Wie werden wir wohnen?

15. Mai 2015 Mehr

 

Wohnen begeistert, schafft Sehnsüchte, polarisiert, befriedigt, ängstigt, benötigt Geld, wird teurer, ist mehr als nur ein Dach über dem Kopf … die Reihe der Aufzählungen ist beliebig fortsetzbar. Schon beim Philosophen Martin Heidegger wird Wohnen als Metapher des räumlichen ‚In-der-Welt-seins‘ bezeichnet (Darmstädter Vorlesung) und die vorliegende Ausgabe von architektur befasst sich auch in kontroversieller Hinsicht mit dem Thema. Es gibt nicht nur die heile Welt des Wohnens, sondern – wie Sie im weiteren Verlauf lesen werden – auch eine Kehrseite der Medaille. Ist jemand, der nicht ‚wohnt‘ nicht mehr in der Welt? In welcher Welt?

 

Wohnen müssen wir alle, allerdings stellt sich die Frage: wie?

Ein interessanter Ansatz zu einer möglichen Beantwortung dieses Problems wurde bereits 2013 in Frankreich auf dem Seminar „Habiter le Grand Paris“ von der Architektin Beatriz Ramo (STAR-Strategien + Architektur, Holland) gemacht. Mit dem Begriff ‚Co-Residence‘ bringt sie den Gedanken des ‚sharing‘ ins Spiel. Diese Haltung findet ja in unserer Gesellschaft immer mehr Verbreitung – Fahrräder, Autos, Verkehrszonen, Büros, Schreibtische werden bereits ‚shared‘. Sogar Bundesminister Andrä Rupprechter propagiert öffentlich das Potenzial von Foodsharing und Co-working findet bereits in der gesamten Arbeitswelt statt.

 

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Grafik: Co-Residence “Habiter en Grand” Konzept: STAR strategies + architecture

 

Warum also nicht auch Wohnungen teilen?

Eine ‚Co-Residence‘ ist ein Appartement, in dem einige der Grundstrukturen und Räume mit zwei oder mehreren anderen privaten Einheiten geteilt oder/und mitbenutzt werden. Ausgangspunkt für ‚Co-Residence‘ war eine Studie, bei der die Häufigkeit der Benutzung aller in einer Wohnung vorhandenen Räume und Funktionen über einen längeren Zeitraum untersucht wurde. Dabei ergab sich, dass eben bestimmte Zonen, Funktionen nur ein bis zweimal pro Tag benötigt werden. In der Gesamtnutzfläche, die ja ausschlaggebend für den Preis ist, nehmen sie jedoch unbeschadet ihrer Nutzungshäufigkeit einen festen prozentuellen Anteil der Quadratmeter und der Miet-/Anschaffungskosten ein.
Die Architektin rechnete bei ihrem Vortrag vor, dass man ca. 35% der Grundfläche durch gemeinsames Nutzen sparen könnte. Das bedeutet 35% weniger Investitionskosten, 35% weniger Energieverbrauch oder 35% mehr Wohnungen zum gleichen Preis. Selbst wenn sich das nicht 1:1 umsetzen lässt, ist der Gedanke eine Überlegung wert. Es würde bedeuten, dass man beim Wohnen den Besitzgedanken neu definieren und überdenken müsste. Ramo deutet einen gesellschaftlichen, begrifflichen Wandel, weg vom Eigentümer, hin zum Nutzer und Mitglied an. Was jetzt vielleicht nach politischer Revolution klingt – ist es nicht. Defacto haben wir derartige Wohnformen schon längst. Cohousing-Projekte stehen in ganz Österreich und Deutschland, Gemeinschaftsräume gibt es in fast jedem sozialen Wohnbau in Wien, Wohngemeinschaften sind bei der Jugend sehr beliebt, usw.
Das Prinzip der ‚Co-Residence‘ stellt eine mögliche Lösung für die zweifache Spaltung beim Wohnproblem dar. Wie kann man Wohnungen mit Qualität in großer Zahl schaffen, die auch leistbar für die Nutzer sind, sozialen Zusammenhang fördern und gleichzeitig – angesichts unserer ökologischen Krise – Umweltschutz betreiben?

