Ein Haus aus Hand-me-downs
Dass die Wiederverwendung von Bauteilen nicht zwingend zu einem eklektischen Used-Look führen muss, zeigt das Projekt LysP8 von Loeliger Strub Architektur. Die Dachziegel und Fensterläden an der Fassade sind gerettete Bauteile von Nachkriegssiedlungen, die die Vergangenheit des Geschosswohnbaus zitieren und dem experimentellen Wohnprojekt auf dem Basler Lysbüchel-Areal eine ganz eigene Ästhetik verleihen.
Das markante Eckgebäude an der Kreuzung von Weinlagerstrasse und Lothringerstrasse war das letzte Puzzlestück auf dem Areal Lysbüchel Süd im erweiterten Norden von Basel. Da es sich um die Parzelle 8 handelt, hat man dem Wohnbau den alphanumerischen Namen LysP8 verliehen, was im ersten Moment eher an eine chemische Formel aus dem Labor denken lässt – einen hocheffizienten Fleckenentferner. Und im Grunde passt das auch, wenn man sich den aktuell größten Makel im Bauprozess ansieht: die grauen Emissionen. Das Re-Use-Konzept, das die gemeinnützige Stiftung Habitat fest im Projekt verankert hat, war der effektive CO2-Killer in der Ökobilanz. Insgesamt konnten die Fachplaner 30 verschiedene Bauteile, Materialien und Einrichtungsgegenstände wiederverwenden und dabei rund 80 Tonnen CO2 einsparen.
Obwohl es sich also um einen Neubau handelt, ist ein Gebäude entstanden, das bereits Geschichte in sich trägt. Viele Geschichten, um genau zu sein. Da wäre zum Beispiel der Gitterrost, der Eingangstor und Laubengänge sichert. Er stammt von Zellbetten aus dem provisorischen Polizeigefängnis Zürich. Vom Abbruch einer typischen Schweizer Nachkriegssiedlung in Dietikon kommen die markanten weinroten Metallklappläden an den Fenstern. 100 Quadratmeter Welleternit konnten von einem alten Silogebäude gerettet werden und 260 Quadratmeter Gartenplatten säumten einst die Gehwege einer psychiatrischen Klinik. „Diese Platten waren schon von Flechten überzogen. Sie wurden ganz zum Schluss verlegt, und plötzlich hatte dieses Haus schon eine Vergangenheit, obwohl es noch nicht einmal bezogen war“, beschreibt die leitende Architektin Tenzin Dawa Tsamdha den ambivalenten Eindruck.
Re-Use schafft Identität
Der neue Stadtbaustein, der die fehlende Ecke einer Blockrandbebauung schließt, präsentiert sich entsprechend vielschichtig und entzieht sich einer allzu schnellen Einordnung. Die nostalgisch aufgeladenen Fensterläden und die unterschiedlichen Verwitterungsgrade der Dachziegel werfen dem Betrachter eine Identität entgegen, wie man sie sonst nur von gut gealtertem Bestand kennt. Der Kontext der städtischen Erweiterung macht intuitiv klar, dass das Haus neu sein muss. Aber gleichzeitig fragt man sich: Woher kommt diese Patina?
Den Flachschiebeziegeln, die vom Dach- zum Fassaden-Genre gewechselt sind, sieht man ihr Vorleben deutlich an. Sie stammen aus drei unterschiedlichen Rückbauquellen, sogenannten urbanen Minen, und sind ihrem Alter entsprechend erhalten. Die ältesten sind über 65 Jahre alt und stammen vom Areal der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur. Diese überlappenden Zeitlichkeiten an der Fassade sorgen für kleine Irritationsmomente und erzeugen ein spannungsvolles Gesamtbild.
War die Re-Use-Disziplin anfangs noch von einem eklektischen Shabby-Look geprägt, der sich aus der Ansammlung eher willkürlich zusammengewürfelter Bauteile ergab, fahren Loeliger Strub hier mit einer neuen ästhetischen Ansage auf. Das feinsinnig abgestimmte Zusammenspiel aus Alt und Neu verschafft dem Gebäude eine Präsenz, gegen die ein herkömmlicher Neubau mit seiner Makellosigkeit schon mal in die Defensive gerät.
Ein Just-in-time-Geschäft
Ursprünglich hatte man mit hellblauen Fensterläden gerechnet, doch als diese nicht zum festgesetzten Zeitpunkt verfügbar waren, musste man umdisponieren. Zirkular, das spezialisierte Fachplanungsbüro, fand schließlich einen Ersatz in Weinrot. „Daraufhin mussten wir das Farb- und Materialkonzept der Fassade nochmal überarbeiten“, so die Architektin über die hochdynamische Materialbeschaffung. Im Grunde ist es ein Just-in-Time-Geschäft. Für jedes eingeplante Material braucht es einen Plan B, und je länger die Zeit zwischen Rückbau und Wiederverwendung, desto höher werden die Lagerkosten.
Wer denkt, dass die Re-Use-Praxis abgesehen von der CO2-Ersparnis auch ein finanzielles Einsparpotenzial bietet, nur weil die Bauteile nicht neu produziert werden müssen, der irrt. Zusätzlich zu den anfallenden Lagerkosten muss nämlich auch das Aufbereiten, Säubern, Palettieren und die Lieferung auf die Baustelle einkalkuliert werden.
