kategorie: Kolumnen, Licht, Sonderthema