Mit weniger Ressourcen für mehr Menschen bauen

17. September 2025 Mehr

Mit Fokus auf nachhaltiges Engineering und Design will das Büro des namensgebenden, deutschen Architekten und Ingenieurs Werner Sobek in seinen Projekten atemberaubende Schönheit mit den Interessen kommender Generationen verbinden. Bernd Köhler ist seit 2016 Teil des Teams und stellvertretender Vorsitzender des Fachausschusses Ressourceneffizienz des VDI (Verein Deutscher Ingenieure e.V.). Mit uns spricht er über zirkuläre Architektur und das übergeordnete Ziel, mit weniger Ressourcen für mehr Menschen zu bauen. Außerdem berichtet der Nachhaltigkeitsexperte über Herausforderungen und Chancen von kreislauffähigen Ansätzen – und gibt anhand von konkreten Projekten Einblicke in die Praxis.

 


© Janine Kyofsky

 

Das Büro Werner Sobek beschäftigt sich seit Jahren mit zukunftsweisenden Konzepten des nachhaltigen Bauens. Was bedeutet für Sie konkret „zirkuläres Bauen“ – und wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen in der Umsetzung?

Zirkuläres Bauen ist eine von mehreren Nachhaltigkeitsstrategien, die wir anwenden, um unser übergeordnetes Ziel zu erreichen, nämlich mit weniger Ressourcen für mehr Menschen bauen zu können. Die Herausforderung besteht darin, dies nicht als singuläre Aufgabe, sondern im Wechselspiel mit anderen Fragestellungen zu sehen.
Eine der größten Herausforderungen ist es zu unterscheiden, welche Art des Bauens den größten Effekt hat, den Ressourcenverbrauch zu senken. Muss ich beispielsweise ein Bauwerk bzw. Bauteil darauf auslegen, möglichst langlebig zu sein – oder muss ich von einer temporären Nutzung ausgehen und den Schwerpunkt auf eine leichtere Wiederverwendbarkeit setzen?

Wie hat sich Ihrer Erfahrung nach das Bewusstsein für die Kreislauffähigkeit von Materialien in der Bauwirtschaft in den letzten Jahren verändert – und welche Rolle spielt dabei der regulatorische Rahmen?

Bauwerke sind in der Regel Investitionsgüter, bei denen man von einer langlebigen Nutzung ausgehen muss. Es ist jedoch diese Langlebigkeit, die meist die Illusion hervorruft, es bestehe kein immanentes Problem. Dass das Bauwesen maßgeblich für den globalen Ressourcenverbrauch und das globale Abfallaufkommen verantwortlich ist, ist eine Tatsache, die sehr lange ignoriert wurde.

Inzwischen ist die Kreislauffähigkeit zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs ein Kriterium, das im Bauwesen von Bauschaffenden bewusst abgefragt wird. Was noch fehlt, ist eine allgemeine Baukultur, bei der sich Regelprozesse für die Kreislaufwirtschaft flächendeckend etabliert haben. Dies gilt es sowohl zu fördern als auch einzufordern. An einer Mindestquote für Recycling führt kein Weg vorbei. Dabei geht es insbesondere um die stoffliche Verwertung von Baumaterialien und den proaktiven Erhalt von Bausubstanz.

 


Mit 330 Wohnungen in sechs Gebäuden soll das Plusenergie-Quartier P18 in Holzmodulbauweise in Sachen nachhaltiges und serielles Bauen neue Maßstäbe setzen. Das Projekt in Stuttgart-Bad Cannstatt basiert auf den Aktivhaus-Modulen des Büros.
© Zooey Braun

 

Bei Ihrem Projekt P18 wurden rund 90 % der verwendeten Materialien so ausgewählt, dass sie wiederverwendet oder recycelt werden können. Welche konkreten Entscheidungen oder Prozesse waren dafür notwendig?

Man muss sich mit den inhärenten Eigenschaften von Baustoffen beschäftigen, um das jeweilige Material an der richtigen Stelle verwenden zu können. Daraus ergibt sich ein funktionaler Einsatz, bei dem Materialien nicht einer Nutzung zugeordnet werden, die eine Kombination von unterschiedlichen Materialien erforderlich macht – was eine sortenreine Trennung am Ende der Nutzung erschwert. Die modulare Holzständerbauweise von P18 macht eine einfache Demontage möglich und schafft damit die Grundvoraussetzungen, um die einzelnen Materialien sortenrein nach Ablauf der Nutzung entnehmen zu können.

