Wandelbarer Baustoff
Im ehemaligen Sitz der Wiener Wirtschaftskammer, einem Nachkriegsbau von Carl Appel, eröffnete 2024 das Hotel The Hoxton Vienna. Der 2020 unter Denkmalschutz gestellte Bau im 3. Wiener Gemeindebezirk steht für einen sachlichen und ressourcenschonenden Umgang mit vorhandener Substanz und gilt als Paradebeispiel, wie sich ein geschütztes Bürogebäude nachhaltig umnutzen lässt. Das Wiener Büro BWM Designers & Architects setzte auf Anpassung und Weiterverwendung der bestehenden Substanz. Wo möglich und sinnvoll, wurden Bauelemente beibehalten.
Die sichtbarste Klammer zwischen Vorgängerbau und neuem Hotel bildet – innen wie außen – die umfangreiche Ausstattung mit Naturstein. Nach außen hin fallen besonders die weit ausladenden, in dunkelgrünem Serpentin ausgeführten Portale auf. Zahnschnittartige Profile entlang aller Kanten zitieren spielerisch antike Vorbilder und verleihen den Portalen besondere Raffinesse. Die Fassadenfläche selbst ist mit hellblau-grünlichem, senkrecht gebändertem Naturstein bekleidet. Einer Zeitreise gleicht die Lobby: Die originale Wandbekleidung aus beigem Travertin und der gut erhaltene Terrazzoboden aus den 1950er Jahren bestimmen weiterhin den Raumeindruck, ergänzt durch handverlesenes Mobiliar einschließlich authentischer Bepflanzung. Durch die Erhaltung der tragenden Struktur und der Steinoberflächen blieb ein Großteil der grauen Energie im Gebäude erhalten. Das Projekt zeigt, wie der bewusste Erhalt von Naturstein und Bestandsarchitektur zur Reduktion von Ressourcenverbrauch und zur langfristigen Sicherung baugeschichtlicher Qualität beitragen kann.
Schön bei Tag und bei Nacht
Kein Bauplatz in New York dürfte symbolisch bedeutsamer sein als Ground Zero. Wenn ein Theaterbau an einem so prominenten Ort errichtet wird, ist ihm vom ersten Spatenstich an große Aufmerksamkeit sicher. Und genau dort, auf dem World Trade Center-Gelände in Manhattan, wurde 2023 mit dem Perelman Performing Arts Center ein Bauwerk eröffnet, dessen Außenwirkung wesentlich von der ästhetischen Erscheinung von Naturstein geprägt wird. Das mit dem Neubau beauftragte New Yorker Architekturbüro REX umhüllte den streng geometrischen Kubus mit einer transluzenten Hightech-Fassade aus Estremoz-Marmor und Glas. Bei Tageslicht wirkt das Gebäude wie ein riesiger Steinblock, bei Nacht wird die Gebäudehülle von innen beleuchtet und der farbenprächtige Marmor beginnt zu Strahlen. Der portugiesische Naturstein ist in Form von 12-mm-Scheiben beidseitig mit Glas laminiert und zu mehr als 50-mm-starken Isolierglaseinheiten gefügt. Insgesamt wurden fast fünftausend Paneele gefertigt und spiegelbildlich an langspannenden Stahlpfosten verankert. Um die Zeichnung der fertigen Fassade präzise zu planen, wurden sämtliche Rohplatten zuvor einzeln fotografiert und nummeriert.
In der Volksoper Wien ist die 2025 abgeschlossene Sanierung der sechs Publikumsgarderoben Teil einer umfassenden Modernisierungsoffensive. Die ehemals durchgehenden, von Wand zu Wand reichenden Garderobenpulte wurden nach Entwürfen der Wiener Architektinnen Rita Reisinger und Doris Kutscher sowie dem Atelier Peter Weisz von den Wänden gelöst und in einzelne Segmente unterteilt. Die Grundkörper bestehen aus einer soliden Holzkonstruktion, die allseits mit dem türkischen Marmor Rosso Lepanto bekleidet sind. Mit ihrer polierten Oberfläche strahlen die Pulte Eleganz und Zeitlosigkeit aus, während das Material selbst durch sein kräftiges Rot und die lebhafte Maserung die optische Wirkung unterstreicht.
Identität schaffen mit Stein
In der neu gestalteten Bahnhofsunterführung von Schwaz erinnern in die Wandbekleidung eingelassene LED-Lichtbänder an die Geschichte der Stadt als einst bedeutendes Zentrum des Silberbergbaus. Die schmalen Linien durchziehen die großformatigen Platten aus dunkelgrauem Schremser Granit wie metallische Adern und lassen das historische „Silber von Schwaz“ neu aufscheinen. Die 2021 eröffnete Unterführung übersetzt damit lokale Identität in ein prägnantes Gestaltungselement. Zusätzlich zur Symbolwirkung des dunklen Materials punktet das Hartgestein aus dem Waldviertel zugleich mit seiner Robustheit. Im Rahmen der Bahnhofsoffensive der ÖBB waren zuvor bereits zahlreiche österreichische Natursteine für die Sanierung und Neugestaltung von Bahnhöfen als Leitmaterialien ausgeschrieben und auch eingesetzt worden. Prominente Beispiele sind der Wiener Hauptbahnhof, dessen Passagen an Wänden und Böden mit den Osttiroler Natursteinen Dorfergrün und Tauerngrün ausgestattet wurden, aber auch die Bahnhöfe in Linz und Klagenfurt, bei denen ebenfalls österreichische Natursteine entscheidend Anteil an der repräsentativen und dauerhaften Gestaltung haben.
Stein spricht für sich selbst
Neben aller Zweckmäßigkeit und ökologischer Vorteile gegenüber künstlichen Werkstoffen besitzt jedes Produkt aus Naturstein ein wesentliches Merkmal: Kein Stück ist wie das andere. Besonders beim Interieur Design setzen Gestalter daher gerne auf die Natürlichkeit und Einzigartigkeit strukturierter Natursteine. Dank moderner Maschinentechnik werden die am Computer entworfenen Objekte präzise in Stein umgesetzt. Die natürliche Maserung jedes Steines lässt sich dabei bereits in der Entwurfsphase als Gestaltungmittel berücksichtigen.
Text: Richard Watzke
Kategorie: Naturstein













