Die Stadt mit Licht modellieren

13. Januar 2021 Mehr

podpod design ist ein international renommiertes, vom Geschwisterpaar Iris und Michael Podgorschek gegründetes Lichtplanungsbüro aus Wien. Das Tätigkeitsfeld überspannt eine große Bandbreite, von Projekten für Innen- und Außenbeleuchtung für historische, denkmalgeschützte und zeitgenössische Bauten, urbane Lichträume, öffentliche Beleuchtung bis hin zu Leuchtendesign. Im Rahmen des Deutschen Lichtdesignpreises gingen podpod design als Preisträger vieler Projekte hervor und wurden als Lichtplaner des Jahres 2014 ausgezeichnet. Der Schwerpunkt liegt in hochwertigen, maßgeschneiderten Beleuchtungslösungen, die in enger Zusammenarbeit mit den Auftraggebern und Architekten, basierend auf technischem Know-How und künstlerischem Feingefühl, entwickelt werden.

 

Iris und Michael Podgorschek von podpod design
© Christoph Meinschäfer Fotografie

 

Was macht für Sie eine Stadt aus?
Michael Podgorschek (MP): Die Dichte und die vielen Möglichkeiten machen eine Stadt aus. Auf engem Raum sind viele Optionen möglich, sei es beruflich, in Bezug auf Freizeit, kulturell oder kulinarisch. In der Stadt geht es um eine gewisse Anonymität kombiniert mit einer Enge, die viele Reibungspunkte erzeugt, denen man dauernd ausgesetzt ist.

Iris Podgorschek (IP): Die Herausforderung ist das Zusammenspiel all dieser Strukturen, Interessen und Lebensformen. Es geht um die Verdichtung von Leben und um die Balance zwischen Freiheit und Rücksicht.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Gestaltung von Licht im Stadtraum?
MP: In einem Stadtraum ist es wichtig zu wissen, von wo aus das zu beleuchtende Objekt gesehen wird. Es gibt sicherlich eine Hauptrichtung, aber im Prinzip ist es eine komplexe Wechselwirkung aus verschiedenen Richtungen, die eine räumliche Struktur aufspannen. Ob man an dem Gebäude nah dran ist oder es mehr auf die Ferne wirken muss, ist auch mitzubedenken.

IP: In der Stadt ist es immer wichtig, nicht nur einzelne Räume oder Objekte zu berücksichtigen, sondern zusammenhängende Lichträume. Oft sind auf Plätzen nur einzelne Gebäude beleuchtet. Uns wäre es ein Anliegen, mehr den ganzen Platz zu betrachten, denn es ist immer ein Zusammenspiel aller Beleuchtungselemente. Ganz wichtig ist auch, wie die Leuchten tagsüber aussehen. Es kommt dabei technisch nicht nur darauf an, wo die Leuchte sitzt, sondern auf die Detaillösung wie sie sich integriert. Leuchten gehören zur Stadtmöblierung.

Wie kann Licht eine Stadt lebenswerter machen?
IP: Die Stadt ist auch in der Nacht ein Lebensraum. Es geht dabei um das Sicherheitsempfinden, das emotional ist, aber auch real. Das Licht ermöglicht, dass man sich furchtfrei durch die Stadt auch bei Nacht bewegen kann. Einerseits gibt es also die sicherheitsrelevanten Beleuchtungen. Dann gibt es aber auch solche, die kulturell relevant sind und sich damit beschäftigen, wie man eine Stadt bei Nacht zeigen möchte. Manche Gebäude treten dabei in den Vordergrund, andere bleiben  im Hintergrund. Für die Identität und Kultur der hier lebenden Menschen ist das total wichtig und eben auch für Besucher und Touristen. Es ist auch wichtig zu sagen, dass man diese Art der Beleuchtung ab Mitternacht abschaltet und die Nacht Nacht sein darf. Für Orientierung und Sicherheit muss aber die ganze Nacht gesorgt sein.

 

Wiener Staatsoper bei Nacht
Das großvolumige Gebäude wie die Wiener Staatsoper wird nicht flächig angestrahlt, sondern durch nahe an der Fassade angebrachte Beleuchtungskörper mit Licht und Schatten modelliert.
© Jansenberger digitalimage.at

 

Besitzt Licht einen sozialen Aspekt?
MP: Ein wichtiges Schlagwort dazu ist das Gender Mainstreaming. Ein Stadtraum ist ein geteilter Raum, den man gemeinsam nutzt. Es muss also auf alle Rücksicht genommen und auch die Schwächeren geschützt werden. Vor allem in Wien wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Beleuchtung flächendeckend hochwertig ist, egal ob in den äußeren Bezirken oder im Zentrum. Für alle muss gutes Licht da sein. Als Gegensatz dazu gilt Paris, wo im Stadtzentrum alles funkelt und weiter weg vom Zentrum wird es trist. Man muss aufpassen, dass sich alle in der Stadt lebenden Menschen wohlfühlen und dass keine Ausgrenzungszonen entstehen.

Kann man Licht als Ressource sehen?
IP: Es geht um einen intelligenten Einsatz von Licht und der Leuchten. Zu hell zu beleuchten ist kontraproduktiv, denn wenn etwas zu hell ist kann ich es auch schlechter wahrnehmen. Das Licht soll nicht nur einfach in den Himmel gestrahlt werden, in der Hoffnung, dass dann auch etwas davon am zu beleuchtenden Objekt ankommt. Durch den Einsatz von LED kann man immer präziser arbeiten und das Licht wirklich dorthin bringen, wo es hin muss, Licht ist Berührung. Dadurch gibt es weniger Lichtemission in den Nachthimmel und zusätzlich braucht man auch viel weniger Energie.

