Der weiße Turm
Ein weißer Turm erhebt sich über Mulegns im Val Surses: 30 Meter hoch, filigran, beinahe mystisch mit einem Hauch von Herr der Ringe. Der Tor Alva – entworfen von Michael Hansmeyer und Benjamin Dillenburger für die Nova Fundaziun Origen – ist das weltweit höchste 3D-gedruckte Gebäude und zugleich ein temporärer Kulturort. „Der Turm fügt sich nahtlos in die alpine Landschaft ein und setzt die bemerkenswerte architektonische Geschichte von Mulegns fort“, erklärt Hansmeyer.
Digitale Systeme statt Schalung
Das Besondere liegt nicht nur in der Erscheinung, sondern in der Methode: Statt Schalungen zu gießen, arbeiten Roboter im Doppel. „Ein Arm extrudierte Beton Schicht für Schicht, während der andere die Bewehrung zwischen die Lagen einfügte“. Das Ergebnis: 32 tragende Säulen, jede einzigartig, jede generiert durch algorithmisches Entwerfen. Hansmeyer beschreibt es als „Proof of Concept im Maßstab 1:1, das die Eignung des 3D-Drucks für großformatige, dauerhafte und architektonisch komplexe Strukturen demonstriert“.
Die additive Fertigung spart Material: Beton wird nur dort eingesetzt, wo er statisch notwendig ist. Gleichzeitig werden neue ökologische Potenziale sichtbar. „3D-gedruckter Beton kann CO2 aus der Luft deutlich schneller aufnehmen als herkömmlicher Beton – diese beschleunigte Karbonatisierung verbessert aktiv die Klimabilanz“. Auch die Zirkularität ist Teil des Konzepts: Der Turm wurde für fünf Jahre errichtet und kann danach abgebaut und an einem neuen Ort wiederaufgebaut werden.
Digitale Handwerkskunst
„Wir können den Extrusionsweg so manipulieren, dass komplexe Texturen und Muster direkt in das Material eingebettet werden. So entsteht eine materialgetriebene Ornamentik – eine digitale Handwerkskunst“. Das Innere wird zur Raumdramaturgie: massive, dunkle Kammern unten, lichte, verzweigte Kuppel oben. Ein „Wald aus filigranen Säulen“ umschließt das kleine Theater über den Dächern von Mulegns.
Doch der Turm ist nicht nur Technologie, sondern auch Kulturprojekt. Mulegns hat nur noch zwölf ständige Einwohner:innen. Während Besucher:innen neugierig strömen, gibt es auch Skepsis. „Nicht unbedingt gegenüber dem Turm selbst, sondern gegenüber dem plötzlichen Zustrom von Tourist:innen“, so Hansmeyer. Damit wird Tor Alva auch zum Prüfstein: Wie kann experimentelle Architektur zur Revitalisierung beitragen, ohne lokale Identität zu überlagern?
Signalwirkung für die Baukultur
Tor Alva versteht sich nicht als singuläres Event, sondern als Modell. „Wir befürworten nicht den 3D-Druck als universelle Lösung. Tor Alva zeigt vielmehr, wo diese Technologien ihre Stärken haben: bei geometrisch komplexen, standortspezifischen Strukturen“.
Die zentrale Botschaft: Digitale Systeme, materialeffiziente Verfahren und zirkuläre Bauweisen können künftig nicht nur spektakuläre Kulturorte prägen, sondern auch alltagstaugliche Architektur.
Text: Linda Pezzei
Fotos: Birdviewpicture, Benjamin Hofer
Kategorie: Projekte










