Der Ton macht die Architektur

22. April 2015 Mehr

 

Nanshan Cultural- and Sportcentre and Art Museum / China / ZOBOKI-DEMETER Architects 

Auch Innenwände sind Fassaden und im Fall von Konzerthäusern fällt diesen die vielleicht sogar größte Verantwortung für das Gelingen der Architektur zu. Architekten, Musiker und Philosophen haben in den Jahrhunderten nicht nur immer wieder Verbindungen zwischen den beiden Künsten, Musik und Architektur gesucht und schon Schopenhauer hat gesagt, Architektur sei gefrorene Musik. Die Wirkung, die Oberflächen und Gestaltung von Wandoberflächen für einen perfekten, akustischen Genuss haben, ist unbestreitbar.

Vor Kurzem wurde das „Nanshan Cultural- and Sportcentre and Art Museum“ in Shenzhen für die Öffentlichkeit freigegeben. Der Bau, entworfen von den Architekten Gabor Zoboki und Nora Demeter von ZOBOKI-DEMETER Architects (ZDA) reiht sich unter die außergewöhnlichsten kulturellen Veranstaltungsstätten Chinas ein. Das Gebäude beherbergt eine multifunktionale Konzerthalle mit 1.400 Sitzen, ein Kindertheater mit 350 Plätzen, weitere Nutzungen und großzügige öffentliche Flächen – all das ist in einem großen Komplex für Sport- und Kulturaktivitäten im Herzen des Nanshan-Bezirkes eingebettet.

 

 

Die Entwicklung des Projektes zog sich über mehrere Jahre hin, da der Bürgermeister des Bezirkes der Ansicht war, die Architektur müsse sich aus den Perspektiven und Bedürfnissen und auch in Abstimmung mit der lokalen Gemeinschaft bilden. Deshalb waren auch die Architekten sehr um Kooperation mit der Bevölkerung bemüht. Neben der großen Konzerthalle wurde ein kleineres Theater geschaffen, als Veranstaltungsort für kleinere Produktionen und mit besonderen Möglichkeiten und Angeboten für Kinder. Einen Schwerpunk auf die Arbeit mit und für Kinder zu legen, stellt eines der bemerkenswertesten Kennzeichen der wachsenden kulturellen Entwicklungen in China dar.

Shenzhen grenzt an die Sonderverwaltungszone Hongkong und war noch vor 40 Jahren eine ruhige Stadt mit einer, nur 20.000 Einwohner umfassenden Bevölkerung, die vorwiegend aus Fischern bestand. Heute ist sie eine Metropole mit 15 Mio. Einwohnern. Städte dieser Größenordnung und Entwicklung verlieren leicht ihren menschlichen Maßstab, sie werden chaotisch und geistlos und es ist schwierig in ihnen zu leben. Gerade in Shenzhen kann man den Prozess sehr gut nachverfolgen – die wachsende ökonomische Entwicklung ließ die Kultur hinter sich. Kultur fand nur noch in Karaoke-Bars und in Shoppingmalls statt. Es entstand ein Vakuum an geistigen Stätten.

Der damalige Bürgermeister und einige offizielle Abgeordnete der Stadt besuchten Budapest und waren von den architektonischen und technischen Qualitäten des „Palace of Arts“ (Palast der Künste) begeistert. Sie luden Gábor Zoboki nach Shenzhen ein, um die Möglichkeit seiner Mitwirkung als Innenarchitekt beim damals geplanten Nanshan Cultural Centre zu besprechen. Dieses Gespräch führte zu einer weitgehenden Zusammenarbeit der Gründer von ZDA, dem klassischen Musiker Gábor Zoboki und der in Amerika, Yale and U.C. Berkeley ausgebildeten Architektin Nora Demeter, in Bezug auf das komplette Design des kulturellen Komplexes.

 

 

Shenzhen wird auch als das New York Chinas bezeichnet, es gibt hier Bauten der bekanntesten Architekten der Welt: Die Börse von OMA, der Flugplatz von Emilio Fuksas (architektur 05/2014), ein Bürogebäude von Steven Holl an der Meeresküste und die Oper von Zaha Hadid in der Nachbarstadt Guangzhou. Obwohl sich die ungarischen Architekten einer internationalen gewaltigen Konkurrenz gegenübersahen, schafften sie es mit Respekt und Geduld die Anerkennung der Auftraggeber zu erringen.