Es stellt auch eine Alternative zu den momentan von der Stadtplanung und Politik (vor allem in Wien) propagierten ‚smarten‘ Wohnungen dar. Bei diesen Wohnungsmodellen wird versucht, Wohnbauten leistbarer zu machen, indem man einfach den Wohnraum verkleinert. Aber solange der Mensch nicht physisch kleiner wird, kann das doch wohl keine dauerhafte Lösung sein. Für die Architektin Beatriz Ramo stellt das ständige Minimieren eine Sackgasse dar.
Die hier erwähnte Möglichkeit der Co-Residence‘ betrifft jedoch nur Menschen, die sich überhaupt einen ‚Wohnraum‘ (groß oder klein) leisten können. Doch was ist mit jenen ausgegrenzten, durch das Netz unserer Gesellschaft gefallenen Personen, diedas Wohnen sozusagen bereits verlernt haben? Diejenigen, bei deren Anblick uns das schlechte Gewissen befällt und wir schnell weitergehen? Weil sie in Plastiksäcken und Kartons gehüllt, unter Brücken oder (wie in Wien) in Parks ‚wohnen‘?
Das Phänomen der Obdachlosigkeit ist in den letzten Jahrzehnten zu einer globalen Herausforderung – und zwar nicht nur in Kriegs-, Katastrophen- und den sogenannten Entwicklungsgebieten – geworden. Die Kriterien für Lösungen sind sehr komplex, sie reichen von sozio-psychologischen Herausforderungen bis in das Gebiet der Verwaltung oder die durch die Ungleichverteilung der Güter verursachte ‚Arm-Reich-Schere‘, um nur einige zu nennen. Die meisten der nicht davon Betroffenen sind sich einig, dass man helfen sollte. Und es gibt eine Menge Ideen zur Schaffung von Wohnraum für Obdachlose, wie ein Projekt aus unserem Nachbarland Slowakei zeigt.

 

Wohnen für Obdachlose

Das Gregory-Project ist ursprünglich für die Stadt Banska Bystrica geplant, lässt sich aber in jeder anderen Stadt auch realisieren – so auch in Wien. In der Slowakei wie auch hier ist der Stadtraum von technoiden Konstruktionen mit Werbetafeln und Billboards übersät. Ihre Aufstellung ist kostspielig, ihr Unterhalt und die Auslastung durch Werbekunden eine Frage der Konjunktur. Hinter dem Gregory-Project steht der slowakische Architekt Matej Nedorolik. Seine Idee ist es nun, durch eine Optimierung dieser Konstruktionen einen (zumindest temporären) Wohnraum für Obdachlose zu schaffen. Der dreieckige Grundriss der meisten Billboards führte ihn zu der Idee, zwischen den Tafeln eine Ebene und darüber ein Dach einzuziehen. Die erzielte Kubatur wird in zwei Bereiche/Räume aufgeteilt: eine erhöhte Schlafnische mit darunterliegendem Stauraum und eine Kochnische mit Ess- oder Arbeitsplatz. Zusätzlich eine in die zur Straße zeigende Ecke geschobene Nasszelle mit Dusche und WC und ein kleiner Schrankraum. Die Konstruktion besteht aus Holzpfosten, die auf der ohnehin notwendigen Stahlbetonfundamentierung stehen. Die Stiege in diese Behausung kann aus Holz oder Stahl sein, die gesamte Inneneinrichtung, Wände etc. wieder aus Holz- bzw. Sperrholzplatten. Zwei Fenster zur straßenabgewandten Seite geben das nötige Tageslicht.

 

 

Er meint, dass nur minimale Erhaltungskosten, die durch die Vermietung der Werbeflächen leicht gedeckt wären, entstehen. Wasser- und Stromanschlüsse gibt es heutzutage fast überall – diese Infrastruktur ist logischerweise dort, wo Werbeflächen stehen ohnehin vorhanden. Wenn man die Stromkosten, die notwendig sind, um diese Billboards während der ganzen Nacht zu beleuchten, ausrechnet, wird man wahrscheinlich herausfinden, dass eine geringe Optimierung, oder eine stundenweise Abschaltung während der Nachtstunden – das würde gleichzeitig weniger Umweltverschmutzung durch die Reduzierung des Lichtsmogs mit sich bringen – bereits die Kosten für den Innenausbau und die Materialien refinanziert. Die Größe der Anzeigenflächen ändert sich nicht, allein eine Stiege wird zum Betreten des Wohnbereichs zwischen den Tafeln benötigt.

Finanzieren ließe sich diese Unterkunft für Obdachlose natürlich auch über Firmen und Sponsoren, die ihre Logos oder Sonstiges auf den Werbeflächen anbringen können. Ebenso über eine Verlinkung des Logos des Gregory-Projectes auf die eigene Webseite. Der Mehrwert für Beteiligte liegt in der Involvierung in ein soziales Unterfangen, etwas, das gerade heute immer mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit tritt.
Matej Nedorolik wollte einfach eine Antwort auf diese existenziellen Fragen finden und versteht sich und den Vorschlag als eine „open source“-Initiative . Sie stellt sich für die Benutzung durch Architekten, Designer, Künstler zur Verfügung – jeder kann die Idee nehmen, erweitern und neue Variationen erfinden, und sie frei weiter verbreiten. Project Gregory – billboard housing ist als Non-Profit-Plattform aufgebaut und soll für alle Stadtverwaltungen nutzbar sein. Ohne jegliche finanziellen Forderungen für die Nutzung und Weiterverwendung vonseiten des Autors.

Vor einiger Zeit hat das Projekt einen großen Schritt in Richtung Realisierung genommen: Auf der Internetplattform Kickstarter.com wurde eine ‚crowdfunding campaign‘ zur Finanzierung gestartet. Dort läuft auch ein Dokumentationsvideo über das Vorhaben.

 

Text: Peter Reischer

Fotos: Gregory-Project

 

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Kategorie: Kolumnen, Start

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