Betonskulptur in Paris

2. August 2015 Mehr

 

Silos 13 – Zementverteileranlage / Paris / vib architecture

Nicht nur Rom ist eine Reise wert, sondern auch Paris, vor allem wenn man eines der interessantesten Projekte der internationalen Zementindustrie – es wurde im April 2014 fertiggestellt – besichtigen will: Die Zementverteileranlage inklusive Qualitätskontrolle und Büroräumen von CIMENTS CALCIA, einem der größeren Baustoffhersteller in Frankreich. Der Bau befindet sich im Viertel Bruneseau Nord, einer Region, die momentan eine starke städtebauliche Entwicklung durchläuft. Er liegt direkt neben dem stark befahrenen Boulevard Périphérique und ist das neue Verlade-, Verteil- und Qualitätskontrollzentrum für Zement. Entworfen und gestaltet wurde es vom Pariser Büro vib architecture von Bettina Ballus und Franck Vialet.

 

 

In dem Gebiet, das von Hochhäusern und Mischnutzung, einem Mix aus Architektur und Infrastruktur charakterisiert wird, stellt die Architektur – sie ähnelt einer urbanen Skulptur – einen der ersten Schritte zur Transformation des neuen Bruneseau Nord Viertels in den östlichen Bezirken von Paris dar. Für die Architekten von vib architecture war das wichtigste Kriterium, ein ‚kühnes‘ Design in dieser Industrieanlage zu realisieren. Außerdem bot sich für sie die seltene Chance, Architektur mit Mitteln und Ressourcen, die normalerweise dem reinen Industriedesign vorbehalten sind, zu gestalten.
Das ursprünglich 50 Meter hohe Projekt wurde in der Einreichphase – trotz bestehender Hochhausrichtlinien – abgelehnt und die Architekten aufgefordert, den Entwurf an die in Paris übliche Höhe von 37 Metern anzupassen. In der Planung bedeutete das, dass die zwei Silos – die zusammen 11.000m3 Zement in sechs verschiedenen Qualitäten fassen – auf 20 Meter Durchmesser vergrößert werden mussten, um dasselbe Fassungsvolumen zu bieten. Das Grundstück wurde dadurch fast zu klein, um das benötigte Raumprogramm zu fassen. vib architecture platzierten also die Hauptsilos für die Zementlagerung an der einzig möglichen Stelle, die einen reibungslosen Ablauf und die Vernetzung der Arbeitsprozesse sicherstellte. Das Qualitätskontrollzentrum ‚rutschte‘ – da es auf der Erdoberfläche sein musste – halb unter den Boulevard Périphérique. Das Bürogebäude wurde dann direkt an der Grundgrenze auf Säulen situiert – so können die Lkws darunter durchfahren – und der fünfte vertikale Silo verbindet als Stiegenhaus und Liftturm alle unterschiedlichen Funktionen miteinander.

Von Anfang an war klar, dass der Auftraggeber CALCIA das Material als Baustoff bevorzugte, das seine Identität ausdrückt. So ist diese Industrieanlage aus fünf senkrechten und waagrechten Betonsilos gestaltet und auch durch Beton mit der Erdoberfläche verbunden. Der Besucher – ob er jetzt in einem der 30.000 täglich vorbeifahrenden Autos sitzt, oder als Besucher die Anlage betritt – ist vom Volumen und dem Ausdruck der Architektur sicherlich beeindruckt. Obwohl die Materialität der Oberflächen und die Technik eher gewöhnlich sind, stellt die Architektur eine einzigartige Transformation eines ‚workspace‘ dar, eine Hommage an das Material, das sie inhaltlich ausmacht. Der Beton offenbart hier seine skulpturalen Potenziale und alles wird zu einer Einheit. Die hellgrauen Sichtbetonoberflächen mit den orange umrahmten Öffnungen geben der Industrieanlage einen fast fröhlichen Anschein. Auch der das Gelände umschließende Zaun wurde gestaltet. Je nach Sichtwinkel öffnet oder verschließt er die Sichtachse auf das Areal und ein unregelmäßiges Muster wiederholt Gestaltungselemente des Bürosilos.

 

 

Das Projekt vertraut auf und zeigt auch die vielen verschiedenen Anwendungs- und Verarbeitungsmethoden des Betons. Die Hauptsilos und der vertikale Erschließungsturm wurden mittels Gleitschalungen gegossen. Das stellt eine sichere, sehr stabile Arbeitsmethode dar. Die Arbeitsplattform hob sich um 2,5 Zentimeter pro Stunde, drei Wochen lang, Tag und Nacht. Während des ganzen Februars und zwei Wochen im März 2013 waren durchschnittlich 15 Arbeiter auf der Plattform beschäftigt.
Die Hüllen für die horizontalen Silos wurden vorfabriziert, mit Lastwägen angeliefert, mit Kränen versetzt und in nicht mehr als 24 Stunden pro Einheit, fertiggestellt. Bei den Büros und der Qualitätskontrolle genügten die Öffnungen an den beiden Enden des Zylinders nicht für einen ausreichenden Lichteinfall an allen Arbeitsplätzen. Die zusätzlichen Lichtöffnungen in der Außenhülle mussten groß genug für die benötigte Lichtmenge und klein genug sein, um den Eindruck der Massivität nicht zu stören. Die polygonen Formen, die man für sie wählte, beziehen ihre Referenz aus zwei Motiven: den Steinen, die zum Zerkleinern des Zements verwendet werden und die Form der Gesteinsbrocken insgesamt. Die Herstellung der polygonalen Aluminiumfenster war eine Herausforderung. Zum einen musste die Form an die gebogene Geometrie der Zylinder angepasst werden – das ließ sich durch die entsprechenden 3D Programme in der Planung bewerkstelligen – zum anderen musste die Profilierung der Fenster absolute Wasserdichtheit und Entwässerung gewährleisten und den gesetzlichen Standards entsprechen.

Der vertikale Stiegen- und Liftturm ist das auffallendste Objekt der Gesamtanlage. Da er nur fünf Meter von der verkehrsreichen Périphérique entfernt aufragt, fungiert er als Signal, als Landmark für die Baustofffirma. Die Gestaltung der Öffnungen ist ähnlich dem Büro- und Kontrollgebäude, nur sind die polygonalen Öffnungen hier mit einem einfachen, rostfreien Metallgitter verschlossen. Die ‚Fenster‘ vergrößern sich entsprechend der Höhenentwicklung des Turmes, eine Entmaterialisierung wird so als Kontrast zu den beiden Silos im Hintergrund erzielt.

 

Fotos: Innenräume: Daniel Moulinet, Außenaufnahmen:Stephane Chalmeau

 

Tags: ,

Kategorie: Projekte