Nutzen wir das struktive Potenzial

21. Januar 2026 Mehr

Auch im deutschsprachigen Raum steigt das Interesse an der neuen „alten“ tragenden Steinkonstruktion. Am Lehrstuhl Massive Baukonstruktionen der Technischen Universität Dortmund erforscht und lehrt Junior-Professorin Anne ­Hangebruch, welche Anforderungen zu beachten sind.

 


Anne Hangebruch leitet seit 2020 die Juniorprofessur Massive Baukonstruktionen an der TU Dortmund.
© Beat Batschung

 

Frau Professor Hangebruch, welchen Stellenwert hat Naturstein in Ihrer Forschung und Lehre?

Anne Hangebruch: Konkret untersuchen wir das struktive Potenzial von natürlichen Materialien und regionale Bauweisen für eine zukunftsfähige Architektur – und da spielen heimische Natursteine als Baustoff eine zentrale Rolle. Naturstein qualifiziert sich im Besonderen für schichtenarme, massive Konstruktionsweisen, denn die Anforderungen an Trag- und Schutzschicht erfüllt das Material mühelos. Durch die Verwendung von massivem Stein als tragende Struktur können nicht nur architektonische Möglichkeiten erweitert, sondern auch ökologische Vorteile des Materials genutzt werden. Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist die Aktivierung der Speichermasse des Steins für ein energetisches Konzept zur Nutzung des solaren Energieeintrags.

Was muss sich im Bauwesen verändern, damit Naturstein seine Vorteile wieder stärker ausspielen kann?

Um das innovative und ökologisch vorbildliche Bauen mit tragendem Naturstein zu fördern, braucht es vorbildliche Ansätze und prototypische Realisierungen. Eine zentrale Herausforderung ist zudem die Bereitstellung von Informationen, um die Bauweise, sowohl bei Auftraggebern wie auch bei den Planern und ausführenden Firmen, bekannt zu machen und zu etablieren. Mit dem Aufkommen des Beton- und Stahlbetonbaus, in den Industrie und Forschung investierten, endete die technologische Weiterentwicklung im Steinbau. Lehrende und Forschende der Architektur und des Bauingenieurwesens sind heute auf Stahlbetonkonstruktionen spezialisiert. Dies führt zu einer einseitigen Ausbildung und das Verständnis, wie heute sinnvoll mit Naturstein konstruiert werden kann, muss, ebenso wie der Holzbau vor einigen Jahren, neu entwickelt werden.

 


In Zusammenarbeit mit dem Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser entstand der lastabtragende, trocken aus Sandstein gefügte Pavillon auf dem Platanen­platz des Campus der TU Dortmund. © Detlef Podehl

 

 

Wie beurteilen Sie die Situation in Europa?

In einigen europäischen Ländern ist eine große Materialoffenheit zu beobachten. In Frankreich, Spanien, Großbritannien und der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren beeindruckende Bauten in lastabtragender Natursteinmassivbauweise realisiert, so zum Beispiel soziale Wohnungsbauprojekte auf den Balearen durch das „Instituto Balear de la Vivienda“, kurz IBAVI.

Wie sollte man mit Naturstein gestalten und wie besser nicht?

Aus meiner Sicht müssen wir heimische Natursteine wieder als Baustoff und nicht bloß als Dekorationsmaterial verstehen. Dazu gehört, dass wir ihn, gemäß seinem struktiven Potenzial, als lastabtragendes Bauteil einsetzen und nicht mit einer aufwendigen metallischen Unterkonstruktion vor eine Stahlbetonstruktur hängen. Zudem müssen wir alles verwenden und können es uns im Sinne der Ressourcenschonung nicht leisten, aus optischen Gründen zu selektieren.

 


Im Weinkeller von Vauvert nutzt das Atelier Architecture Perraudin die hohe Speichermasse der massiven Roh­blöcke.
© Atelier Architecture Perraudin

 

 

Interview: Richard Watzke

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen, Naturstein