Alte Hülle, reversibler Kern
Eine alte Scheune bildet die Hülle, ein eingepasster Holzkern den Innenraum für das Restaurant Nikkakjøkken in Norwegens Valldal, einem fruchtbaren Tal am Norddalsfjord. Der Modulbau ist so gefertigt, dass er bei einem späteren Rückbau ohne Beschädigung der historischen Substanz wieder entfernt werden kann. Durch die sensible Verknüpfung von Alt und Neu ist ein Ort entstanden, der mit seinem einzigartigen Charakter zum Placemaker wird.
Nikoline Myren Grønnings, kurz „Nikka“ genannt, war eine bekannte Persönlichkeit in Norwegen. Als Hüterin der regionalen Esskultur ihrer Heimatgemeinde Valldal, war sie regelmäßig im norwegischen Staatsfernsehen NRK zu Gast. Die Zubereitung von traditionellen Backwaren wie Hardangerlefse – eine Art weihnachtlicher Pfannkuchen – war ihre besondere Leidenschaft. Bis ins hohe Alter von knapp 107 Jahren gab sie dieses Wissen in Kursen weiter und sorgte dafür, dass das kulinarische Erbe erhalten blieb. Das weiß gestrichene Holzhaus mit den grünen Fensterrahmen, in dem sie über viele Jahrzehnte gelebt hatte, wurde zum charmanten Ferienhaus Nikkahuset ausgebaut, dessen Name heute noch an sie erinnert. Nun hat ihr der neue Besitzer des Anwesens ein weiteres Denkmal gesetzt. Die ehemalige Scheune hinter dem Wohnhaus ließ er von Office Inainn zu einem Restaurant und Spa umbauen und gab ihm den Namen Nikkakjøkken – Nikkas Küche.
Ein leichter, modularer Einbau
Genauso, wie es der passionierten Köchin ein Anliegen war, das regionale Kulturgut zu bewahren, ging man auch an die Transformation des Bestands heran. Die historische Scheune sollte ihre Struktur, Anmutung und Identität behalten und gleichzeitig den Anforderungen eines modernen Gastronomiebetriebes gerecht werden. „Der wichtigste Eingriff bestand darin, das Restaurant als eigenständiges, leichtes Holzmodul zu entwerfen und es behutsam in die bestehende Gebäudehülle einzufügen“, beschreibt Maksymilian Sawicki, Architekt und Büroinhaber von Office Inainn, seinen Lösungsansatz. „Um den Charakter der Substanz zu erhalten, haben wir nur das hinzugefügt, was für die neue Nutzung unbedingt notwendig war.“
Im Zuge der Transformation des Wirtschaftsgebäudes wurden alle drei Geschosse aktiviert und generalsaniert. Auf der untersten Ebene befindet sich der Eingang für die Betriebs- und Funktionsräume des Hauses, und das erste Geschoss wurde zu einem Sauna- und Spabereich ausgebaut. Das Restaurant samt Küche ist im alten Heuboden, direkt unter dem historischen Dachgebälk untergebracht. Besucher, die zum Essen kommen, gelangen über die alte Heurampe nach oben. Ein stilgerechter Eingang, der noch dazu barrierefrei ist.
Geplant für den Rückbau
Der hohe Luftraum verleiht dem Speisesaal einen Loft-artigen Charakter. Mit den runden Tischen und den Designstühlen des norwegischen Möbelbauers Fjordfiesta ist das Interior auf das Wesentliche beschränkt, während das historische Holztragwerk und die Gebirgslandschaft des Tafjordfjella zu den Hauptprotagonisten avancieren. Die verglaste Giebelwand öffnet den Raum zur Natur hin und macht die Dachkonstruktion so auch von außen ablesbar. Die übrigen Fenster des Bestands wurden nicht vergrößert, sondern lediglich kalibriert, um die Aussicht entsprechend zu rahmen.
Damit die Spannweite des Raumes möglichst frei bleibt und die bestehende Fachwerkkonstruktion ihre räumliche Wirkung entfalten kann, wurden die Nebenräume im Gebäudekern zusammengefasst. Der modulare Holzbau ist so in die bäuerliche Substanz eingesetzt wie ein Einlegeraum in einem Werkzeugkasten. Nassarbeiten wurden so weit wie möglich vermieden, stattdessen setzte man auf möglichst einfache, trockene Verbindungen. „Der gesamte Einbau ist so konzipiert, dass er später einmal ohne Beschädigung der historischen Hülle demontiert werden kann“, erklärt Sawicki das zirkuläre Rückbau-Konzept.
Wie ein Restaurant zum Placemaker wird
Durch die kreative Umnutzung des Bestands wurde so ein Stück regionaler Baukultur erhalten und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Abgesehen von der besseren Ökobilanz, die das Bauen im Bestand mit sich bringt, bewahrt es auch lokale Identität, die im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Auf diese Weise entstehen Orte, die dazu beitragen, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.
Mit der zunehmenden Digitalisierung und sozialen Vereinzelung kommt diesen Prinzipien des Placemakings in der Architektur eine immer größere Rolle zu. Nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im gewerblichen Bereich gilt: Alles, was sich standardisieren und reproduzieren lässt oder zu sehr auf Effizienz getrimmt ist, wird es künftig schwerer haben, gegen das wachsende Angebot der digitalen Bedürfnisbefriedigung anzukommen, so die Trendforschung.
Dagegenhalten können in der analogen Welt nur Orte, die all das verkörpern, was sich nicht digitalisieren lässt: Authentizität, Atmosphäre, Charakter. In dieser Entwicklung werden auch gewerbliche Bauwerke verstärkt zu Placemakern, die den Genius Loci destillieren und zu ihrem Alleinstellungsmerkmal machen. „Ein Neubau erzählt in der Regel eine einzige, homogene Geschichte. Hier aber ist die Identität vielschichtig. Während die Silhouette in der Landschaft unverändert bleibt, bildet der neue Holzbau eine zweite Ebene, die mit der bestehenden Hülle in einen Dialog tritt“, so der Gründer von Office Inainn, das es mit seinen ortssensiblen Arbeiten in das Ranking der AD100 geschafft hat.
Vom Stiefkind zur Königsdisziplin
Die alten Fachwerkbalken mit dem sichtbaren Zickzack der historischen Sägegatter werden von der dunkel lasierten, schlichten Holzlattung der Innenwände wie selbstverständlich flankiert. Die massiven Holzwürfel-Beisteller schlagen in dieselbe handwerklich rohe Kerbe und vereinen das neue Mobiliar mit der alten Holzkonstruktion zu einem einheitlichen Ganzen. Im Zusammenspiel zwischen Alt und Neu wirkt nichts aufgesetzt oder bemüht. Alles, was da ist, hat seine Berechtigung und befeuert das Narrativ, das die Geschichte des Ortes vorgibt.
Seit 2022 versucht man in Norwegen die Hürden für kreative Umnutzungen zu senken. Grundsätzlich müssen alle umgenutzten Bestandsgebäude die strengen Anforderungen der bautechnischen Vorschriften 2017 (TEK17) erfüllen. Vor allem bei historischen Gebäuden kann es mitunter komplex oder sehr kostspielig werden, sie in Sachen Brandschutz, Energieeffizienz und Barrierefreiheit auf den aktuellen Stand zu bringen. Wer eine Treibhausgasbilanz vorlegt, die zeigt, wieviel graue Energie durch das Bauen im Bestand erhalten bleibt, hat es leichter, an eine Sondergenehmigung zu kommen.
Aber das Bauen im Bestand ist weit mehr als die Summe der eingesparten Emissionen. „Sanierung und Umnutzung werden zunehmend als primäre architektonische Strategie und nicht als sekundäre Dienstleistung betrachtet – weil sie kulturelle Kontinuität mit einem greifbaren ökologischen Wert verknüpfen und ein hohes Maß an Präzision im Umgang mit dem bereits Vorhandenen erfordern“, sagt Maksymilian Sawicki. War das Erneuern von Altem früher ein rein technisches oder wirtschaftliches Mittel zum Zweck, zählt es heute zur Königsdisziplin der innovativen Entwürfe. Das bereits Vorhandene mit dem Neuen möglichst organisch zu verknüpfen wird dabei zur kreativen und intellektuellen Challenge.
Im Fall des Restaurants Nikkakjøkken am Fuß des Trollstigen-Gebirges wurde so eine ortsbildprägende Struktur revitalisiert und für die Nachwelt erhalten. Nikka Myren Grønnings hat dem Land seine kulinarischen Traditionen ins Gedächtnis gerufen, und wurde dafür am Ende ihres Lebens mit der Verdienstmedaille des Königs ausgezeichnet. Ihre persönliche Geschichte lebt nun an diesem Ort als immaterielles Erbe weiter, und das wohl auch auf der Speisekarte. Auch wenn das Restaurant noch nicht geöffnet ist, wird es kulinarisch vermutlich auf dem aufbauen, was in der Region seit vielen Generationen überliefert wird.
21-24 Nikkakjøkken Restaurant
Valdall, Norwegen
Bauherr: Nikkahuset
Architektur: Office Inainn, Ålesund, Norwegen
Bauunternehmen: Valldal Høvleri AS
Holzbau: Hunton, Hunton Fiber
Fassade: Talgø MøreTre AS
Holzfenster: NorDan
Möbel: Fjordfiesta
Nutzfläche: 675m²
Planungsbeginn: 2021
Fertigstellung: 2025
Kategorie: Projekte


