MP: Viele glauben, dass etwas besser sichtbar ist, wenn es heller ist. Es ist aber oft eher im Gegenteil schlechter sichtbar.

 

Alte Residenz in Salzburg
Eigens entwickelte Bodeneinbauleuchten mit einer Lichtverteilung entlang der Fassade verleihen der Alten Residenz in Salzburg einen dezenten Lichtschimmer. Die Wege werden von unauffälligen Leuchten am Dach und unter den Fensterbänken den denkmalpflegerischen Anforderungen gerecht beleuchtet.
© podpod

 

Benötigt es Konzepte auch für die Dunkelheit?
IP: Wenn am Abend alles herunterfährt finde ich es wichtig, dass der Konsens ist, dass alle gemeinsam reduzieren und abschalten. Es ist viel spannender, wenn eine Auslage zur Bühne wird. Es geht mehr um das Inszenieren, was sich jemand gestalterisch überlegen muss. Es geht nicht nur um das hell machen, sondern um das Modellieren und das fein Arbeiten mit Fingerspitzen. Die Arbeit mit Licht hat zwar eine technische Basis, sie braucht aber wirklich viel Gefühl, künstlerisches Verständnis und Erfahrung. Das macht dann die Qualität aus.

Welchen Einfluss haben andere Disziplinen auf das städtische Licht?
MP: Der Verkehr hat einen extremen Einfluss, der wird aber nicht einberechnet. Das Licht der Autoscheinwerfer wird immer stärker und schärfer gerichtet. Wenn man in einen solchen Lichtkegel kommt wird man sehr geblendet.

IP: Während des Corona-Lockdowns gab es viel weniger Lichtemission. Was sich dabei verändert hat, ist der Verkehr, denn Fassaden-, Straßen- oder Auslagenbeleuchtungen  wurden nicht abgeschaltet. Es geht um einen sinnvollen und intelligenten Umgang mit Licht. Man muss sich überlegen, wo Licht lebenswert und wichtig ist und wo man es lieber abschaltet.

Welchen Bezug gibt es zwischen Lichtverschmutzung und Stadt?
MP: Es gibt zwei Arten von Lichtverschmutzung. Die eine ist die naturbezogene, wo Licht in den Himmel strahlt und die Lichtglocke verstärkt. Das ist eine Frage der Qualität der Scheinwerfer und der Lichtplanung. Dann gibt es auch noch die menschenbezogene Lichtverschmutzung, die sich auf die Emission bezieht, durch die Menschen sich gestört fühlen. Bei guten Projekten werden Lichtgestalter schon von Beginn an in den Planungsprozess einbezogen, um diese Dinge zu berücksichtigen.

IP: Das Bewusstsein für Licht ist auch schon sehr gestiegen und steigt immer weiter. Man weiß immer mehr, wie wichtig Licht ist und wie es Emotion und Wahrnehmung beeinflusst. Es gab eine Befliegung der Stadt Wien, bei der die Lichtemission gemessen wurde. Ein Drittel stammt dabei von der öffentlichen Beleuchtung und zwei Drittel vom Verkehr, privaten Gebäuden und Auslagen. Berücksichtigen muss man dabei auch Gebäude mit Glasfassaden, die durch ihre Innenbeleuchtung auch eine Auswirkung nach außen haben.

 

podpod design - BUWOG-Zentrale in der Rathausstraße, Wien
Die Außenanlagen der neuen BUWOG-Zentrale in der Rathausstraße – von den Architekten Schubert & Schubert, Atelier Heiss und den Landschaftsarchitekten Lindle Bukor gestaltet – vermittelt eine wohnliche Wohlfühlatmosphäre, die auch am Abend durch die Handschrift der Lichtplaner podpod design vermittelt wird.
© podpod

 

Haben Sie Veränderungen beim Umgang mit Licht in der Stadt feststellen können?
IP: Die Straßenbeleuchtung hat große Fortschritte gemacht in den letzten Jahren, mit besserer Ausblendung und bedeutend weniger Lichtemission in den Nachthimmel. Man kann aber alles immer noch besser machen. In der Stadt könnte man auch wärmere Farbtemperaturen verwenden. Die Effizienz wird auch immer besser. Dabei darf man aber auf die Qualität nicht vergessen. Durch die steigende Effizienz wird man sich auch mehr gute Qualität leisten können. Es gibt aber in der Stadt noch immer viele Sünden, wo Lichtquellen nicht gut ausgeblendet sind.

Worin soll eine Stadt unbegrenzt sein?
IP: Die Stadt muss mehr in Lichträumen gedacht werden. Auf einem Platz versucht der Eine oft heller zu sein als der Andere. Wenn man ihn als etwas Gemeinsames betrachtet, dann kann man mit dem Beleuchtungsniveau hinunterkommen, weil es dann ausgewogener ist. Es geht nicht nur darum einzelne Objekte zu betrachten, sondern ganze Bereiche.

MP: Die Plätze sind genauso Akzente der Stadt. Es darf nicht die gesamte Aufmerksamkeit und das Geld dorthin fließen. Sie sind wieder ein Teil des Ganzen und werden als Schmuckstücke hervorgehoben. Es ist wie ein Musikstück zu mixen. Da darf nichts besonders hervorstechen, es muss eher als organisches Ganzes funktionieren.

www.podpoddesign.at

 

 

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen, Newsletter

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