Orte des Austauschs und der Teilhabe

12. Mai 2026 Mehr

Ein Schulgebäude ist endlich weit mehr als Klassenzimmer, Gang und Turnsaal. Es ist Lernlandschaft, Lebensraum und sozialer Mikrokosmos. Das Architekturbüro Kronaus Mitterer prägt diesen Wandel heute entscheidend mit. Im Interview sprechen Christian Kronaus und Peter Mitterer darüber, wie sich pädagogische Konzepte in räumliche Strukturen übersetzen lassen – und warum der „Raum als dritter Pädagoge“ dabei keine bloße Metapher ist.

 

 

Was ist der grundlegende architektonische Gedanke, der all Ihre Projekte verbindet? Gibt es eine Art „roten Faden“ in der Philosophie von Kronaus Mitterer?

Unsere Architektur ist stark ortsgebunden und entwickelt für den jeweiligen Bauplatz und die jeweilige Funktion ein maßgeschneidertes Gebäude. Daher weisen unsere Projekte eine große gestalterische Bandbreite auf, wir arbeiten also stark mit Prototypen. Was die Projekte aber gemein haben, ist dass sie sehr gut in ihren städtebaulichen Kontext eingebettet sind und ein schlüssiges Weiterbauen der Stadt zum Ziel haben. Das ist es auch, was uns an der Architektur interessiert.

Ihr Büro ist besonders für seine Bildungsbauten bekannt geworden. Inwiefern ist gerade diese Bauaufgabe das ideale Feld, um Ihre architektonische Haltung in die Praxis umzusetzen?

Der moderne Bildungsbau arbeitet stark mit offenen Raumkonzepten wie Lernlandschaften, „Marktplätzen“ und Multifunktionszonen. Gleichzeitig erfordert das „Cluster“- bzw. „Compartment“-Konzept, das in den letzten Jahrzehntenten pädagogisch entwickelt wurde, die Strukturierung der Schule in kindergerechte Bereiche und Maßstäbe. Weiters sehen wir, dass die Verwebung der Schule mit dem Außenraum in Form von Freiluftklassen, Sport- und Spielbereichen im Nahbereich der Lernräume immer wichtiger wird. All diese Punkte ermöglichen das Austesten von spannenden und innovativen Raumkonzepten, was beispielsweise im Wohnbau nur viel eingeschränkter möglich ist.

 


Das Modell der Gemeinschaftsschule ­Adlershof zeigt das Prinzip des „Lernkiez im Park“ in Berlin: eine organisch gegliederte Struktur, die Innen- und Außenräume fließend verbindet. Das Raumkonzept wird hier anschaulich als offenes, vernetztes Lerngefüge erfahrbar. © Kronaus Mitterer Architekten

 

Welche Rolle spielt die Architektur für das Lernen im 21. Jahrhundert? Was muss ein modernes Bildungsgebäude heute leisten, was es vor 30 Jahren noch nicht musste?

In den letzten 30 Jahren hat sich viel verändert in der Art und Weise, wie Wissen vermittelt wird. Frontalunterricht wird zunehmend durch andere Lernformate wie Kleingruppen oder individuelle Förderung ersetzt. Die Unterrichtsräume müssen daher Teilungs- und Rückzugsmöglichkeiten, aber auch Transparenzen und Sichtbeziehungen ermöglichen. Die Ganztagesschule wird immer mehr zur Norm und die Kinder verbringen dadurch viel mehr Zeit in der Schule, teils auch in den Sommerferien. Das Gebäude muss darauf mit vielfältigeren Raumangeboten und mit Maßnahmen zur Klimaresilienz reagieren. Das ist eine große Chance für uns Architektinnen und Architekten, diese neuen Herausforderungen mit neuen räumlichen Antworten zu unterstützen.

Wie übersetzen Sie moderne pädagogische Konzepte in architektonische Raumprogramme – insbesondere, wenn es um offene Lernlandschaften und die Gestaltung von Zwischenräumen geht?

