Naturstein neu denken

10. Oktober 2025 Mehr

In der Diskussion um nachhaltiges Bauen wird Naturstein zunehmend neu bewertet: nicht als nostalgisches Material, sondern als relevante Alternative zu konventionellen Baumethoden mit Stahlbeton. Vor allem die gute Ökobilanz, die niedrige graue Energie und die sortenreine Trennbarkeit sprechen dafür, Naturstein stärker zu nutzen.

 


Naturstein-­Architektur in Reinkultur: Das Mausoleum Ad Deir in der jordanischen Felsenstadt Petra wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. direkt aus dem Felsen gearbeitet. © Berthold Werner, C.C

 

Während die Betriebsenergie und Dämmstandards von Bauwerken intensiv analysiert und laufend optimiert werden, bleibt die graue Energie noch weitgehend unbeachtet. Dabei spielt der indirekte Energieverbrauch eines Bauteils über den gesamten Lebenszyklus von der Herstellung über den Transport bis zur Entsorgung eine entscheidende Rolle für die Ökobilanz eines Bauwerks. Oft sind es gerade die vermeintlich sparsamsten Baustoffe und Dämmsysteme, die bereits bei der Gewinnung der Rohstoffe den höchsten Anteil grauer Energie benötigen und somit wenig umweltfreundlich sind. Hier zeigt Naturstein seine Stärke: Vor Urzeiten auf ganz natürliche Weise entstanden, wird er ohne Brennprozesse oder chemische Umwandlung durch rein mechanische Verfahren gewonnen und bearbeitet. Bei regionaler Gewinnung liegt der CO2-Ausstoß je Tonne Naturstein meist unter 50 kg – Beton und Ziegel liegen deutlich höher.

 


Umweltfreundlich: Werkstücke aus Naturstein werden mit rein mechanischen Bearbeitungsmethoden und geringem Einsatz grauer Energie gefertigt.


Vielfältig im Ausdruck: Fassadenbekleidung aus St. Margarethener Kalk­sandstein mit Krusten und gesägten Platten.

 

Langlebig und rückbaubar

Naturstein überdauert Jahrhunderte – oft ohne nennenswerten Substanzverlust. Im Zuge der thermischen Sanierung eines rund 40 Jahre alten Bürokomplexes in Wien ergab die Überprüfung der Natursteinfassade, dass die Steinbekleidung bis auf Oberflächenschmutz keine nennenswerten Schäden aufweist und – ganz im Sinne der angestrebten klimafit-Zertifizierung – nach dem Austausch einzelner Platten durch neue Platten aus Originalmaterial unverändert bestehen bleiben kann. Werkstücke aus Naturstein lassen sich zerstörungsfrei zurückbauen, wiederverwenden oder als Baurestmasse entsorgen. Die sortenreine Trennbarkeit erfüllt zentrale Anforderungen der Kreislaufwirtschaft. Was nicht wiederverwendet werden kann, wird als Sekundärrohstoff weitergenutzt und beispielsweise im Straßenbau, für Gabionen oder als mineralischer Zuschlagstoff eingesetzt.

 

 
Reparatur-Garantie: Der Handlauf in einem Museum wurde mit Originalmaterial ausgebessert.


In Würde altern: Robuster Treppenbelag aus Soln­hofer Kalkstein in der TU Wien.

 

Naturstein als tragendes Element

Wurde Naturstein im Hochbau lange Zeit vorwiegend als rein dekorative Außenhülle des Bauwerks eingesetzt, denken innovative Planer den Umgang mit Naturstein komplett neu. Das Motto lautet „Weg vom rein dekorativen Belag, hin zum konstruktiven Element“. Aus Frankreich und England kommen mit der Stereotomie, der Lehre vom lastabtragenden Steinbau, beeindruckende Impulse: Inspiriert von historischen Gewölbekonstruktionen entwickelt sich dort ein zeitgenössischer Massivbau, der auf rechnerisch optimierte Versatztechnik, digitale Planung und CNC-Präzision setzt.

 


Überprüfung einer stark exponierten, über 40 Jahre alten Natursteinfassade: Bis auf die oberflächliche Verschmutzung sind keine nennenswerten Schäden feststellbar.

 

Im Gegensatz zum klassischen Mauerwerk stehen monolithische Tragstrukturen im Vordergrund – etwa segmentierte Gewölbe, massive Treppen oder selbsttragende Wände. Die Bearbeitung erfolgt so präzise, dass trocken versetzte Elemente höchsten statischen und gestalterischen Anforderungen genügen. Diese Konstruktionsweise spart nicht nur Material, sondern ersetzt Beton, Bewehrung oder Kleber vollständig. Die Bauwerke bestehen aus einem einzigen Material und sind somit vollständig rückbaubar, dauerhaft und ökologisch einwandfrei. Damit ändert sich die Rolle des Materials, denn die Kombination aus hoher Speichermasse, plastischer Ausdruckskraft und präziser Formbarkeit erschließt neue architektonische Möglichkeiten. Ein Wegbereiter in Frankreich ist das 2024 mit dem Grand Prix National de l’Architecture ausgezeichnete Atelier Architecture Perraudin in Südfrankreich. Aus dessen Feder entstanden ab der Jahrtausendwende zunächst Weinkeller wie in Vauvert und Solan aus massiven, trocken gefügten Steinblöcken regionaler Steinbrüche. Mit dem 2021 fertiggestellten Projekt Plan-les-Ouates bei Genf bewies Gilles Perraudin, dass sich sogar mehrgeschossige Wohnbauten aus massiven Natursteinmauern errichten lassen.

 


Nachhaltigkeit funktioniert auch im Sozialen Wohnbau: 2022 errichtete das IBAVI auf Mallorca sechs Wohneinheiten.

 

 

Text und Fotos: Richard Watzke (wenn nicht anders angegeben)

Kategorie: Naturstein