Paper Crease oder der gefaltete Raum – Tobias Eglauer

12. April 2011 Mehr

Paper Crease oder der gefaltete Raum - Tobias Eglauer

Tobias Eglauer ist in Eichstätt in Bayern geboren, und war schon früh von Architektur fasziniert. Dies äußerte sich mit zehn Jahren in vielen Zeichnungen und ‚Plänen’ und etwas später in dem Wunsch Architekt zu werden. Nach seinem Schulabschluss begann er zunächst in Karlsruhe Architektur zu studieren.

Das Studium erschien ihm aber dort viel zu funktionalistisch zu minimalistisch – wie er es heute ausdrückt. So übersiedelte er nach Wien und studierte hier an der Technischen Universität fertig. Seine Diplomarbeit an der Uni in Wien ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Der Ausgangspunkt der Arbeit war ein repetitives Faltschema in dem – so schien es – interessante architektonische Möglichkeiten stecken könnten.

Um sich diese Möglichkeiten zu erarbeiten, wurde parallel am Modell und im Computer gearbeitet. Daraus entstand die Idee, ein Script könnte die sehr schnell sehr komplex werdenden Faltstrukturen berechnen. Später wäre ein solches Script oder Programm als Formfindungswerkzeug für architektonische Körper einsetzbar.
Bei näherer Erarbeitung dieser Faltstrukturen wurde deutlich, dass die Grenzen zu einem sehr natürlichen Faltverhalten – wie es z. B. Stoff oder Papier zeigt – fließend sind. Zeigen sich die Origami-Strukturen noch ganz rigide geregelt, werden sie durch das bewusste Weglassen von Faltregeln zu einer chaotisch beziehungsweise natürlich wirkenden Oberfläche.
Gerade diese plötzliche Befreiung einer streng getakteten Geometrie erregte sein Interesse. Das sich ergebende Spannungsfeld zwischen dem streng geometrischen Raster und dem freien Spiel der Kräfte ist die Ebene, in der die weitere Arbeit angesiedelt ist. Nach wie vor bezieht der architektonische Körper seine Form aus einer zweidimensionalen Faltvorlage. Durch Faltung wird daraus ein dreidimensionales Artefakt. Es gibt also starke Verbindungen zum Origami.

Der Benutzer dieses Formfindungsverfahrens kann vor allem an zwei Stellen in den Formentstehungsprozess eingreifen:
a) das zugrunde liegende Faltmuster
b) die Definition von Kräften, die auf das Faltmuster einwirken.

Dieses Formfindungsverfahren wurde anhand eines Entwurfes exemplarisch angewendet. Das geschah vor allem, um die architektonischen Möglichkeiten auszuleuchten, aber auch um eine konkrete Aufgabe zu haben, anhand dieser eben das Verfahren entwickelt wurde.

Der Entwurf hat einen Wettbewerb des Architekturblogs www.suckerpunchdaily.com in Brooklyn New York als Ausgangspunkt. Für eine Einreichung war das finale Projekt zwar zu spät, aber als Nachreichung wurde es später auf SuckerPunch veröffentlicht.
Das Programm des Entwurfes besteht aus einer Mischung von Wohnen und Arbeiten für Künstler und kreativ tätigen Menschen in Verbindung mit Ausstellungsflächen, Werkstätten, Studios, Bibliothek, Kino, Veranstaltungsflächen, Café und Restaurantflächen, Büroflächen und Shops. Dieses breit gefächerte Programm wird zusammengehalten durch einen thematischen Rahmen: Die angebotenen Möglichkeiten und Angebote drehen sich um digitale Techniken. Egal ob bildender Künstler, Spieledesigner oder Komponist – in allen Bereichen des kulturellen Lebens haben sich digitale Herangehensweisen herausgebildet. Durch das Zusammenlegen unterschiedlicher Kulturbereiche sollten Synergieeffekte entstehen.
Das Entwurfsprojekt trägt daher den Titel: Brooklyn Center for Digital Creation BCDC.

Wie wollen Sie dieses Prinzip in der Architektur (nach Ihrem Diplom) weiterführen?

Als nächstes möchte ich etwas falten, das von vornherein schon dreidimensional ist. Sozusagen einen dreidimensionalen Raster. Dieser dreidimensionale Grundraster kann sich auch verbiegen, man kann sich das so ähnlich vorstellen, wie wenn sich Gebirge tektonisch auffalten. Dabei muss man aber eigentlich wieder einen Schritt zurückgehen, zum Programmieren. Dieser Schritt interessiert mich als nächstes.

Wollen Sie diese Vorgangsweise in der Architektur einsetzen?

Das wäre sicherlich etwas, das zunächst für temporäre Bauten, für Pavillons infrage käme. Da wäre es relativ leicht umzusetzen. Es sind ja immer die gleichen Paneele, die verwendet werden. Industrialisierung wäre auch eine Möglichkeit, die da drinnen steckt.

Was ist Ihre Definition von Raum?

Für mich ist Raum ein unendliches, fließendes Kontinuum. Was ich als Architekt soweit einschränke, dass dadurch die Möglichkeiten fixiert werden, die ich an diesem Ort brauche. Das ist oft auch von „oben“ bestimmt, vom Geldgeber oder der Politik. Architektur ist immer die Beschränkung von unendlich vielen Möglichkeiten. Ich habe räumlich alles offen – Architektur nimmt etwas weg und macht dadurch deutlich, was Raum eigentlich ist.

Was halten Sie als soeben fertiger Absolvent von der Notwendigkeit der Bautätigkeit in Österreich?

Es gibt sicher zum Beispiel in Wien noch genügend Möglichkeiten zur Verdichtung der vorhandenen Substanz. Ich glaube jedenfalls nicht, dass eine Stadt vom Reißbrett die Zukunft ist. Auf jeden Fall nicht für Europa. Aspern ist sicher nicht die Zukunft für Wien. Dem stehe ich eher kritisch gegenüber.

Würden Sie nochmals Architektur studieren?

Ich wüsste nichts Besseres.

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