Ein besonderes Hörerlebnis

18. Juni 2020 Mehr

Das Strait Culture and Arts Centre, entworfen von den in Schanghai und Helsinki ansässigen PES-Architects, bringt nicht nur der Stadt Fuzhou, sondern auch der weiteren Umgebung die Möglichkeit, Kunst und Kultur in einer hervorragenden akustischen Qualität zu genießen.

 

Strait Culture and Arts Centre

 

Symbolkraft des Entwurfes
Schon im Jahre 2013 hat die Verwaltung von Fuzhou, China einen internationalen Wettbewerb für das sogenannte Strait Culture and Arts Centre ausgeschrieben. Eines der vielen multinational arbeitenden Architekturbüros – die in Schanghai und Helsinki ansässigen PES-Architects – hat diesen gewonnen. Und sie haben, entgegen dem Trend der beliebigen, parametrischen Formfindung, Rücksicht auf die Kultur und Tradition des Ortes genommen und die Blütenblätter des Jasmin (diese Blüte ist auch das Wahrzeichen von Fuzhou) als Ausgangspunkt für ihren Entwurf gewählt. Das ist wichtig, da die chinesische Kultur sehr großen Bezug auf Symbole nimmt. Dazu kommt, dass Fuzhou – als Endpunkt der sogenannten „Neuen Seidenstraße“ gelegen – damit auch eine Metapher dieses Transportweges von Keramik, Porzellan und anderen Gütern nach dem Westen, aufgreift.

 

 

Ein Hauptanspruch des Entwurfes war es, das kulturelle Image der Stadt Fuzhou und des neuen entwickelten Stadtteiles Mawei New Town zu stärken. Er bietet nun durch die Schaffung einer Art „kultureller Shoppingmall“ eine außergewöhnliche Erfahrung für die Nutzer. Die Kulturprogramme der Mall ergänzen sich mit kommerziellen und familienorientierten Angeboten und dem entsprechenden Entertainment in einem hybriden Komplex. Dieses Format ist typisch für die momentane Phase der Kulturbauten in China. Interessant bei dem Projekt sind auch die städtebaulichen Bezüge: Das Strait Culture and Arts Centre verbindet Städte und Gemeinden entlang und über die Straße von Taiwan, es verbindet die Fuzhou Mawei New City Entwicklungsgebiete und deren Was­serwege mit dem Minjiang River und der natürlichen Umgebung und schlussendlich verbindet es die Menschen mit Kultur.

 

 

Material und Geschichte
Schon vor fast 3000 Jahren wurden in China mit „Porzellanerde“ Figuren und Gegenstände gebrannt. Kaufleute brachten das Porzellan (weißes Gold) ab dem 13. Jahrhundert mit nach Europa, wo seine Herstellung lange ein Geheimnis blieb. Die Hauptbestandteile der Porzellanmasse sind Kaolin, Ton, Quarz, Feldspat, Dolomit, Kalkspat und Kreide. Der hohe Quarzgehalt in der Glasur und der Masse ergibt in Verbindung mit den anderen Rohstoffen hohe Festigkeitswerte und Verschleißbeständigkeit. Und dieses Material ist eines der augenscheinlichsten und auch Form gebendsten dieser Architektur. Es ist hier – neben dem für die Konstruktion benötigten Stahl, Beton und Glas – in gewaltigen Mengen verwendet worden und drückt der Erscheinung, der Sprache, der Farbe und der Architektur seinen Stempel auf.

 

Die fünf Blütenblätter des gewählten Entwurfes entsprechen dem Opernhaus, der Konzerthalle, einem multifunktionalen Theater, einer Ausstellungshalle für Kunst und einem Kinokomplex – alle sind miteinander durch eine „Kulturpromenade“ und großen Dachterrassen verbunden. Diese Terrassen sind sowohl von den (im Landesinneren gelegenen) Jasmingärten aus, wie auch vom zentralen Platz (Richtung Fluss) zu begehen und bieten eine nahtlose Verbindung des Komplexes mit dem Ufer des Minjiang River. Die Aufteilung in die erwähnten fünf Bereiche (insgesamt 153.000 m2) bietet eine leichte Orientierung für die Besucher und schafft auch einen menschlicheren Maßstab. Jeder der fünf Bauteile hat sein eigenes Zentrum in einer halböffentlichen, gebogenen Galerie, die der äußeren Form des jeweiligen Blütenblattes folgt. Von außen gesehen (vor allem in der Nacht bei Beleuchtung) erscheint hinter der Lamellenfassade die warme Holzwand der Galerie wie eine weitere, innenliegende Fassade.

 

Von Ton zu Ton
Keramik ist das Material, welches sowohl im Außenbereich wie auch in den Innenräumen am meisten eingesetzt wurde. Verwendet wurde in der Produktion das legendäre „China White“ in Verbindung mit einer neuen Technologie. Die Architekten haben dafür mit dem taiwanesischen Keramikkünstler Samuel Hsuan-yu Shih zusammengearbeitet, um im Inneren der Architektur sowohl Ästhetik wie auch die entsprechenden akustischen Anforderungen zu erreichen. Im Außenbereich sind alle Fassaden mit Blenden und weißen, keramischen Paneelen bedeckt. Die Hauptfassaden sind, aufgrund der Anordnung der Baumassen, linsenförmig gebogen und Großteils aus Glas. Um eine Verschattung zu erzielen, hat man eine vorgehängte Fassade aus keramischen Paneelen als Sonnenblende kreiert. Deren Aufteilung entspricht einer exakten Berechnung der notwendigen Lichtintensität für die dahinter liegenden Innenräume und löst durch seine lockere Verteilung auch ein wenig die Schwere der Körper auf.