Des Weiteren ist es essenziell, dass eine gute Dokumentation vorhanden ist. Dabei gilt es insbesondere, Themen wie die stoffliche Zusammensetzung der Bauteile, deren Fügung und den selektiven Rückbau zur Extraktion von Ressourcen miteinzubeziehen.

 Das Projekt wurde als Plusenergiequartier realisiert. Inwiefern lassen sich energetische Nachhaltigkeit und Materialkreisläufe sinnvoll miteinander verbinden – oder stehen sie im Zielkonflikt?

Energieverbrauch und Materialverbrauch sind zwei unterschiedliche Themen. Trotzdem ist bei beiden die Reduktion von klimaschädlichen Emissionen eines der wichtigsten Ziele. Während der Materialverbrauch und die damit verbundenen Emissionen im Wesentlichen bei der Erstellung eines Gebäudes entstehen, fallen die Emissionen, die mit dem Energieverbrauch verbunden sind, v.a. im Betrieb eines Gebäudes an. Wichtig ist, dass die Emissionen in Summe reduziert werden.

 


Auf dem Campus der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) kombiniert die Experimentaleinheit Urban Mining & Recycling (UMAR) als Teil des Forschungsgebäudes NEST ansprechende Architektur und einen verantwortlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen.
© Zooey Braun

 

Wie gelingt es Ihrem Büro, schon in der Planungsphase die späteren Rückbau- und Wiederverwendungsszenarien mitzudenken? Gibt es spezielle Methoden oder digitale Tools, mit denen Sie arbeiten?

Es ist wichtig, sich möglichst früh mit der angestrebten Bauweise zu beschäftigen. Wenn man beispielsweise umweltrelevante Daten in die BIM-Modelle integriert, kann man die Auswirkungen bestimmter Konstellationen bereits in einer frühen Planungsphase eruieren. So lassen sich die Weichen schon sehr früh für nachhaltiges Bauen stellen. Darüber hinaus ist die Beschäftigung mit der Fügung der Bauteile eine wesentliche Voraussetzung für einen kreislaufgerechten Entwurf – ein Punkt, der deshalb keinesfalls erst am Ende des Prozesses betrachtet werden darf.

Mit der Experimentaleinheit Urban Mining & Recycling (UMAR) wurde auf dem Empa-Campus ein radikal zirkulärer Prototyp realisiert. Was waren die wichtigsten Learnings aus diesem Projekt – auch im Hinblick auf Skalierbarkeit für den Wohn- oder Bürobau?

Ein Leuchtturmprojekt wie NEST-UMAR dient in erster Linie dazu, Vorurteile abzubauen und positive Impulse zu liefern, wie wir zukünftig bauen wollen. Dazu gehört auch, sich von vermeintlichen Standards zu verabschieden. Dass wir unsere gebaute Umwelt teilweise nur noch durch deren Oberflächen erfahren können, ist eine Entwicklung, die eher zu einer Entkopplung von ihr führt. Wir brauchen mehr Interesse und Neugier für die Beschaffenheit unserer gebauten Umwelt.

Nach diesem Ansatz sind Baumaterialien, Bauelemente oder Bauprodukte nicht länger anonym. Sie haben einen Ursprung und bestenfalls auch ein Nutzungs- und Verwertungsziel. Mit zunehmender Bedeutung des Werterhalts von verbauten Materialien wird auch das Wissen um die Extraktion und Weiterverwendung von Baumaterialien zunehmen. Dies ist nicht allein neuen Materialien und Bauprodukten vorbehalten, sondern kann auch auf traditionelle Bauweisen übertragen werden.

 

 

Inwiefern verändert ein solches experimentelles Projekt wie UMAR die interne Planungskultur oder auch das Mindset der Projektbeteiligten – von Architekt:innen über Auftraggeber:innen bis hin zu Nutzer:innen?

