Maßanzug für jeden Bau
Fassaden aus Naturstein sind so vielfältig wie das Material selbst. Von der massiven Vormauerschale bis zur hinterlüfteten Bekleidung auf Ankern sind unzählige Gestaltungen realisierbar. Auch aus ökologischer Sicht erhalten Natursteinfassaden regelmäßig Bestnoten.

Aus festem Stein errichtet: Das Faith Museum beherbergt Exponate zu 6000 Jahren Glaubensgeschichte in England. © Nick Kane
Die Stadt Bishop Auckland im Nordosten Englands hat zwei Gesichter: Als Sitz der Bischöfe von Durham ist sie seit Jahrhunderten Zentrum weltlicher und geistlicher Macht, zugleich hat sie als ehemalige Bergarbeiterstadt die besten Zeiten schon lange hinter sich. Um die Attraktivität der Stadt als Reiseziel zu heben, wurde das „Auckland Project“ im Umfeld des historischen Schlosses von Auckland initiiert. Das durch den Heritage Lottery Fund mitfinanzierte, 2023 eröffnete Faith Museum ist ein Anbau an den denkmalgeschützten Schlosskomplex. Die Gestaltung vom Londoner Büro Níall McLaughlin Architects orientiert sich am Typus einer mittelalterlichen Kornkammer. Der unter anderem mit einem RIBA National Award ausgezeichnete Bauwerk beherbergt eine Ausstellung zum Thema Glaube in Großbritannien sowie ein klimatisiertes Kunstlager. Der Gebäudetyp ist säkular, soll jedoch durch seine Gestaltung eine gesteigerte spirituelle Wirkung vermitteln, die den Inhalten des Museums gerecht wird. Wichtige Details wie die Dachspitzen mit der prägnanten Verlängerung der Ortgänge über den First hinaus wurden entwickelt, um die schlichte Form eines Scheunengebäudes zu betonen. Die einfache Gebäudeform, ein geringer Glasanteil und der vorrangige Einsatz von lokal in der Region Northumbria abgebautem Cop Crag-Sandstein bilden die Grundlage für die Strategie eines geringen CO2-Ausstoßes im Betrieb. Prägnant ist seine monolithische Erscheinung: Giebeldach und Fassade bilden eine einheitliche Steinhülle, die nahtlos von Wand zu Dach übergeht.
Bei The Valley ist der verbindende Bereich zwischen drei Hochhäusern wie eine Schlucht gestaltet. Nicht nur Bruchstücke aus dem Steinbruch, sondern auch Abfälle von der Baustelle selbst wurden für die Fassade verwendet. © Igor Passchier
Gebirge in der Stadt
The Valley ist ein 2022 fertiggestelltes Bauprojekt im Zuidas‑Businessviertel von Amsterdam. Das Projekt aus der Feder des niederländischen Architekturbüros MVRDV nimmt mit 75.000 Quadratmetern Fläche einen ganzen Häuserblock ein und umfasst drei Wohntürme, der höchste mit einer Höhe von 100 Metern. Während sich die kubische Außenhülle aus verspiegeltem Glas in die umliegende Hochhauslandschaft integriert, erscheint das Innere wie ein aufgebrochenes Felsgebilde mit Naturstein und Pflanzenterrassen. Die unteren sieben Etagen dienen als Büroflächen, darüber befinden sich rund 200 Apartments, deren Tragwerke weite Auskragungen ermöglichen.
Der hellbeige bis goldgelbe Kalkstein Pedra d’Ulldecona stammt aus einem Steinbruch in der der Provinz Tarragona, rund 100 Kilometer südwestlich von Barcelona, aus dem unter anderem Material für den Bau der Sagrada Família stammt. Bei einem Ortstermin im Steinbruch entschieden sich die Architekten bewusst für Steine mit optischen Mängeln. Ebenfalls genutzt wurden Abschnitte, die beim Zuschnitt größerer Platten anfielen. Diese Reststücke wurden mit computergestützten Scripten in Rhino organisiert und in den Fassadenverband eingefügt. Ursprünglich war dieses Vorgehen vor allem aus Kostengründen interessant – am Ende jedoch auch ein wirksamer Beitrag zur Abfallvermeidung.

Ökologischer Steinmonolith: Der Neubau der TH Nürnberg in Neumarkt wird durch eine Fassade aus Sandstein vor Wind und Wetter geschützt. © Erich Spahn
Monolith in der Altstadt
Am Residenzplatz der oberpfälzischen Stadt Neumarkt steht ein Neubau der Technischen Hochschule Nürnberg mit rund 3.000 Quadratmetern Nutzfläche für den Studiengang Management in der Ökobranche. Das 2024 fertiggestellte Gebäude von Berschneider + Berschneider Architekten aus Pilsach fügt sich wie eine Sandsteinskulptur in den Baubestand der Altstadt ein. Passend zum Fachbereichsthema Ökologie setzten die Architekten auf Naturstein, da dieser unter allen Fassadenbaumaterialien den niedrigsten CO2-Fußabdruck aufweist. Dach und Fassade wurden als vorgehängte, hinterlüftete Fassade gemäß DIN 18516-3 ausgeführt. Auf ausdrücklichen Wunsch der Auftraggeberin sollte die gesamte Konstruktion wie aus einem Guss erscheinen. Auf der Suche nach einem klassischen, für den Altstadtkontext passenden Material, das sich gleichzeitig für Fassaden- und Dachflächen eignet, fiel die Wahl auf feinkörnigen „Hohenzollern Park“-Sandstein. Der gelblich-hellbeige Stein erhielt eine geschliffene Oberfläche, welche die natürliche, leicht gewolkte Struktur erkennen lässt. Um die Anmutung eines Mauerwerks mit vermeintlich massiven Blöcken zu erzeugen, wurden die Fugen präzise ausgeführt und an den Gebäudekanten besandet.
Text: Richard Watzke
Kategorie: Naturstein











