Airport Mestia – J. Mayer H. Architekten

13. April 2011 Mehr

Airport Mestia - J. Mayer H. Architekten

Dieses verrückte Ding, das wie ein mitten in der Bewegung erstarrtes außerirdisches „Etwas“ ausschaut, ist ein Flughafengebäude. Und zwar in Georgien, einer mittlerweile unabhängigen, ehemaligen Sowjetrepublik. Er liegt in Mestia, einer Kleinstadt in 1.500 Meter Höhe in der ehemaligen historischen Region Swanetien.

Wenn man Flughafen hört, denkt man an gigantische, beeindruckende Architekturkomplexe aus Glas und Stahl. An die Monumente unserer Architektengesellschaft eben. Hier wird das Gegenteil demonstriert: Eine Low-Budget-Realisation der J. Mayer H. Architekten aus Berlin, die aber trotzdem oder vielleicht deshalb, wirkungsvoll ein Zeichen für den Aufbruch setzt. Ein Ausdruck der ambitionierten Bemühung, die Region wieder touristisch zu erschließen, denn in Sowjetzeiten war die Region ein blühendes Wintersportgebiet. Und irgendwie hat diese „Form“ etwas, das an die ehemalige Sowjetunion erinnert. Aber im Gegenteil zur Großmannssucht mancher Verwaltungs- und Repräsentationsbauten zeigt es die ihm innewohnende Bedeutung gelassen, fast spöttisch auf. Und das mag auch an der eher ungewöhnlichen Art des „Bauens“ liegen, die hier angewandt wurde.

Vom Fax in den Betonmischer

Entworfen wurde das Gebäude in Berlin von J. Mayer H. Architekten, gebaut durch örtliche Firmen und mit örtlicher Bauleitung in Georgien. Die Besonderheit liegt hier auch in der sofortigen, selbstständigen und zeitnahen Umsetzung eines Entwurfes. Es wurden von Berlin aus die Pläne gesandt, und sofort wurde auf der Baustelle in Mestia der Betonmischer bestellt und losbetoniert. Es gab keine Detailpläne und Ausführungsanweisungen der Architekten, sondern die Firma vor Ort entschied über Materialien und Technik – natürlich koordiniert mit den genauen Design- und Materialangaben der Berliner Architekten. Der örtliche Bauleiter saß mit seinem Laptop im Hotel und kommunizierte so mit Berlin. Er hatte völlig eigenverantwortlich über die auftretenden Probleme und Fragen zu entscheiden. Aufgrund der Witterung war der Bau – der in nur 3 Monaten realisiert wurde – ein Wettlauf mit der Zeit. Am Tag der Eröffnung wurden in der Früh die letzten Glasscheiben eingesetzt. Es war ein Prozess, der Improvisation genauso wie eine gewisse Unmittelbarkeit miteinbezog.

Im Kontext mit der Geschichte

Im Hintergrund des Baukörpers liegt die Kulisse von Mestia, einer Stadt, die mittlerweile auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes steht. Die mittelalterliche Stadt, deren Erscheinung durch die hohen, steinernen Wehrtürme geprägt ist, gab durch eben deren Form auch den Impuls für die Gestaltung des Flughafens. Einer dieser Türme wurde gebogen, abgewinkelt und verformt und bildet jetzt – auf der Erde liegend – das Flughafengebäude: Transparent, in rauchgetönte Gläser gehüllt, reckt sich ein Ende gegen den Himmel – hier befindet sich die Flugsicherung, der Kontrollturm. Der andere Teil teilt sich in zwei Enden und rekelt sich wie ein Wurm auf der Erde. Er beinhaltet den Eingang mit Windfang, Café, Aufenthaltsbereich, Check-in-Schalter und Wartebereich, die Nasszellen und andere technisch notwendige Räume. An einem Ende erhebt sich der „Schwanz“ dieses Wesens noch einmal, als ob er winken würde. In diesem leicht erhöhten Teil ist ein Aufenthalts- und Aussichtsbereich situiert.

Low-Cost-Konstruktion

Aus Stahlbeton wurden zwei Platten gefertigt. Eine bildet die Unterseite (Fundament) des Gebäudes, die andere liegt – durch metallene Stützen in der nötigen Distanz gehalten – als Decke oben auf. Alles wurde in Ortbeton gefertigt.
Die die Raumhöhe bestimmenden Stützen sind auch die Aufnahmekonstruktion für die Außenverglasung. Alle Metallteile sind in derselben rauchigen Farbe wie die Glasflächen gehalten. Die teilweise mit weißem Blech verkleideten Oberseiten/Dachflächen der Architektur korrespondieren mit den schneebedeckten Gipfeln der Berge am Horizont.

Die Raumeinteilung ist sehr übersichtlich und funktional, gerade wegen der geringen Größe von nur 250 m². Die Innenräume sind in einer sehr coolen und zurückhaltenden Farbgebung gehalten. Weiß und rauchbraune Flächen dominieren – eine fast puristische Gestaltung. Keine überflüssigen Möblierungen stören das Konzept. Sitzstufen statt Fauteuils für die Passagiere genügen in diesem Flughafengebäude.

Flughafengebäude Mestia, Georgien

Bauherr: Tiblisi International Airport
Planung: J. Mayer H. Architekten
Mitarbeiter: Juergen Mayer H., Jesko Malkolm Johnsson-Zahn, Hugo Reis, Mehrdad Mashaie, Max Reinhardt
Nutzfläche: 250 m²
Planungsbeginn: Oktober 2010
Bauzeit: 3 Monate
Fertigstellung: Dezember 2010

Wie ein erstarrtes Wesen aus einer anderen Welt wirkt der Flughafen von Mestia. Modern, transparent und in nur drei Monaten erbaut, repräsentiert er eine neue Art des Bauens. Ohne komplizierte, zeitraubende Vorbereitungen wurde die Architektur direkt von den gemailten Plänen in die Realität übertragen. Sozusagen vom Fax in den Betonmischer. Das Resultat überzeugt durch seine fröhliche, ungewöhnliche Interpretation eines Funktionsbaues.

Mestia in Georgien war in der Sowjetzeit ein viel besuchter Touristenort. Die Straße von Sugdidi her war damals ausgebaut worden, um eine Verbindung mit dem Schwarzen Meer zu schaffen und so sowohl eine Sommerfrische wie auch einen schneereichen Winterkurort zu erschließen.
Heute befindet sich Mestia in einer ganz anderen Situation. Zwar ist es noch Hauptort mit dem Verwaltungssitz der Region, einem Spital, einem Museum und einer kleinen Flugzeuglandepiste. Aber die meisten anderen öffentlichen Gebäude befinden sich in einem eher schlechten Zustand. Es gibt noch kein Hotel und nur zwei kleine Restaurants. Es haben sich kleine Läden für das Lebensnotwendigste etabliert, aber die selber gebastelten Holzbuden auf dem geräumigen Dorfplatz braucht es nach wie vor für die alltäglichen Bedürfnisse.
Bei den Wohnhäusern stehen die schier unzerstörbaren beeindruckenden, mittelalterlichen Familientürme/Wehrtürme aus Naturstein. Sie boten Schutz in Zeiten der Gefahr. Im Erdgeschoß befinden sich Stallungen, darüber mehrere Stockwerke als Unterkunft und zuoberst Schießscharten zur Verteidigung. Die Türme prägen das Ortsbild jedes Ortes in Swanetien und stehen heute als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO.

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Kategorie: Projekte

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