Ausgleichen von kompakten Wohnungen – DI Katharina Bayer

11. November 2019 Mehr

Das Ausgleichen von kompakten Wohnungen – DI Katharina Bayer

Interview mit Architektin DI Katharina Bayer

 

Bayer_Portrait

Das Wiener Architekturbüro einszueins architektur lässt Einfamilienhäuser hinter sich und beschäftigt sich lieber mit Baugruppen, Partizipation und kooperativer Stadtplanung. Über diese (noch) besondere Spezialisierung sprachen wir mit Katharina Bayer. Foto:©© He Shao Hui

 

Frau Architektin Bayer, sehen Sie die Zukunft der Architektur positiv oder negativ?
Positiv. Als Architektin braucht man eine positive Einstellung, um den Herausforderungen begegnen zu können.

Was soll die Architektur der Zukunft ermöglichen?
Die Architektur soll sich auf die gesellschaftlichen Herausforderungen konzentrieren. Der Klimawandel und der demografische Wandel sind Themen, mit denen sich Architektur auseinandersetzen muss. Sie soll Lösungen für komplexe Probleme bieten.

In welche Richtung soll sich die Architektur im Hinblick auf den Wohnbau entwickeln?
Durch die Spezialisierung unseres Büros auf Baugruppenprojekte verfolgen wir einen besonderen Ansatz. Auch wir haben mit der Planung von Einfamilienhäusern und anonymen großvolumigen Wohnbauten begonnen. Bei beiden sehen wir Defizite: der hohe Flächenverbrauch beim Einfamilienhaus und die Anonymität und fehlende Selbstermächtigung beim großvolumigen Wohnbau. Die Individualisierung und die Ökologie sowie soziale Vielfältigkeit haben wir als das Positive aus beidem genommen. Durch unseren Schwerpunkt integrieren wir die NutzerInnen frühzeitig in den Planungsprozess von mehrgeschossigen Wohnbauten. Dadurch können sie mitgestalten und ihre individuellen Wohnbedürfnisse miteinbringen. Es entstehen vielfältige und nachhaltige Wohnformen für den Wohnbau. Das gilt als wesentliche Grundlage für zukünftigen Wohnbau, der keine Fließbandlösungen zur Verfügung stellen kann und auf Bedürfnisse und Situationen eingehen muss.

Welche Wohnmodelle wird es in Zukunft geben?
Die Wohnformen werden sich immer stärker ausdifferenzieren. Man muss auf die stärkere Individualisierung eingehen, aber auch auf den Bedarf nach neueren Wohnformen beispielsweise in Bezug auf Pflege. Das kann wohl nicht mehr in großen Modellen oder Systemlösungen abgedeckt werden, sondern durch kleinteiligere maßgeschneiderte Lösungen. Insofern sind gemeinschaftliche Wohnformen wichtig, bei denen Partizipation der NutzerInnen möglich ist. Flexibilität und Anpassbarkeit sind wichtige Schlagworte für den zukünftigen Wohnbau.

Wie kann das Thema Gemeinschaftlichkeit stärker in der Architektur umgesetzt werden?
Bei unseren bewusst gemeinschaftlich angelegten Baugruppenprojekten gibt es schon viele Möglichkeiten, Gemeinschaft, Solidarität und Sharing zu leben. Auch bei geförderten Wohnbauten wird die soziale Nachhaltigkeit dadurch schon vielfach umgesetzt. Bei ganz vielen Wohnformen im frei finanzierten Wohnbau gibt es aber noch immer zu wenige Möglichkeiten dafür. Da werden die Wohnungen aufgrund der Leistbarkeit immer kompakter. Es geht weniger darum, im geförderten Wohnbau noch mehr gemeinschaftliche Angebote zu schaffen, sondern das mehr in die Breite zu bringen und auch den frei finanzierten Bereich dabei zu integrieren. Die Stadt Wien ist dabei in vielen Bereichen schon auf einem sehr guten Weg, aber es braucht natürlich Anstrengung, damit das so bleibt und nicht die Investoreninteressen im Vordergrund stehen.

Kann man also sagen, dass die Wohnungen immer kleiner werden zugunsten der Gemeinschaftsbereiche?
Im Idealfall stimmt das. Wir glauben, dass der Trend der kompakten Wohnungen an sich kein schlechter ist. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es auch wichtig, wie wir mit Raumressourcen umgehen und vor allem, wie wir diese verteilen. Der Hauptgrund, wieso Wohnungen immer kleiner werden, ist aber, dass Wohnraum sehr teuer geworden ist. Diese Reduktion ist oft unfreiwillig und passiert hauptsächlich bei sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen. Man muss diesen Trend also differenziert betrachten. Manchmal ist er durchaus positiv zu sehen, wenn die Kompaktheit durch Gemeinschaftsflächen kompensiert wird. Problematisch ist er zu sehen, wenn er Ausdruck von fehlender Leistbarkeit und fehlenden Möglichkeiten ist. Wir unterstützen diesen Weg, dass Räume aus dem individuellen Bereich geholt und in den gemeinschaftlichen verlagert werden, wenn das Sinn macht. Dazu zählen zum Beispiel Gästezimmer oder Kinderspielräume.

 

Baugruppenprojekt am Nordbahnhof in der Krakauerstraße in Wien als Teil des Gesamtbauvorhabens „Wohnen mit Alles“, DI Katharina Bayer – Foto:©Hertha Hurnaus

 

Ist der Begriff „Smartwohnung“ zu einem reinen Marketingvokabel geworden?
Die Idee der Smartwohnung ist, dass man alltagstaugliche kompakte Grundrisse schafft z.B. ohne sinnlose Gangflächen, um das Wohnen günstiger zu machen. Grundsätzlich ist das unterstützenswert und Marketing gehört natürlich auch dazu. Man muss darauf schauen, was als Ausgleich dafür in den Allgemeinbereichen geschaffen wird. Durch die kleineren Wohnungen muss man öfters hinaus und dazu soll es auch Möglichkeiten geben. Dass parallel zu den kompakteren Wohnungen keine Ausgleichsflächen oder gemeinschaftliche Angebote entstehen, darf so nicht sein.

Wie ist das Feedback der Bewohner zu den Gemeinschaftsräumen bei Ihren Projekten?
Bei unseren Projekten werden die Gemeinschaftsflächen so genutzt, wie sie geplant wurden, denn die künftigen Bewohner entscheiden mit, welche Räume sie nutzen wollen und wie diese ausgestattet werden sollen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich die Hausgemeinschaft schon vorher organisiert und Regeln für diese Flächen festlegt. Problematisch ist das bei Projekten, wo es keine Partizipation in der Gestaltung und keinen Prozess des Kennenlernens gibt. Eine soziale Begleitung für die Besiedlungsphase ist hier vor allem im geförderten Wohnbau notwendig. Wenn so etwas komplett fehlt, ist eine gute und intensive Nutzung der Gemeinschaftsräume unwahrscheinlich. Man darf die Bewohner mit dieser Aufgabe nicht alleine lassen.

Wie viel Mehraufwand stellt die aktive Miteinbeziehung der Bewohner in die Planung dar?
Bei umfassender Partizipation muss man mit einem Drittel Mehraufwand in der Planung rechnen. Das ist aber ein Mehraufwand, der von beiden Seiten geschätzt wird und in der Regel auch von den Bewohnern finanziert wird.

Planen Sie auch Einfamilienhäuser?
Aus ideologischen Gründen unterstützen wir die Alternativen zum Einfamilienhaus. Einfamilienhäuser sind für uns nicht nachhaltig, weder auf gesellschaftlicher Ebene noch auf individueller Ebene. Wenn es eine Veränderung geben soll, muss ein Umdenken auf verschiedenen Ebenen passieren und Alternativen müssen angeboten werden. Unser Ziel ist, an diesen Alternativen zu arbeiten.