Sinnbildlich für die Übersetzung der neuen pädagogischen Konzepte in die Architektur ist die Erschließung in einem Bildungsbau. Wir alle kennen noch aus früheren Zeiten die schier endlosen Gänge in einer Schule. Das war Niemandsland. Die Bedeutung der Erschließungswege als Kommunikationsflächen wurde lange unterschätzt – heute sieht man das anders.
Wir planen diese Wege so, dass der Austausch untereinander angeregt wird. Das schließt eine bewusste Blickführung in die Klassen- und Arbeitsräume mit ein. Flure werden zu Zwischenräumen, die sich aufweiten, wo Leben und Lernen stattfindet. Sie verbinden Funktionen, schaffen Übergänge und lösen Grenzen auf. Im Zusammenspiel von Wegen, Blicken und Schwellen zeigt sich für uns die eigentliche Qualität der Architektur.
Zwischenräume geben dem Gebäude eine soziale Dimension. In unseren Lernlandschaften entstehen Platzsituationen und Rückzugsorte, extrovertierte und introvertierte Bereiche. Menschen sind unterschiedlich, und das Raumangebot muss breit genug sein, um allen einen Platz zu bieten. In diesen Zonen finden auch offene Unterrichtsformen statt, etwa Workshops oder AGs.
Bei der Übersetzung neuer pädagogischer Konzepte in die Architektur geht es also darum, dass ungezwungenes Lernen durch ein vielfältiges Raumangebot unterstützt wird – und dass Teilhabe architektonisch erfahrbar wird.

 


Der Bildungscampus Willi Resetarits versteht Schule als Gemeinschaftsraum. Begrünte Terrassen und offene Clusterzonen verbinden Lernen, Bewegung und Natur zu einer räumlichen Einheit. © Schreyer David

 

Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Pädagoginnen und Pädagogen in der Entwurfsphase?

Die Zusammenarbeit mit den Nutzerinnen und Nutzern ist ein wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen Planung. Nur ein Gebäude, das angenommen wird und auf spezifische Anforderungen eingeht, ist ein nachhaltiges Gebäude. Im Bildungsbau greifen wir sowohl auf Erkenntnisse aus der Theorie als auch auf Erfahrungen aus der Praxis zurück. Die Zusammenarbeit mit den Nutzergruppen ist ein spannender Prozess und fördert nicht selten Lösungen zutage, die uns nie eingefallen wären, hätten wir isoliert gearbeitet. Gleichzeitig schafft die Zusammenarbeit auch Verständnis für ungewöhnliche räumliche Lösungen auf Seiten der Pädagoginnen und Pädagogen.

Lernwelten verändern sich rasant. Wie kann man sicherstellen, dass Bildungsbauten flexibel und auch in Zukunft noch funktional sind?

Das ist eine berechtigte Frage. Zum einen hilft eine Vielzahl nutzungsoffener und robuster Bereiche, damit Lernwelten ohne große bauliche Eingriffe neu bespielt werden können. Das ist eine gute Lösung für kleinere Anpassungen. Betrachtet man den gesamten Lebenszyklus eines Bildungsbaus, können aber auch größere Veränderungen notwendig werden. Dann ist es wichtig, dass bereits in der Planung die Rückbaubarkeit mitbedacht wird. Im Wiener Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof planen wir derzeit einen Schulcampus, der ein Pilotprojekt für die Kreislaufwirtschaft ist. Materialien werden so verbaut, dass sie später ohne großen Aufwand recycelt werden können. Wir erstellen auch eine detaillierte Auflistung der verbauten Materialien, um die Rückbaubarkeit schon im Entwurf mitzudenken.

Oft wird der Raum als „dritter Pädagoge“ bezeichnet. Wie interpretieren Sie diesen Begriff in Ihrer Arbeit?

Wir können unsere gebaute Umwelt so gestalten, dass bestimmte Nutzungen gefördert werden. Im Bildungsbau setzen wir bewusst Anreize, damit Tätigkeiten unterstützt werden. Wir bieten Kernklassen und Nischen für konzentriertes Arbeiten an. Wir schaffen aber auch Orte, die Kommunikation und Austausch fördern. Eingangs haben wir den langen Gang in konventionell geplanten Schulen angesprochen und dass wir stattdessen offene Kommunikationszonen bevorzugen. Wir können es schaffen, dass zum Beispiel der Weg von der Kernklasse zum Physikraum unterschiedliche Begegnungen und wertvolle Einblicke in den Schulalltag ermöglicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir vor allem voneinander lernen, und den Rahmen dafür bildet die Architektur.

 


Mit seiner modularen Clusterstruktur und großzügigen Terrassen schafft der Bildungscampus Willi Resetarits in Wien vielfältige Lernlandschaften. Transparente Übergänge, natürliche Materialien und flexible Raumbeziehungen fördern Kommunikation und Teilhabe. © Schreyer David

 

Welche Bedeutung hat die Materialwahl für die Lernatmosphäre und das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen?