Gábor Zoboki formuliert das Erfolgsgeheimnis folgendermaßen: „Jeder will den Markt der arabischen Länder und Chinas für sich gewinnen, wir dachten aber nicht daran, etwas zu verkaufen und zwei Stunden später aus dem Flugzeug zum Abschied zu winken. Die meisten Architekten, die hier bauen, wollen sich ein Denkmal setzen. Die Architekturen schauen dann außergewöhnlich aus. Uns ging es darum, die Bedürfnisse und die Kultur der Menschen hier zu verstehen. Wir arbeiteten eng mit den chinesischen Partnerarchitekten zusammen und respektierten ihre Wünsche und Vorstellungen.“

Die größte Herausforderung für die Architekten war, einen öffentlichen Bereich in einer 15 Mio. Stadt, der menschlich ist und in dem sich Künstler wie auch Besucher wohl und zu Hause fühlen können, zu schaffen. Es galt, eine spezielle musikalische Erfahrung zu ermöglichen, in einer intimen Atmosphäre und mit „State of the Art“-Ausstattung und -Technik. Als Erstes überzeugten Sie die Auftraggeber, statt der 3.000 Sitze nur 1.400 Sitze in der Konzerthalle zu planen. Ebenso wie im Palast der Künste in Budapest gibt es im Nanshan Cultural Zentrum keine elektronischen Verstärker (wie sonst in China üblich). Die Umsetzung und Realisierung dieses Anspruches ist das Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem Akustikexperten Federico Cruz Barney. Das akustische Volumen der Halle eignet sich genauso für eine Beet-hovensymphonie, wie für eine Chopinsonate. Jedes Stück findet hier die beste Tonumgebung vor. Eine weitere akustische und architektonische Feinheit ist die Entwicklung einer verstellbaren Decke. Durch sie ist es möglich, 7 bis 8 verschiedene Hallentypen in ein und demselben Raum zu kreieren. Die dynamischen Wellen der Balkongalerien mit ihren dicken Holzverkleidungen schaffen eine eigene visuelle Erfahrung. Die Konzerthalle wurde übrigens vom ‚Royal Liverpool Philharmonic Orchestra‘ eingeweiht.

 

 

Ein weiteres wichtiges Faktum war die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass ein Kindertheater in der kleineren Halle eine bessere Investition als ein Kino sei. Eine Stadt mit ca. fünf Millionen Kindern hat einen unleugbaren Bedarf für ein Theater, in dem die Kinder Puppentheater und kleinere Musikproduktionen miterleben und sich ebenso in Workshops daran beteiligen können. Das ganze Areal beherbergt auch eine Schwimmhalle, eine Sporthalle, eine Bibliothek, große öffentliche Bereiche und ein Kunstmuseum.

Alle Bereiche dieses Kulturzentrums sind durch ein großes Foyer mit roten und blauen Wänden und Bildern der traditionellen chinesischen Theatermasken verbunden. Die verschiedenen Ebenen sind durch bandartige Gehwege erreichbar. Die alles beherbergende architektonische Vision des Gebäudes wird durch eine metallische, fließende Dachform zusammengefasst. Sie überdeckt den ganzen Komplex und besteht aus Tausenden, einzeln angefertigten Aluminiumteilen.

Obwohl üblicherweise in den chinesischen Bauten nicht zu großer Aufwand im Bezug auf Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit betrieben wird, kommt sie in dieser Architektur nicht zu kurz: Sonnenenergiekollektoren wurden eingebaut, um den enormen Energieverbrauch für die klimatechnische Kontrolle der Architektur zu senken.

 

Nanshan Cultural- and Sport Centre and Art Museum

Nanshan, Shenzhen, China

Bauherr: Nanshan Bureau of Projects, Shenzhen
Planung: ZOBOKI-DEMETER and Associates Architects
Statik: Gabor Foldvari, Andras Szabo
Grundstücksfläche: 28.300 m2
Bebaute Fläche: 6.300 m2
Nutzfläche: 25.000 m2
Planungsbeginn: 2008
Bauzeit: 2010 – 2014
Fertigstellung: 09/2014

 

Text: Peter Reischer / Fotos: Tiani Wer, Zhang Chao

 

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Kategorie: Projekte

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