Stadt transdisziplinär begreifen

18. Februar 2021 Mehr

Assoc. Prof. DI Dr. habil. Angelika Psenner ist Professorin für Stadtstrukturforschung am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen an der TU Wien. Sie hat Architektur und Soziologie studiert und zu Städtebau habilitiert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei Erdgeschoss- und Straßenraumproblematik, Resilienz im Städtebau, nutzungsoffene Architektur, Mobilität, Wahrnehmung von Architektur und öffentlichem Raum und Stadtstrukturen des 19. bis 20. Jahrhunderts.

 

 Assoc. Prof. DI Dr. habil. Angelika Psenner
© bene-croy; FoB Städtebau

 

Eine Stadt ist ein Lebensraum, den ich aus unterschiedlichen Perspektiven heraus erfahren kann und der mir Rätsel aufgibt. Sie ist umgekehrt auch die Summe unzähliger Lebenswelten ihrer Bewohner*innen und Besucher*innen und damit eines der komplexesten aller menschlichen Artefakte. Stadt ändert sich einerseits ständig, andererseits weist sie aber auch (gebaute) Strukturen auf, die über lange Zeiträume hinweg Bestand haben. Das Spannende an urbanen Ballungsräumen ist, aus dem vorliegenden Material Zusammenhänge und Geschichten herauslesen zu können. Dazu bedarf es des aufmerksamen Hinschauens und Zuhörens. Dieses Aufnehmen sollte bestenfalls unvoreingenommen passieren und nicht von bestimmten Erwartungen und externen Labellings geleitet sein.

Der in der österreichischen Stadtplanung seit Jahrzehnten gehegte K(r)ampf zwischen jenen die „Theo­rie“ und jenen die „Praxis“ vertreten (in sich bereits ein Widerspruch) ist weder für das Fach noch für die Akteure hilfreich und bringt uns im Erkenntnisgewinn zu Architektur und Stadt nicht weiter. Auch der Stellungskampf zwischen den Disziplinen „Städtebau“ und „Stadtplanung“ – den es in dieser Form sowieso nur im deutschsprachigen Raum gibt – ist sinnwidrig.

 Am Land sozialisiert, zog ich mit 18 nach London. Es dauerte Monate, bis ich verstand, wie diese Stadt – oder überhaupt eine Stadt – funktioniert und wie ich mich darin zurechtfinden konnte. Das learning-by-doing war anstrengend, da mir das Verständnis für Vieles fehlte. Aber das Lesen-Können, das Zusammenhänge-Verstehen, das Mitspielen im städtischen Habitus-Gefüge, das ich mir über die Zeit meines Aufenthalts aneignete, war letztendlich zutiefst befriedigend und erfüllend.

Diese Erfahrung war für mich dermaßen prägend, dass ich das Erforschen von Stadt zu meinem Beruf machte: Nach wie vor interessiert mich, wie bestimmte vom Menschen geschaffene komplexe Lebensräume funktionieren, wie ich und andere damit umgehen und sie gestalten können.

 

Mariahilfer Straße, Wien
Mariahilfer Straße, Wien – Erdgeschossnutzung und öffentlicher Raum stehen in Wechselwirkung zueinander. Sie sind deshalb systemisch als Einheit zu behandeln, die man als Stadtparterre bezeichnen kann.
© Psenner

 

Als ich nach meinem einjährigen London-Aufenthalt nach Wien zog – in der Annahme, nun eine weitere Hauptstadt „auszuprobieren“ – war ich zutiefst irritiert von der Struktur, die ich damals, im Jahr 1987, vorfand. Wien lag, an den Rand Europas gedrängt, fernab jedes international durchmischten Gezappels, das ich von der Commonwealth-Metropole kannte. Eine ältere Dame sprach mich in den ersten Tagen meines Hierseins in der Straßenbahn kritisch auf mein Äußeres an und mir wurde erklärt, was sich ziemt und schickt. Hier herrschte ein gemächliches Gebrodel von durchschnittlichem, nicht aneckendem Mittelmaß. Zumindest nahm ich das so wahr – bis mir meine Kommilitonen das „andere Wien“ zeigten, jenes der Musikszene, des Underground. Und wieder lernte ich, dass es darum geht, eine Stadt gleich einem Instrument „spielen“ zu können.