Schadstofffreie, natürliche Materialien, angenehmes Licht und ein Bezug zur Außenwelt sind zentrale Entwurfsaspekte für eine gute Lernatmosphäre. Wir entwickeln projektspezifische Material- und Farbkonzepte, die individuell auf die jeweilige Situation eingehen und das Wohlbefinden unterstützen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie im Kontext eines Schulbaus?

Nachhaltigkeit bedeutet einerseits ressourcengerecht zu planen und zu bauen. Es bedeutet aber auch, Schulen zu bauen, in denen Kinder sich wohlfühlen, die von den PädagogInnen als Arbeitsumfeld geschätzt werden und die einen städtebaulichen Mehrwert für die Umgebung bieten. Nur so kann sichergestellt werden, dass das Gebäude auch über seine angestrebte Nutzungsdauer hinaus erhalten wird. Das können nur individuell geplante Schulen leisten, modulare Gebäude ohne echten Bezug zum Ort, egal wie nachhaltig sie errichtet werden, vermutlich nicht.

Bildungsprojekte sind oft auch wichtige städtebauliche Bausteine. Welche Verantwortung trägt ein Schulbau für sein urbanes Umfeld?

Ein Bildungsbau hat das Potenzial, als Anker im öffentlichen Raum zu wirken und ein verbindendes Element zwischen schulischem und städtischem Leben zu sein. Wir öffnen unsere Bildungsbauten bewusst zur Nachbarschaft und integrieren gemeinschaftlich nutzbare Flächen wie Aula oder Sportbereiche mit guter Zugänglichkeit auch außerhalb der Schulzeiten. Das führt zu einer Belebung des Umfelds und schafft eine Schnittstelle zwischen Lernort und Stadtraum.

 


Der Neubau der Zentralberufsschule Wien in der Seestadt Aspern schafft mit seinem zweigeschossigen Sockel und den schwebenden Holzbaukörpern eine prägnante städtebauliche Figur. Transparenz, Offenheit und Nachhaltigkeit prägen das architektonische Konzept ebenso wie der Gedanke der Gemeinschaft. © Kronaus Mitterer Architekten, Janoušek & Havlíček

 

Was sind heute die größten Herausforderungen bei der Planung und Umsetzung von Bildungsbauten. Und wie finden Sie innovative Lösungen dafür?

Kostendruck, normative Vorgaben und komplexe Nutzeranforderungen gehören zum Alltag der Planung, nicht nur bei Bildungsbauten. Das führt aber nicht zwangsläufig dazu, dass die architektonische Qualität darunter leidet. Im Gegenteil: Einschränkungen schärfen den Blick für das Wesentliche. Wichtig ist jedoch, dass die Auftraggeber:innen mutig genug sind, neue Wege zuzulassen und innovative Konzepte zu wagen. Vermeintlich sichere Konzepte wie Totalübernehmer, Modulschulen oder PPP-Modelle verhindern Innovation und Wettbewerb und kommen auf Dauer teurer.

Wie wird sich der Bildungsbau weiterentwickeln? Welche Trends sehen Sie, und welche Rolle möchte Ihr Büro dabei spielen?

Bildungsbauten werden weiterhin eine zentrale gesellschaftliche Rolle spielen. Der Fokus verschiebt sich vom Lernraum hin zum Lebensraum. Schulen werden künftig stärker hybride Gebäude sein, die unterschiedliche Nutzungen und auch unterschiedliche Nutzergruppen zulassen. Anpassbarkeit wird zum Schlüsselthema. Nachhaltigkeit und Klimaresilienz wird immer wichtiger und die öffentliche Hand kann hier mit Bildungsprojekten ein Vorreiter sein. Für uns als Büro ist jeder Schulwettbewerb weiterhin eine besondere Aufgabe und eine Möglichkeit, räumliche Konzepte auszuprobieren und umzusetzen.

Wenn Sie völlig frei von allen Zwängen ein Projekt im Bildungsbereich entwerfen könnten – wie sähe das aus? Was wäre die zentrale Idee?

Vermutlich eine große Lernlandschaft auf einer oder mehrerer verschränkter Ebenen mit fließendem Übergang zu einem weitläufigen Außenbereich. Eine Abfolge von offeneren und intimeren Bereichen mit spannenden funktionalen und visuellen Beziehungen. Frei programmierbare Räume abseits klassischer Raumprogramme. Alles in einer robusten und nachhaltigen Bauweise errichtet. Das Resultat würde vermutlich mehr an ein zeitgenössisches Museum als an eine Schule erinnern. Aber warum sollten unsere Bildungsbauten nicht genauso Leuchtturmprojekte sein wie Kulturbauten?

 

Interview: Andreas Laser

 

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen