Im Bestand liegt die Zukunft

28. März 2025 Mehr

Die heutigen Städte sind weitestgehend gebaut und deren Flächen damit versiegelt. Eine nachhaltige und zugleich bezahlbare Architektur wird sich zunehmend dem Umbauen im Bestand widmen. Um die Vorgaben der Europäischen Gebäuderichtlinie zu erfüllen, rücken Konstruktionen mit nachhaltigen Baustoffen wie Naturstein immer stärker ins Blickfeld.

 


Rustikal und minimalistisch: Bad mit Schwarzenseer Marmor in einem sanierten Bauernhof in Oberösterreich.

 

Ausgelöst durch die sich rasch ändernden gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, entwickelt sich das Bauen im Bestand zum Markt der Zukunft: für Investoren und Architekten bis hin zu den Handwerkern, die deren Wünsche und Ideen in die Tat umsetzen. Verfügungsmasse für Aus- und Umbauten gibt es im Überfluss: Zwar lässt sich die genaue Anzahl der zwischen 1900 und 1980 in Österreich errichteten Gebäude nicht exakt bestimmen, doch laut Statistik Austria wurden im Jahr 1900 insgesamt 690.700 Häuser erfasst. Bis 1981 stieg die Anzahl der Gebäude auf 1.586.800. Rund 35.000 vor 1919 errichtete Gebäude gibt es allein in Wien. Ein großes Potenzial also, das zur Verdichtung und Adaptierung von Wohnraum, aber auch für Gastrobetriebe, Büros, Praxen und andere kommerziell genutzte Räume zur Verfügung steht.

 


In einem Nachkriegsbau in der Wiener Innenstadt entstand dieses großzügige Bad aus weißem Marmor.

 

Bisher dominiert der Neubau nicht nur die Ausbildung der Architekten, sondern auch die der Handwerker. Normen, Richtlinien, Verordnungen und technische Merkblätter – all diese beinhalten größtenteils Vorgaben, wie in einem idealen Kontext zu bauen ist. Die Räume der Zukunft entstehen aber nicht mehr bei null auf grüner Wiese, sondern durch Verdichten, Adaptieren, Renovieren und Sanieren von bereits existierendem Baubestand. Während Neubauten von Grund auf planbar sind, ein Gewerk anhand der Planungsunterlagen weiß, was die anderen Gewerke zuvor montiert oder verlegt haben, erfordert das Bauen im Bestand eine völlig andere Herangehensweise.

 


Bei der Modernisierung seines Elternhauses kombinierte der Bauherr einen neuen Bodenbelag mit bestehendem Mauerwerk.

 

Europäische Gebäuderichtlinie

Planer und Ausführende müssen mit dem arbeiten, was sie vorfinden. Darauf aufbauend sind technisch realisierbare Lösungen zu entwickeln, die zugleich ökologisch sinnvoll, finanziell tragbar, langlebig und ästhetisch sind. Viele Anforderungen, für die es nicht nur Erfahrung und Kompetenz auf allen Seiten braucht, sondern auch Kreativität und die Fähigkeit, Sonderkonstruktionen anzuwenden. Gerade hier kommt Naturstein als Paradebeispiel für einen ästhetischen, vielseitigen und langlebigen Werkstoff ins Spiel.

 


Bei dieser Küchensanierung ergänzen sich historische Keramikfliesen mit dem großkristallinen Stein der Arbeitsplatte.

 

Die seit 2023 geltende Europäische Gebäuderichtlinie betrifft nicht nur die Errichtung, den Betrieb und den Rückbau oder die Entsorgung von Neubauten, sondern regelt auch den Umgang mit Bestandsbauten. Neben der wärmetechnischen Ertüchtigung der Fassade und der Umrüstung auf klimafreundlichere Heiz- und auch Kühlmethoden verbessert besonders die Verwendung nachhaltiger Baustoffe die gesamte Ökobilanz eines Bauwerks. Gefragt sind hierfür umweltfreundliche Baustoffe wie Naturstein, der mit einem sehr geringen Einsatz grauer Energie gewonnen und verarbeitet wird.

 


Die großformatigen Steinplatten wurden perfekt in den asymetrischen Grundriss des Bades eingepasst.

