Antworten auf anstehende Energiefragen geben

17. Dezember 2019 Mehr

Statement von Univ. Prof. Brian Cody

 

Als Universitätsprofessor am Institut für Gebäude und Energie an der TU Graz setzt Brian Cody seinen Schwerpunkt auf die Maximierung der Energieperformance von Gebäuden und Städten. Auch einer breiteren Öffentlichkeit möchte er die Thematik mit seinem Buch „form follows energy“ näher bringen.

 

Univ. Prof. Brian Cody

© Hatice Cody

 

Ab 2020 muss laut EU-Richtlinie jeder Neubau in Europa als „Nearly-Zero-Energy-Building“ gebaut werden. Das ist ein Anfang. Die beschlossenen Ziele hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung sind damit alleine natürlich nicht zu erreichen. Vielmehr bedarf es einer radikalen Umstrukturierung unserer physischen Infrastruktur; wir müssen die Stadt als System neu denken. Mit einer bloßen Optimierung der bestehenden Strukturen werden wir die notwendige Halbierung unseres derzeitigen Energiebedarfs in Europa nicht erreichen.

Gebäude stellen jedenfalls bei Weitem den größten Energieverbraucher der technischen Infrastruktur unserer Gesellschaft dar und bilden somit einen großen Teil des Problems ab. Architektur kann damit ein Großteil der Lösung sein. Alte Architekturkonzepte mit Wärmedämmung und Fotovoltaik-Paneelen zu bekleiden, löst das Problem jedoch nicht. Die Architektur muss architektonische Antworten auf die anstehenden Energiefragen liefern.

Gebäudeplaner haben sich bisher vorwiegend damit beschäftigt, die Schutzfunktionen der von ihnen entworfenen Gebäude zu optimieren. Alleine die Begriffe, welche im Bauwesen heute verwendet werden, zeigen die Denkweise des verfolgten Ansatzes: Wärmedämmung, Sonnenschutz, Windschutz, Dampfbremsen etc. Es ist an der Zeit, einen Paradigmenwechsel im Denken und Handeln zu vollziehen – statt immer effektivere Schutzmaßnahmen gegen die natürlichen Kräfte, warum diese Kräfte nicht nutzen? Statt darauf zu fokussieren, wie der negative Impakt des entworfenen Gebäudes auf die Umgebung minimiert werden kann, sollten wir versuchen, seinen positiven Impakt zu maximieren – Gebäude, welche nicht nur nehmen, sondern auch geben!

 

Science and Technology Museum“ in Xingtai, China

 

Das Energiekonzept für das neue „Science and Technology Museum“ in Xingtai, China, das wir in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Coop Himmelb(l)au entwickelt haben, zeigt den Ansatz von „Buildings which give“. Der Entwurf hat den internationalen Wettbewerb für den neuen Museumsbau im vergangenen Sommer gewonnen und beinhaltet eine Vielfalt von passiven und aktiven energetischen Strategien, welche den thermischen Komfort und die Luftqualität für Besucher und Angestellte bei gleichzeitig minimiertem Energiebedarf optimieren. Das Konzept geht jedoch weit darüber hinaus und ist weitaus ambitionierter als die bisher bekannte energieeffiziente Gebäudeplanung.

Xingtai, mit einer Bevölkerung von über 7 Millionen Menschen, gilt als die am stärksten luftverschmutzte Stadt in einem Land, das infolge des Industrieausmaßes und der in den letzten Dekaden rasanten wirtschaftlichen Entwicklung mit starken Luftverschmutzungsproblemen in den meisten seiner vielen Städte und Metropolen kämpft. Das Ziel bei unserem Konzept war, über die Systemgrenzen des Gebäudes hinaus zu gehen und das urbane Mikroklima und die Luftqualität in der unmittelbaren Umgebung des Gebäudes zu verbessern. Das Gebäude leistet dabei einen wichtigen Beitrag zur Qualitätsverbesserung der Luft in seiner Umgebung. Ein Gebäude, das gibt und nicht nur nimmt. Das entwickelte Konzept zeigt, wie individuelle Gebäude einen Beitrag zur Optimierung des Gesamtsystems Stadt leisten können.

Der Gebäudeentwurf sieht eine vertikale Schichtung der Nutzungen vor, bei der esich in begrünter großzügiger öffentlicher Außenraum im Zentrum des Gebäudevolumens befindet. In einem nahegelegenen Park haben wir zwei hohe Türme geplant, welche die vorherrschenden Winde einfangen und mithilfe von Niedrigdruck-Axialventilatoren die Luft anschließend in einem unterirdischen System von Erdkanälen durchleiten, wobei sie mittels Luftwäscher und einem Niedrigdruck-Luftfiltersystem von der atmosphärischen Luftverschmutzung gereinigt wird.

Nachdem die Luft gereinigt und durch das Erdreich temperiert wird, tritt sie durch „Luftbrunnen“ im zentral gelegenen öffentlichen Außenraum ein, wo sie zur Schaffung eines angenehmen Mikroklimas und verbesserten Luftqualität beiträgt. Von hier aus strömt die Luft hinaus in die Gebäudeumgebung. Die Energie, die benötigt wird, um dieses Luftreinigungssystem zu betreiben, liefern großflächige solare Module, welche im Gebäudedach und in den Turmoberflächen integriert sind. Mittels integrierter Mediasysteme in den Fassaden der Türme wird die Öffentlichkeit über den aktuellen Status der Luftreinigungsprozesse informiert. Die Systeme bilden einen integralen Teil des Ausstellungskonzeptes für das neue Science and Technology Museum.

 

 

Die Zukunft der Architektur wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, in wieweit architektonische Antworten zu den anstehenden Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung – und damit neue hierfür geeignete architektonische Formen – gefunden werden können. Architektur „verbraucht“ nicht Energie, Architektur ist Energie. Jede gezeichnete Linie auf Papier, welche eine architektonische Intention darstellt, impliziert auch Jahrzehnte und mitunter gar Jahrhunderte von damit einhergehenden Energie- und Stoffströmen. Vor dem Hintergrund des Klimawandels, der rasant zu Neige gehenden fossilen Energieressourcen, des exponentiellen Bevölkerungswachstums und der aus der Ungewissheit der zukünftigen Energieversorgung resultierenden geopolitischen Instabilität, zusammengenommen mit der Tatsache, dass Gebäude für etwa 40% des weltweiten Energieverbrauches verantwortlich sind, ist es naheliegend, dass es keine gute Architektur ohne ein gutes Energiekonzept mehr geben kann.

Dabei muss ein Paradigmenwechsel im Denken noch vollzogen werden. Im Namen der Nachhaltigkeit wurde während der letzten 20 Jahre immer mehr bei der Planung von Gebäuden der Versuch unternommen, den negativen Impact des geplanten Gebäudes auf seine Umgebung zu minimieren. Das ist jedoch noch zu wenig. Vielmehr muss es darum gehen, den positiven Impact des Gebäudes auf sein Umfeld zu maximieren. Aus meiner Sicht suggeriert auch der Begriff Nachhaltigkeit eine viel zu konservative Haltung. Es kann nicht lediglich darum gehen, alles so zu erhalten wie es ist, sondern vielmehr darum, wie wir mit unseren Handlungen die Situation jetzt und für die Zukunft viel besser machen können.

 

http://energydesign-cody.com/brian-cody.html

 

 

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Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen

Ausgabe 6/2020 Material & Oberfläche

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