 

Die gesamten vorderen Fassadenflächen bestehen aus 42.250 Teilen, jedes 1,75 Meter lang und mit einer weißen Glasur überzogen. Sie bilden eine vorgehängte Fassade. Grund- und Traufenlinie der Körper sind gegeneinander verschoben und mit geraden Stahlsäulen zu einer Fläche dritter Ordnung verbunden. Eine weitere Serie von Stahlträgern bildet eine zweite Struktur, welche sich diagonal über die Hauptsäulen zieht. Ihr Abstand beträgt überall ca. 1,8 Meter, so konnten die keramischen Baguettes mit ihrer einheitlichen Länge gleichmäßig befestigt werden. Keramik wurde auch an der Rückseite verwendet und nur das Dach ist mit vorpatiniertem Titan-Zink-Blech bedeckt. An der hinteren Fassade entschied man sich für Keramikplatten in der Größe 80 x 40 cm.

 

 

In der Konzert- und Opernhalle zeigt die verwendete Keramik eine ausgesprochen kreative Art der akustischen Wandgestaltung und Oberfläche. Für die Schallkontrolle, Tonqualität und die erforderlichen Nachhallzeiten wurden nach intensiven Studien der Akustikexperten zwei verschiedene Oberflächen entwickelt: ein strukturiertes Paneel und eine Mosaikfliese. Beide Teile lassen sich entsprechend den jeweiligen topografischen Gegebenheiten verwenden und auch kombinieren: Sie erzielen genauso akustische wie ästhetisch hochwertige, optische Ergebnisse in der visuellen Designsprache.

 

Die Opernhalle ist von – in verschiedenen warmen Grautönen angefertigten – Keramikteilen geprägt und kombiniert 13 unterschiedliche florale Motive zu einem 3.000 m² großen Muster aus Jasminzweigen. Die komplexen seitlichen Wände der Halle sind dermaßen gestaltet, dass sämtliche seitlich gerichteten Reflexionen in Richtung Parterre und der anderen Balkone vermieden werden. Konvexe und konkave Formen wirken hier wie effiziente Reflektoren, die gleichzeitig unerwünschte Halleffekte durch ihre gekurvte Geometrie unterbinden. Die Bühnenwände sind auch speziell entworfen – sie kombinieren Lautsprecher und großformatige Beleuchtungsanlagen mit effizienten Absorberzonen. Gemeinsam mit den Reflektorflächen über dem Orchestergraben sichert das eine perfekte Projektion des Tones von der Bühne in Richtung der Zuschauer. Durch die Verlegung der verwendeten, sechseckigen Keramikfliesen konnte man die doppelt gekurvte Oberfläche relativ gut in den Griff bekommen, obwohl es evident ist, dass zweidimensionale Muster eine derartige Geometrie nicht völlig bedecken können. Dort wo das Muster „ausreißt“, hat man mit einzelnen Fliesen – in genauer Abstimmung mit dem Designteam – die Spalten gefüllt.

 

 

In der Konzerthalle wiederum waren eine reiche Resonanz und eine wirklichkeitsgetreue, musikalische Klarheit – durch die Optimierung sämtlicher Reflexionsflächen – gefordert. Zwei in verschiedenen Ebenen konvex gebogene Wände umgeben Orchester und Zuhörer, sie erzeugen eine Menge von sich seitlich entwickelnden Schallwellen. Die Kurvatur und Neigung jedes Wandelementes ist genau nach den akustischen Ergebnissen berechnet und ausgerichtet. Bestimmte Zonen der Wände sind mit einem diffusen Muster aus dreidimensional herausragenden Fliesen bedeckt. Diese Unregelmäßigkeit bricht die Schallwellen, macht Echos sanfter und vermeidet Nachhalleffekte.

 

Das zweite, schalltechnisch interessante Material findet sich in der Multifunktionshalle, die für 700 Besucher ausgelegt ist. Ihre Wände sind mit CNC gefrästen, soliden Bambusblöcken verkleidet, diese haben eine spezielle, akustische wirksame Formgebung und Oberfläche. Auch in den anderen Bereichen fällt die stringente und fast ausschließliche Verwendung von Bambus und Keramik auf. Und so entsteht ein durchgehender Eindruck einer freundlichen, warmen Atmosphäre mit hervorragenden Hörerlebnissen.

 

 

Strait Culture and Arts Centre
Fuzhou, China

Bauherr: Fuzhou New Town Development Investment Group Co., Ltd.
Planung: PES-Architects     
Chefdesigner: Pekka Salminen
Lokales Architekturbüro: CCEDGC
Statik: Matti Haaramo (Vahanen Oy), CCEDGC

Nutzfläche: 153.000 m2
Planungsbeginn: 2013
Bauzeit: 2015 – 2018

 

 

Text: Peter Reischer
Fotos: Marc Goodwin, Zhang Yong

 

 

Kategorie: Projekte

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