 

Geringeres Treibhauspotenzial

Fassaden, Wandbekleidungen, Bodenbeläge oder Treppen aus Naturstein weisen ein besonders niedriges Treibhauspotenzial auf. Der Deutsche Naturwerkstein-Verband e.V. hat in einer Studie zur Nachhaltigkeit von Fußbodenbelägen die Ökobilanz verschiedener Belagsmaterialien vom Institut für Werkstoffe im Bauwesen der Universität Stuttgart untersuchen lassen. Die 2018 veröffentlichte Studie vergleicht bei den harten Materialien unter anderem Bodenbeläge aus Natursteinfliesen, Betonwerkstein und Großkeramik, und zwar anhand zertifizierter Umweltproduktdeklarationen (EPD) in Bezug auf ihre ökologischen und ökonomischen Auswirkungen über die Produktions- bis zur Nutzungsphase. Die Studie belegt, dass das Treibhauspotenzial (GWP) einer Naturwerksteinplatte um rund 27 Prozent geringer als das einer Betonwerksteinplatte und etwa 74 Prozent geringer als der einer Großkeramik ist.

 


Dem Haupthaus eines Tiroler Hotels wurde im Sockelbereich eine Mauerschale aus burgenländischem Schiefer vorgesetzt.

 

Ergänzungen aus Originalmaterial

Zusätzlich zu diesen ökologischen Vorteilen ist Naturstein ein optisch besonders vielfältiger und vielseitig einsetzbarer Baustoff. Abgesehen von der Vielzahl der Gesteinsarten, Farbnuancen und Musterungen ist Naturstein durch die Art und Weise seiner Verarbeitung einzigartig. Die Fertigung ab dem Rohblock – gepaart mit modernster CNC-Fertigung – erlaubt nahezu jede gewünschte Geometrie, als Bodenbelag und andere Plattenware, aber auch als 3D-Massivteil aus dem Rohmaterial.

 


Vierungen aus Original­material ergänzen schadhafte Partien eines sanierten Treppenhaues in der Wiener Innenstadt.

 

Während Industrieprodukte nur in bestimmten Rastergrößen und Standardformaten verfügbar sind, werden Werkstücke aus Naturstein exakt auf das erforderliche Maß ausgearbeitet. Bei beengten, asymmetrischen Grundrissen, die in Altbauten eher die Regel als die Ausnahme sind, können großformatige Bodenbeläge und raumhohe Wandbekleidungen millimetergenau der Raumform angepasst werden. Zum Bodenbelag können die einteilige Duschtasse mit integriertem Gefälle, das passende Waschbecken und auch die Wannenumrahmung hergestellt werden. Auf diese Weise entstehen Räume, die wie aus einem Guss wirken und bei denen die Maserungen des Steins bereits beim Entwurf berücksichtigt werden.

 


Bei der Modernisierung eines denkmalgeschützten Wirtshauses in Salzburg wurden Bodenplatten aus Originalmaterial ergänzt.

 

Bei Projekten, in denen es bereits einen Bestand an Naturstein gibt, können neue Ergänzungen in vielen Fällen aus Originalmaterial passend zum historischen Bestand gefertigt werden. Ist ein Teil eines Bodenbelags oder einer Wandbekleidung erhaltenswert, lassen sich schadhafte Partien mit millimetergenau angefertigten Steinen ergänzen. Moderne Aufmessmethoden erlauben es Steinmetzen, Räume präzise digital zu erfassen und die neuen Steine auch in der Farbe und Richtung der Textur anzupassen. Diese Nachlieferbarkeit in beinahe beliebigen Geometrien und Formaten über Jahrzehnte hinweg hebt Naturstein von künstlichen Baustoffen ab, die sich ursprünglich zwar ebenfalls individuell auf Maß bearbeiten lassen, keinesfalls aber über so lange Zeiträume in der exakt passenden Farbe und Textur verfügbar sind.

 


Dachgeschossausbau in der Wiener Bäckerstraße: Neue Solnhofer-Platten ergänzen den historischen Bestand der darunterliegenden Geschosse.

 

 

Text und Fotos: Richard Watzke

Kategorie: Naturstein