Architektur Fachmagazin Ausgabe 08/2025

19. Februar 2026 Mehr

Verbindende Orte

Urbaner Raum ist kein statischer Zustand – er ist ein permanenter Aushandlungsprozess. Zwischen Bestand und Bedarf, Klima und Komfort, Privatheit und Öffentlichkeit wird Stadt immer wieder neu definiert. Architektur kann dabei nicht mehr nur „bauen“, sondern muss vorhandene Strukturen weiterdenken, Konflikte moderieren und Räume schaffen, die Wandel zulassen. Diese Ausgabe nimmt genau diesen Zwischenraum in den Blick: mit Fokus auf Wien, aber auch mit Projekten, die über Stadtgrenzen hinaus vergleichbare Fragen nach Dichte, Identität und Klimaanpassung stellen.

Wie intensiv öffentlicher Raum verhandelt wird, zeigen die Umgestaltung des Naschmarkt-Areals und der neue Marktraum. Mostlikely Architecture entwarf eine wandelbare Infrastruktur, die Marktkultur, Stadt und Gemeinschaft verknüpfen soll. Dass die Idee einer „Markthalle“ bis zuletzt polarisiert, gehört hier nicht nur zum Randrauschen.
Dass Zukunft im Weiterdenken des Bestands steckt, zeigt „Francis“ am Franz-Josefs-Bahnhof. Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) und Josef Weichenberger Architects (JWA) entwickeln den Kopfbahnhof samt Büroaufbau zu einem neuen Zentrum des Althan Quartiers. Urbanität entsteht hier nicht durch das Neue um jeden Preis, sondern durch präzise Eingriffe in eine große, vorhandene Struktur.
Mit den Danube Flats wird die Debatte um Dichte vertikal. Wo lange eine Brache neben der Reichsbrücke lag, entstand ein hybrides Ensemble aus Wohnen, Hotel, öffentlichem Raum und Begrünung. Als Landmark am Wasser ist das Projekt von A01 architects zugleich ein Testfall: Kann Höhe mehr sein als Symbol – nämlich ein Baustein für soziale Infrastruktur, Freiraum und eine klimaangepasste Stadt?
Im neuen Landgut schreibt der Willi-Resetarits-Hof die Tradition des Wiener Gemeindebaus fort und interpretiert sie zeitgenössisch. Pichler & Traupmann setzen an der prominenten Quartiersecke auf Präsenz ohne Dominanz – und auf eine Architektur, die das urbane Umfeld nicht nur ergänzen, sondern aktivieren will.
Auch außerhalb Wiens wird Wohnen als Stadtbaustein verhandelt: AllesWirdGut formt im Mannheimer Spinelli Wohnen.Park.Quartier auf einem ehemaligen Militärareal ein grünes Ensemble mit lebendigem Innenhof. In Berlin-Marzahn zeigt FAR frohn&rojas, wie serieller Wohnbau überraschen kann: Aus einem konstruktiven Prinzip und rund 1.700 Betonfertigteilen entsteht eine vielschichtige Welt aus Höfen, Laubengängen und gemeinschaftlichen Plateaus.
Den Schlussstein im Themenbogen setzt eine Auseinandersetzung mit Wiens Grünraumoffensive: „Raus aus dem Asphalt“, „Supergrätzln“ und die „Smart Klima City“-Strategie verstehen den Straßenraum als Klimainfrastruktur. 344 Projekte sind bereits umgesetzt – entscheidend ist nun, wie Strategie, Technik und Beteiligung im Detail ineinandergreifen und wo Anspruch und Wirklichkeit noch kollidieren.
Qualitativer urbaner Raum bleibt ein fortlaufendes Versprechen. Diese Ausgabe soll Wege zeigen, es einzulösen: durch Weiterbauen, offene Infrastrukturen, kluge Verdichtung – und Straßen, die wieder Aufenthaltsort werden.

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Kategorie: Archiv