Vom Stroh zum Stoff der Zukunft

18. Juni 2026 Mehr

Ob Skistöcke aus Hanffasern, Möbel aus Kombucha-Cellulose oder Prototypen mit Myzel-Bindern: Valentine Troi forscht mit ihrem Team im GROWNlab Innsbruck an Materialien, die buchstäblich wachsen. Das Labor, 2023 mit Unterstützung des Landes Tirol gegründet, versteht sich als Schnittstelle zwischen Landwirtschaft, Forschung und Industrie – und als Motor einer regional verankerten Bioökonomie. Mitten im Alpenraum arbeitet Troi daran, fossile Rohstoffe durch biobasierte Alternativen zu ersetzen und Wertschöpfungsketten neu zu denken. Im Gespräch erzählt Valentine Troi, wie sie von der parametrischen Architektur zur Materialforschung kam, warum Hanf, Flachs und Wolle eine Renaissance erleben – und weshalb für sie Kreislaufwirtschaft weit mehr ist als ein Schlagwort.

 


„Wir entwickeln Werkstoffe, die CO2 speichern, anstatt es auszustoßen – und schaffen so Materialien, die nicht nur technisch funktionieren, sondern auch gesellschaftlich Sinn ergeben.“
Valentine Troi

 

Wie würden Sie das GROWNlab in einem Satz beschreiben?

Wir entwickeln und prüfen Materialien aus schnell nachwachsenden, in Europa verfügbaren Rohstoffen wie Hanf, Flachs, Wolle oder Hopfen – damit nachhaltige Produkte schneller Realität werden.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Die Idee kommt direkt aus der Praxis. Nach Jahren in der klassischen Faserwelt habe ich mich bewusst den Naturfasern zugewandt. Ein Auftrag für Hanf-Trekkingstöcke war der Startschuss – er zeigte das Potenzial, aber auch die Lücken in den regionalen Wertschöpfungsketten. Um diese zu schließen, habe ich das Netzwerkprojekt Alpenhanf 360° initiiert. Daraus entstand 2023 das GROWNlab – mit einer Anschubfinanzierung des Landes Tirol und der Anbindung an die Universität Innsbruck. Heute arbeiten wir mit Partnern aus Landwirtschaft, Forschung und Industrie in mehreren nationalen und europäischen Projekten.

 


Vom Feld ins Labor: Nutzhanf im Rohzustand – von der Pflanze über den Stängel bis zu den ersten aufbereiteten Fasern.

 

Warum gerade Hanf, Flachs und Wolle?

Diese Pflanzen sind hier verfügbar und haben enormes Potenzial. Hanf etwa bindet im Wachstum mehr CO2 als ein gleich großer Fichtenbestand – und liefert Fasern wie auch Schäben für Baustoffe. Wolle ist ein unterschätzter Rohstoff, der in Europa oft entsorgt werden muss. Wir sehen unsere Aufgabe darin, solche „Restströme“ in Wert zu setzen. Entscheidend ist: Unsere Produkte müssen langlebig sein, sonst stimmt die Klimabilanz nicht.

Regionale Wertschöpfung klingt ideal – wo liegen die Hürden?

Ich spreche gern von „Zukunftsmodell oder Nischenromantik?“. Begeisterte Akteur:innen gibt es viele, aber es fehlt oft an Skalierung und Wirtschaftlichkeit. Noch bewegen wir uns meist im Pilotsegment. Eine geförderte Defossilisierung würde helfen, schneller vom Nischenprojekt zum Zukunftsmodell zu werden.

 


Lebende Materialien: Prototypen aus Hanf und Myzel zeigen das Potenzial pilzbasierter Bindemittel für ökologische Bau- und Designlösungen.

 

Welche Rolle spielt Design in Ihrer Arbeit?

Eine große. Der natürliche Ursprung wird bei Ski, Stöcken, Möbeln oder Akustikpaneelen bewusst geschätzt. Aber am Ende zählen Haltbarkeit, Gewicht, Preis und Performance. Deshalb arbeiten wir an Prozessen und Dauerhaftigkeit – nur dann funktionieren Kreisläufe.

Kreislaufwirtschaft – wie leben Sie das konkret?

Noch ist keine Kette vollständig geschlossen. Aber wir bauen die Bausteine Stück für Stück auf: Anbau, Ernte, Aufbereitung, Prototypen und End-of-Life-Szenarien. Ziel ist ein robustes Transfermodell – von regionaler Biomasse bis zu wiederverwertbaren Produkten.

 


Material in Transformation: Aufgespaltene Hanffasern und gebogene Stängel als Grundlage für biobasierte Composite-Anwendungen.

 

Was braucht es, damit die Vision einer nachhaltigen Alpenökonomie Realität wird?

Es gibt politischen Willen, aber auch bürokratische Hürden. Wichtig ist, kleine Player zu unterstützen und grenzüberschreitend zu denken. Wir brauchen Netzwerke und öffentliche Investitionen, damit sich regionale Bioökonomie durchsetzt.

Und was treibt Sie persönlich an?

Ich brauche technischen Anspruch und gesellschaftlichen Mehrwert. Der Auslöser war tatsächlich ein Grashüpfer, der mir auf die Hand flog – so perfekt konstruiert, dass mir klar wurde: Mit der Natur zusammenzuarbeiten ist die bessere Strategie.

 

 

Interview: Linda Pezzei

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen