Behutsam revitalisiert

15. Juli 2025 Mehr

Das junge Prager Büro BYRÓ architekti renovierte in der tschechischen Stadt Kutná Hora ein Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stand dabei die sanfte Verschränkung von Alt und Neu. Rund um eine zentrale Treppe organisierten die Architekten den Bestand komplett neu. Sie interpretierten ihn zeitgemäß, ergänzten ihn um moderne Elemente und verwandelten ihn so in ein gemütliches Zuhause für eine fünfköpfige Familie.

 

 

In der Altstadt von Kutná Hora, einer Kleinstadt östlich von Prag, blickte der Bestandsbau auf eine bewegte Vergangenheit mit zahlreichen Veränderungen zurück. Nachdem das ursprünglich mittelalterliche Haus gänzlich abgebrannt war, wurde es im späten 19. Jahrhundert durch eine typische Blockrandbebauung ersetzt. In den 1970er-Jahren erfolgte dann ein erneuter Umbau des Gebäudes – ohne viel Rücksicht auf die vorhandene Struktur. In diesem Zustand erhielten schließlich die tschechischen Architekten den Auftrag, das Einfamilienhaus mit einem Budget von 400.000 Euro zu revitalisieren und ihm so zu neuem Glanz zu verhelfen.

 

 

Fließende Übergänge

Tomáš Hanus und Jan Holub wollten mit der Renovierung nicht nur den Charakter des geschichtsträchtigen Ortes erhalten, sondern auch den Charme der historischen Substanz neu entdecken. Dafür begab sich das junge Planerduo auf die Suche nach den Besonderheiten des Hauses, integrierte diese in das neue Design und fügte frische Elemente hinzu. Anstatt die Übergänge zwischen Alt und Neu zu betonen, achtete man dabei stets darauf, die unterschiedlichen Komponenten zu einem stimmigen Gesamtkonzept verschmelzen zu lassen. Um genügend Platz für die Auftraggeber und ihre drei Kinder zu schaffen, wurde der Bestand sanft an die zukünftigen Anforderungen angepasst: Mithilfe von Durchbrüchen öffnete man die kleinteiligen Grundrisse und schuf neue Räume, Verbindungen und Blickbeziehungen. Diese Maßnahmen legten im Herzen der tschechischen Kleinstadt den Grundstein für ein modernes und flexibles Wohnerlebnis.

 

 

Vertikales Herzstück

Zum Mittelpunkt des neuen Einfamilienhauses wird eine zentral positionierte Bogentreppe. Mit ihrer U-Form verschränkt sie die Ebenen miteinander und fungiert als vertikaler Vermittler zwischen den einzelnen Etagen und Räumen. Während vom Keller ins Erdgeschoss und in den ersten Stock die bestehende, massive Steintreppe erhalten bleibt, sorgt im oberen Teil eine neue Struktur aus filigranen Stahlstufen für Auflockerung. Sie führt weiter ins Dachgeschoss und bringt das – von oben durch ein krönendes Oberlicht einfallende – Tageslicht mit ihrer offenen Konstruktion bis in die unteren Bereiche. Auch sonst ergeben sich durch bullaugenförmige Fenster und Glasbausteine immer wieder Ein- und Ausblicke vom Erschließungskern in die rund herum angeordneten Räume des Wohnhauses.

 

 

Familiendomizil auf mehreren Ebenen

Sämtliche Grundrisse des knapp 300 m2 großen Hauses richten sich am mittigen Treppenhaus aus. Während das Untergeschoss vom Umbau nahezu unberührt blieb und lediglich als Lagerraum dient, umfasst das Eingangsniveau eine geräumige Garderobe, die direkt an die Treppe anschließt, einen Technik- bzw. Hauswirtschaftsraum sowie ein kleines Atelier. Ein Spielzimmer für die Kinder komplettiert das Erdgeschoss. Im ersten Stock sind der Wohnbereich mit Küche, das Elternschlafzimmer mit Bad und ein Büro untergebracht. In der Etage unter dem Dach befindet sich das Reich der drei Kinder mit den Schlafbereichen und einem gemeinsamen Badezimmer. Ebenfalls zum Einfamilienhaus gehört ein rückseitiger, geschützter Innenhof. Dieser wurde im Zuge der Renovierungsarbeiten sowohl vom Erdgeschoss als auch vom oberen Stockwerk aus zugänglich gemacht. Von der unteren Terrasse gelangt man über ein paar Stufen zunächst auf eine begrünte Garten­ebene und von dort aus weiter auf die neue Holzterrasse, die direkt an das Wohnzimmer anschließt.

 

 

Zwischen Bestand und neuen Akzenten

Das Spiel aus alten und neuen Elementen zeigt sich bereits an der weißen Fassade, die sich dezent zwischen die Bestandsbauten einfügt. Waagrecht geriffelte Putzoberflächen betonen hier den historischen Sockel des Gebäudes. Eine pastellgrüne Tür und Fensterrahmen in der gleichen Farbnuance runden das schlichte Aussehen der Straßenfront ab. Im Inneren des Einfamilienhauses setzt sich die Rillenstruktur der Ansichten an den Wänden fort – allerdings nicht waagrecht, sondern senkrecht verlaufend. Auch die zart-grünen Farbakzente halten im gesamten Haus Einzug. Sie finden sich sowohl in den Stufen der neuen Treppe und dem Handlauf als auch im schachbrettartigen Muster der Fliesen im Eingangsbereich und diversen Einbaumöbeln wieder. Die gewölbten Holzverkleidungen der Kappendecke vermitteln im offenen Wohnbereich zusätzliche Gemütlichkeit. Außerdem gibt ein Panoramafenster den Blick auf den Kirchturm und die umliegende Altstadt von Kutná Hora frei. Sichtbeton, helles Holz und vereinzelte, kräftigere Highlights – darunter leuchtend orangerote Metallelemente im Arbeitszimmer und dunkelblaue Elemente im Bad – runden das Design harmonisch ab.

 

 

Farbe, Licht & Maßanfertigungen

Neben dem gezielten Einsatz von Farbe spielte für das Planerduo auch Licht eine wichtige Rolle. Fensterflächen und Öffnungen in verschiedenen Formen lenken den Blick nicht nur nach draußen, sondern kreieren immer wieder auch vielfältige Sichtachsen zwischen den einzelnen Räumen. Dazu kommen transluzente Oberflächen, die die Stimmung im Haus je nach Tageszeit verändern. Sämtliche Entwurfsentscheidungen wurden in enger Abstimmung mit den Auftraggebern getroffen, um das Gebäude bestmöglich an die Wünsche der fünfköpfigen Familie anzupassen. Dieser Prämisse folgte man bis hin zur Auswahl der maßgeschneiderten Einrichtung: Der Großteil der Möbel wurde von dem Prager Architekturbüro selbst speziell für das Projekt entworfen und angefertigt.

 

 

 

Haus in Kutná Hora
Kutná Hora, Tschechien

Planung: BYRÓ architekti
Bebaute Fläche: 128 m²
Bruttogeschossfläche: 384 m²
Nutzfläche: 297 m²
Planungsbeginn: 2021
Fertigstellung: 2023
Baukosten: 400.000 Euro

www.byro.cz

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Alex Shoots Buildings

Kategorie: Projekte