Auch Paris und New York City machte ich mir im Rahmen meiner Ausbildung „zu eigen“. Paris im Megastreikjahr 1995/96 – es war eine Stadt, die ich durch-die-Straßen-wandernd erforschte – und NYC im Jahr darauf für die Recherche zu meinem Diplom „4/5 NYC“ – ein spannender dystopischer Ort, der noch nicht gänzlich unter Giulianis „law and order“-Motto „bereinigt“ war.

Derzeit sind mir zwar keine ausgedehnten monatelangen Stadtstudien möglich, jedoch werden meine Kongressreisen zu kleinen Kurzaufnahmen in den jeweiligen Städten umfunktioniert; sodass mich die vergangenen Jahre eine ganze Reihe von mitteleuropäischen und einigen nordamerikanischen Städten anknabbern ließen.

 

Nutzungsstrukturplan: Untersucht werden von Angelika Psenner unter anderem auch Nutzungsstrukturen von Erdgeschosszonen.
Nutzungsstrukturplan: Untersucht werden von Angelika Psenner unter anderem auch Nutzungsstrukturen von Erdgeschosszonen.
© Psenner

 

Meine Forschungsarbeit führt mich immer wieder zu Themen, die bis dato durch das Erkennungsraster der einzelnen, sie behandelnden Fachbereiche gefallen sind: Warum weisen gründerzeitliche Mietwohnungen überdurchschnittliche Raumhöhen auf? Warum scheinen in Wien manche alten Gebäude in ihrer Umgebung zu versinken? Was hat es mit den Niveauregulierungen des 19. Jahrhunderts auf sich? Warum haben spekulativ agierende Immobilienentwickler in die Fassadengestaltung gewöhnlicher Zinshauskasernen investiert? Seit wann ist das Parkieren in Straßen erlaubt und wem war dieser öffentliche Raum davor zugewiesen? Warum sind gründerzeitliche Mietskasernen in Europas Städten im Grundriss unterschiedlich, obwohl ihre Fassaden zum Verwechseln ähnlich sind? Warum ist Wien um vieles kompakter verbaut als jede andere Stadt des 19. Jahrhunderts?

Es sind Umstände und Zusammenhänge, die uns, wenn wir sie (er)kennen, in unserem Schaffen, im Städte-bauen und im Städte-planen weiterbringen. Deren Erforschung wir jedoch bis dato nicht in Angriff genommen haben, da sich diese Fragen erst stellen, wenn wir einen möglichst holistischen Zugang zum Thema „Stadt“ versuchen; sie lassen sich auch nur dann beantworten, wenn wir eine systemische, fächerübergreifende Herangehensweise wählen. Das ist nicht möglich, wenn wir einzelne Teile der Stadt bzw. die Zuständigkeiten dafür (sowohl in der Verwaltung als auch in der Planungs- und Baupraxis) grundsätzlich getrennt behandeln.

 

Nutzungsstrukturplan: Untersucht werden von Angelika Psenner unter anderem auch Nutzungsstrukturen von Erdgeschosszonen.
Nutzungsstrukturplan: Untersucht werden von Angelika Psenner unter anderem auch Nutzungsstrukturen von Erdgeschosszonen.
© Psenner

 

Sonach kennt Stadt als Forschungsobjekt keine Grenzen; zumindest keine von permanenter Art. Was einzig wirklich begrenzt ist, sind die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wobei dieser Umstand nicht nur städtische Agglomerationen betrifft, aber vielleicht dort besonders deutlich erfahrbar wird.

Wenn wir die Begrenztheit von Ressourcen als Grundfaktor für unsere Entscheidungen hinsichtlich unserer Lebensweise – nicht nur in Städten – anerkennen, so ergibt sich folgerichtig eine klare Antwort darauf, was Städte brauchen: Städte brauchen Entscheidungsträger*innen, die die Endlichkeit unserer Ressourcen als unumstößliche Wahrheit anerkennen und den Mut haben, entsprechende Taten zu setzen. Auch wenn das heißt, dass die aktuell machthabende Ökonomie diese Entscheidungen (vorerst) nicht zu unterstützen droht. Wenn sich das Wertebild neu justiert, werden sich – so, wie sich in den vergangenen Monaten vor dem Hintergrund der weltumspannenden, Handlungsraster-brechenden Corona-Krise gezeigt hat – die Argumentationslinien automatisch Richtung nachhaltige Mobilität und Energieversorgung, resiliente Lebensmittel- und Güterversorgung, und Stärkung der lokalen Kleinökonomie und Kreislaufwirtschaft verschieben und infolge das städtische Umfeld entsprechend grundlegend verändern.

 

 

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen

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