Der letzte Rest

22. November 2022 Mehr

Wände aus Weißtannentäfer, dunkel getönte Decken und ein Boden aus Beton – wer das Büro von Baumeister Jürgen Haller betritt, spürt sofort: Material und Oberflächen spielen in diesem Architekturbüro eine gewisse Rolle. Dabei findet man sich keinesfalls in einem coolen Loft in Berlin wieder, sondern in dem einladenden Apartmenthaus Tempel 74 in Mellau. „Dort, wo die Welt zu Gast ist, finden wir Impulse von außen, die uns fordern und inspirieren. Ob Urlauber, Handwerker, Architekten oder Bauherren: Lebendiger Treffpunkt für alle sind die gemütlichen Räume“, so Haller.

 

 

Das Team arbeitet äußerst erfolgreich an der Schnittstelle von Architektur und Handwerk – ein Prinzip, das nicht nur den Bregenzerwald, sondern die Vorarlberger Baukultur insgesamt prägt. Dabei gehen die Ansprüche an die Gestaltung mit denen an die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit Hand in Hand. So wie bei dem Projekt Cabin, einem Nutzbau im Rheintal. „Trotz ihrer scheinbaren Einfachheit waren kleine ›Cabins‹ schon immer eine willkommene Designherausforderung, bei der Maßstab und Materialität gelöst werden mussten, um den maximalen Nutzen aus minimalen Räumen zu ziehen“, erklärt Haller die Lust des Kreativteams auf dieses scheinbar profane Projekt.

 

 

 

Diese „Cabin“ wird von ihrem Bauherren als Scheune und Abstellraum für Landwirtschaftsgeräte genutzt. Die Form ist kompakt und schlicht gehalten, erfüllt im Innenraum ihren Zweck und fügt sich, von außen betrachtet an einen steilen Hang geschmiegt, harmonisch und ganz natürlich in das bestehende Landschaftsbild ein. Ein Stadl also wie jeder andere? Wäre da nicht diese Fassade …

 

 

Der Bauherr, ein Zulieferer der Treppenindustrie, verfügte über ein beachtliches Arsenal an übriggebliebenem Restmaterial in Form von Holzlamellen in unterschiedlichen Längen. Das Team entwickelte auf dieser Grundlage ein anspruchsvolles Fassadenbild, dessen Erscheinung von einem Spiel aus wechselnden Tiefen und einem unregelmäßigen Verlegemuster geprägt ist. Der eigentliche Clou erschließt sich dem Betrachter dabei erst bei der Annäherung an das Gebäude, dessen Außenhaut aus der Ferne zu einem großen Ganzen verschwimmt. Neben der Ästhetik ist aber auch die Thematik der Nachhaltigkeit hervorzuheben und die Erkenntnis, wie hübsch „der letzte Rest“ sein kann …

www.juergenhaller.at

 

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Albrecht Imanuel Schnabel

 

Kategorie: Projekte