Wird es in Zukunft noch Einfamilienhäuser geben?
Es wird auch in Zukunft Einfamilienhäuser geben. Unser Büro hat da einen ersten Schritt gemacht, Alternativen aufzuzeigen. Die Politik muss Schritte setzen, um wichtige Raumplanungs- und Raumordnungsfragen zu klären. Ein einzelner Architekt oder ein einzelnes Architekturbüro wird da nicht die große Veränderung bereden können, denn es braucht politische Anstrengung dafür. Die Sehnsucht nach dem Haus im Grünen führt auf individueller Ebene oft zu nicht nachhaltigen Entscheidungen. Das sollte von der Politik aber nicht weiter gefördert werden.

Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?
Die Grunddefinition, dass es um ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit geht, unterstütze ich. Beim Bauen geht es dabei nicht nur um Baustoffe und Energieverbrauch, sondern um eine breitere Sicht auf das Thema. Nachhaltig ist, was den Herausforderungen der Zukunft begegnet und auch für kommende Generationen die Lebensgrundlage erhält.

 

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Flexibilität und Mehrwert für alle beim Baugruppenprojekt am Wiener Nordbahnhof in der Krakauerstraße von einzueins architektur – Fotos:©Hertha Hurnaus

 

Wie wohnen Sie aktuell?
Ich bin gerade in ein Baugruppenprojekt im Sonnwendviertel eingezogen. Unser Büro haben wir ja auch in so einem Projekt. Insofern versuche ich, im Selbstversuch zu leben, was wir auch planen. In diesem gemeinschaftlichen Wohnprojekt bin ich sehr zufrieden.

Welche Anforderungen stellen Sie persönlich an eine Wohnung?
Die Wohnung muss meiner aktuellen Lebenssituation entsprechen. Mit Kindern als Patchwork-Familie brauchen wir Platz. Für mich ist wichtig, dass es die Möglichkeit eines Freiraumes und des Austausches mit anderen gibt. Mein Wohnen soll nicht an der Wohnungstür aufhören, sondern ein Umfeld und eine aktive Nachbarschaft haben. Ich wohne gerne in der Stadt und möchte alle Möglichkeiten zu Fuß erreichen. Eine gute Infrastruktur ist wichtig, damit ich meinen Alltag einfach und ohne Auto bewältigen kann.

Wie kann man es schaffen, gute, langfristig funktionierende Architektur zu gestalten?
Grundsätzlich soll das Planen für das Hier und jetzt passieren. Im Idealfall stehen Gebäude aber hundert Jahre oder länger. Dadurch muss die Architektur auch Möglichkeiten für Veränderung und Flexibilität lassen. Bei den partizipativen Projekten beachten wir, dass es eine Baukonstruktion gibt, die Umbaubarkeit und eine Anpassung der Raumstruktur langfristig zulässt. Insofern sind flexible statische Systeme und das Einplanen von Möglichkeiten der Veränderung eines Gebäudes notwendig.

Was ist für Sie ein Leitprojekt für die Zukunft?
Das Hunziker Areal in Zürich ist für uns ein Vorbild für nachhaltige Quartiersentwicklung. Wir haben immer noch den Wunsch, dass es über das Einzelprojekt hinaus einen integrativen Planungsansatz gibt. In Wien passiert das in Teilbereichen und könnte noch stärker sein. Sonst gibt es eigentlich nie das eine Projekt. Es ist wichtig, sich den örtlichen Herausforderungen zu stellen und diese zu bewältigen. Alle Projekte, die da einen Schritt weitergehen und neue Lösungen anbieten, sind bewundernswert.

Die Zukunft der Architektur/Architektur der Zukunft ist für DI Katharina Bayer …
….ein Prozess, der sich mit den aktuellen Herausforderungen des Lebens beschäftigt.

 

Text:©Alexandra Ullman

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Kategorie: Architekten im Gespräch

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