Beim Projekt NEST-UMAR wurden viele Materialien bereits ausgewählt, bevor man sie einer eindeutigen Bestimmung zuordnete. Dies geschah parallel zu den konzeptionellen Vorstellungen, wie man die Forschungseinheit bauen wollte. Dies bedeutet nicht, dass die verwendeten Materialien den Entwurf diktierten, sondern dass ein Zusammenspiel zwischen Material und Funktion erfolgte. Wenn beispielsweise in einem Entwurf wiederverwendete Bauteile eingesetzt werden sollen, dann ist die Beschaffung dieser Bauteile ein wesentlicher Bestandteil des Planungs- und Bauprozesses. Auch die Verwendung von Rezyklaten – sprich Ressourcen, die bereits im Umlauf waren – setzt eine entsprechende Planung (und Verfügbarkeit) voraus. Die Frage nach dem richtigen Material lässt sich nicht hintanstellen, wenn man kreislaufgerecht bauen möchte.

Mit UMAR beschäftigen Sie sich mit Recycling-Baustoffen. Können Sie einen Einblick in deren Potenzial geben und welche Materialien oder Innovationen halten Sie derzeit für besonders vielversprechend im Hinblick auf echte Kreislauffähigkeit im Bauwesen?

Im Sinne einer Reduktion des Ressourcenverbrauchs ist das beste Material jenes, das man nicht braucht. Das bedeutet, dass der Umgang mit Bestandsgebäuden und der Erhalt von Bausubstanz eine immer wichtigere Rolle einnehmen wird. Dabei ist es wichtig, zwischen Potenzial und praktischer Umsetzung zu unterscheiden. Die Hürden einer erfolgreichen Umsetzung sind oft nicht funktionelle oder technische Belange, sondern der allgemeine Wunsch, ein Neuprodukt ohne Makel zu bekommen. Dabei kann man sich auch an den lebendigen Oberflächen von Materialien erfreuen: die kleinen Kratzer bei metallischen Oberflächen, offenporige changierende Holzoberflächen, Kupferbleche mit unterschiedlichen Graden der Oxidation oder die körnige Beschaffenheit von Lehmputzen. Es geht nicht darum, Qualitätsstandards herabzusetzen, sondern Alternativen zu den glatten, makellosen Oberflächen zu schaffen, die oft nicht in Würde altern. Die Frage, wie ein Bauwerk oder Bauteil gut altert, wird bislang noch viel zu wenig betrachtet.

 


Recyclierte und recyclingfähige Materialien machen die Experimentaleinheit UMAR zum temporären Materiallager und Materiallabor. Die verwendeten Recycling-Bau­stoffe wurden aus bestehenden Kreisläufen entnommen oder für die künftige Verwendung in biologischen und technischen Kreisläufen aufbereitet.
© Felix Heisel

 

Wenn Sie sich den Gebäudebestand der Zukunft vorstellen: Welche Rolle spielen rückbaufähige Konstruktionen, sortenreine Trennbarkeit und modulare Systeme – und wie können diese schon heute in der Architekturpraxis verankert werden?

Meiner Meinung nach wird sich die gebaute Umwelt der nahen Zukunft nicht wesentlich von der jetzigen unterscheiden: Bauten mit unterschiedlichem Alter und diversen Bauarten, die unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden müssen. Allerdings wird der Umfang und die Qualität der Dokumentation zu diesen Bauten zunehmen, damit sich die urbane Mine besser nutzen lässt – weil auch die Notwendigkeit, diese verwenden zu müssen, steigt.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich – damit zirkuläres Bauen vom ambitionierten Einzelfall zum breit etablierten Standard wird?

Es ist schwierig, mit Sicherheit vorherzusagen, was wirklichen, flächendeckenden Fortschritt erzeugen wird. Die Vielzahl an Herausforderungen, denen wir im Bauwesen gegenüberstehen, lässt einen oft daran zweifeln, dass ein wirklicher Wandel möglich ist. Wir dürfen aber nicht die Lust am Bauen verlieren. Denn wie wollen wir Werte erhalten, wenn wir uns an diesen Werten nicht erfreuen können? Dies ist nicht nur komplexen Bauvorhaben vorbehalten, sondern kann und muss auch im Kleinen umgesetzt werden.

 

 

Interview: Edina Obermoser

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen