Das gläserne Wissen

10. September 2014 Mehr

Mediathek von aussen.

Mediathek / archi5 / Mont-de-Marsan

Die Mediathek stellt ein starkes, kulturelles Zeichen im städtischen Gebiet von Mont-de-Marsan dar. Sie ist ein Ort des Entdeckens, des Staunens und des Austausches für seine Benutzer – ein unverwechselbares Bauwerk ohne jedoch in ihrer Erscheinung zu übertreiben.

Die Medien-Bibliothek sitzt in der Mitte auf dem ehemaligen Exerzierplatz zwischen den ‚Bosquet‘ Kasernen, die planenden Architekten archi5 haben jedoch großes Augenmerk auf einen Dialog mit der starken architektonischen Präsenz, der das Areal umgebenden Architektur gelegt. Mit seiner einfachen Form und Hülle – ein Kubus mit einer Grundfläche von 60 x 60 Meter – passt sich die Architektur dem klassischen Erscheinungsbild der Kasernen an, kontrastiert aber gleichzeitig im Erscheinungsbild mit der Massivität der Umgebung. Die Fassaden reflektieren die Umgebung wie ein respektvoller, ehrerbietiger Spiegel. Die leichte Drehung gegen die Achsen der Kasernenblöcke schafft eine städtebauliche Öffnung in Richtung zur Stadt hin.

Die mittige Situierung auf dem ehemaligen Exerzierplatz der Kaserne ließ einen Bau mit vier Hauptseiten entstehen, die alle leicht durch die unterschiedlichen Richtungen variieren, in die sie gerichtet sind. Und aus dem jeweiligen Blickwinkel, aus dem sie betrachtet wird, bezieht die Medien-Bibliothek auch ihre Identität. In der Nacht wird sie zu einer Laterne, die Leben auf den Platz bringt, indem sie sich in einen offenen, transparenten und einladenden Körper verwandelt.

Statt eine bestimmte Designsprache zu betonen, beschränkt sich die Architektur auf einen klar umrissenen, geometrischen Körper und den Kontext mit der näheren Umgebung. Der Entwurf bildet einen überdachten Kulturplatz, die Außenseiten sind transparent, der Boden eben. Auch die Positionierung in der Mitte des Quartiers schafft ein Zentrum. Die Idee wird richtig sichtbar, wenn man das begrünte und bepflanzte Dach in die Betrachtung einbezieht: Es scheint über dem Erdboden zu schweben, es zieht den Blick in Richtung Himmel und leitet somit zu den Reflexionen der sich verändernden Transparenz der Glasfassaden. Die Dachflächen werden zur Regenwassersammlung und als zusätzliche Isolierung verwendet. Ein automatisches Bewässerungssystem sorgt für das Überleben der Bepflanzung. Die gesamte technische Infrastruktur sowie eine Parkgarage befinden sich unterirdisch unter dem Bauwerk.

In diesem Projekt treffen sich sämtliche technische Herausforderungen an große Glasfassaden: Die Glaswände müssen den thermischen Komfort der Nutzer über das gesamte Jahr aufrechterhalten – mit heißen Sommertagen und Kälte im Winter gleichermaßen. Jede der Seiten hat deshalb abhängig von ihrer Orientierung eine spezielle Behandlung erfahren. Archive und Auditorium (in diesen Bereichen gibt es eine zusätzliche Klimatisierung der Räume) sind im Westen und Süden platziert und mehr der Sonne ausgesetzt. Deshalb befinden sich an diesen Seiten Doppelfassaden. Zwischen deren Primärhülle und der Außenhülle ist Raum für eine natürliche Durchlüftung zur Kühlung. Die Ventilation erfolgt durch sich automatisch öffnende Dachfenster. Im Winter erhitzt sich die Luft im Zwischenraum selbsttätig und wird im Inneren weiterverwendet. In den Innenräumen findet man eine Fußbodenheizung/-kühlung mit einem Frischluftgebläse – das ermöglicht eine gleichbleibend, konstante Raumtemperatur bei Minimierung des Energieaufwandes. Der zentrale Hof trägt ebenfalls zur Ventilation und Durchlüftung bei.

Der Innenraum der Erdgeschossfläche ist komplett eben und offen. Er verstärkt die hybride Aussage der Architektur: Außen die Geometrie, innen die organischen Formen wie in der Natur. Er zentriert sich um einen Hof, der seine Inspiration aus den von Matisse gemalten Blattformen des Akanthus bezieht und dessen Volumen Erinnerungen an die Vasenformen von Alvar Aalto erweckt. Die verschiedenen Funktionen ergeben sich wie selbstverständlich auf dieser Ebene – so wird eine visuelle Kontinuität und Kommunikation ermöglicht.
Auch das Tageslicht erfährt durch die transparente Konstruktion eine gleichmäßige Verteilung. Es ist das erste Mal, dass in einer Mediathek ein Hof als offener Lesebereich genutzt wird. Ein Ort, der eine entspannte und gleichzeitig auch konzentriert, kontemplative Atmosphäre für die Nutzer bietet. Intimität wird durch starke, architektonische Elemente geschaffen, die eine optische Unterbrechung und Abgrenzung erzielen. Vielleicht ist es diese Überraschung, das Geheimnis des fast verborgenen Hofes, die diese Architektur für die Bevölkerung so attraktiv machen.

Kasten:
Das Büro archi5 wurde 2003 gegründet – ein Resultat der bisherigen gemeinsamen Ateliertätigkeit und auch der architektonischen Interessen. Diese bestehen aus einem kontextbezogenen Herangehen an diverse Projekte: Der Ort, die Programme, die sozialen und kulturellen Herausforderungen – alles wird untersucht, analysiert und in Fragen formuliert. Das Atelier hat 35 Mitarbeiter, die in Paris und Warschau arbeiten.

Mont de Marsan Mediathek
Mont-de-Marsan, Frankreich

Bauherr Communauté d‘agglomération du Marsan
Planung archi5
Statik AS Mizrahi
Bebaute Fläche 4.750 m2
Planungsbeginn 06/2007
Bauzeit 2011 – 2012
Fertigstellung 12/2012
Baukosten 12,3 Mio. Euro

Wie eine gläserne Laterne leuchtet die Mediathek der archi5 Architekten in der Nacht auf der Mitte des alten Kasernenplatzes von Mont-de-Marsan. Transparenz und doch möglichst große Intimität der Nutzer sind ihre herausragenden Kennzeichen. Die leicht aus der Achse gedrehten Fassaden spiegeln die umliegenden Blöcke der Kasernenbebauung und reagieren so auf den Kontext.

 

Text: Peter Reischer
Fotos: Sergio Grazia, Marsan Agglomération

 

 

 

 

 

 

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Kategorie: Projekte

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