Küchen für die Ewigkeit
Meistens sind es keine glamourösen Bauteile wie mächtige Stahlträger oder skulpturale Betonteile, die eine neue Verwendung finden. Viel öfter rückt das Klein-Klein des Bestands in den Fokus – eine kritische Masse an unkaputtbarer Substanz, wie sie etwa die Nachkriegssiedlungen liefern, die nach und nach abgerissen werden. Im Design wird das Abstimmen der unterschiedlichen Quellen oft zur spitzfindigen Patchwork-Arbeit. Ein absoluter Glücksgriff waren die 29 Forster Küchen, die beim Abriss der genossenschaftlichen Siedlung Zwischenbächen anfielen. Das Schweizer Traditionsunternehmen fertigt seit den 1950er-Jahren Stahlküchen, die für den Re-Use genau das nötige Rüstzeug mitbringen: Langlebigkeit und ein modulares Baukastensystem. So konnten die Küchenzeilen auch nach über 25 Jahren noch wiederverwendet und passend erweitert werden.
Auch für die von der Bauherrschaft vorgegebene Holzbauweise ließ sich Material aus zweiter Hand finden, obwohl das nicht immer ganz so einfach ist. Oft fehlt es dem Holz an Statik-Garantien oder reversiblen Verbindungen, um die Teile schadensfrei aus der Konstruktion zu bergen. Von einem temporären Pavillon des Formel-E-Rennens in Zürich konnten über 400 Quadratmeter an Geschossdecken im experimentellen Wohngebäude verbaut werden.
Erschließung mit Mehrwert
Aber Projektleiterin Tenzin Dawa Tsamdha will das LysP8 nicht allein auf die Re-Use-Schiene reduziert wissen. Tatsächlich gelang es dem Büro durch einen Kniff im Raumprogramm auch einen der größten Hebel beim nachhaltigen Bauen zu betätigen: die Energiebezugsfläche, also die beheizte Wohnfläche, die der einzelne Bewohner zur Verfügung hat. Diese ist in den letzten Jahrzehnten von durchschnittlich rund 34 auf 48 Quadratmeter angestiegen und hat so die energetischen Einsparungen durch die effizienteren Gebäudehüllen aufgefressen. Die Rechnung ist simpel: Ein Quadratmeter, der gar nicht erst gebaut wird, verursacht auch keinerlei CO2-Emissionen.
Dass Laubengänge im Wohnbau heute wieder ein Revival feiern, hat seinen Grund in ebendieser Rechnung. Indem man den Erschließungsbereich nach draußen verlegt, kann das beheizte Volumen reduziert werden, während mit dem offenen Verbindungsraum zugleich ein kommunikativer Mehrwert entsteht. Im Fall des Basler Wohnprojekts trennt das Treppenhaus den sechsgeschossigen Baukörper in zwei Flügel und öffnet sich auf beide Seiten – zum Lysbüchelplatz auf der einen und zum Innenhof auf der anderen Seite.
Anstatt die kürzeste Verbindung zwischen den Geschossen zu suchen, wird der Stiegenaufgang zur vertikalen Hauspromenade. Er mäandert über auskragende Plätze und Balkone und gibt dem gemeinschaftlichen Leben eine Bühne. Im hofseitigen Erdgeschoss bildet er eine Sitztreppe aus Gitterroststufen, ein Relikt aus der alten Schokoladenfabrik in Wallisellen. An lauen Sommerabenden sitzen die Bewohner hier beim Open-Air-Kino oder treffen sich auf ein Feierabendbier.
Mühle auf, Mühle zu
Die Planung der Wohntypologien konzentrierte sich auf eine einfache, modulare Struktur, dessen Raster die kleinste Wohneinheit vorgab. Um den Grundriss flächenmäßig zu optimieren, ist zwischen Wohnraum und Bad eine Wechseltür eingebaut. Die kann man sich wie eine Zwickmühle vorstellen: Geht sie auf der einen Seite zu, macht sie auf der anderen Seite auf. Ein raumplanerischer Clou, der den Flächenverbrauch minimiert und zugleich eine regulatorische Hürde elegant umschifft. Nach der Schweizer Norm für hindernisfreies Bauen wäre das Bad an sich nicht rollstuhlgerecht. Durch das Umschwenken der Tür wird der Flur jedoch zum Teil des Badezimmers und der Raum damit barrierefrei.
Die einzelnen Wohnmodule sind nach zwei Seiten ausgerichtet und lassen sich flexibel kombinieren – ob als Wohnung für Singles, Paare, Familien oder Wohngemeinschaften. Im Erdgeschoss ergeben sich dadurch vielfältige Gewerbeflächen. Durch die kompakten Grundrisse beläuft sich die Energiebezugsfläche auf 45 Quadratmeter pro Person, was im Schweizer Vergleich sehr sportlich ist. Bei den Eidgenossen liegt der durchschnittlich nämlich bei stolzen 57 Quadratmetern
Ingesamt vergab die Stiftung Habitat 15 Parzellen, großteils an Genossenschaften mit einer langfristig gemeinnützigen Ausrichtung. So ist ein recht bunter neuer Stadtteil entstanden, in dem das LysP8 mit seiner präzise komponierten Re-Use-Fassade die Anfänge des modernen Geschosswohnbaus zitiert und auch nach dem Siedlungsabriss weiterleben lässt.
LysP8 – Wohnhaus mit Gewerbe
Basel, Schweiz
Bauherr: Stiftung Habitat
Architektur: Loeliger Strub Architektur
Baumanagement: Eitel & Partner
Fachplaner Re-Use: Zirkular
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Schweiz AG
Küchen: Forster Manufaktur
Nutzfläche: 1.440 m²
Planungsbeginn: 2020
Fertigstellung: 2025
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Federico Farinatti
Kategorie: Projekte











