Ein Lagerraum zum Wohnen
Von Wäldern und Wiesen umgeben hebt sich das futuristische Design des Projekts von nendo Architekten gekonnt – und trotzdem nicht penetrant – von seiner Umgebung ab. Konzipiert wurde das geradlinig und modern designte Culvert Guesthouse im japanischen Nagano als Lagerstätte für Möbel, Kunstwerke sowie Dekorations- und Einrichtungsgegenstände. Gleichzeitig fungieren die oberen Geschosse als Gästehaus, das Minimalismus mit hohem Wohnkomfort verbindet.
Vielseitigkeit als Programm
Der einzigartige Bau setzt sich aus übereinander angeordneten Tunneln zusammen. Ein zentral angebrachtes Dach deckt diese ab und fungiert so als verbindendes Element. In den tunnelartigen Strukturen befindet sich der eigentlich Schauraum, wobei das größte Gebilde eine beachtliche Länge von 40 Metern aufweist. Die übrigen zwei länglichen Stauräume sind etwas kleiner gehalten. Dabei gibt es die Option, den Bau um zusätzliche Elemente dieser Art zu erweitern.
Im ersten Obergeschoss wurden Küche, Badezimmer, Toilette und andere Sanitäreinrichtungen untergebracht, während sich im zweiten Stock Bade- und Arbeitszimmer befinden. Diese Areale sind als Gästehaus nutzbar. Eine großzügig angelegte Glasfront ermöglicht den Bewohnern einen Ausblick auf die Waldlandschaft. Vom Gästehaus aus ist es auch möglich, die übrigen Areale – und mit ihnen auch den Vorhof – zu betreten. Den Kies rund um das Gebäude härtete man mithilfe von Harz, um Bewohnern das Gehen auf ihm zu erleichtern.
Das Gästehaus selbst steht damit ganz im Zeichen von Komfort. Auch in ihm sind Verzierungen und überflüssiger Dekor nicht anzutreffen. Nutzer haben also die Möglichkeit, die Räume während ihres Aufenthalts nach Belieben zu individualisieren und ihren Bedürfnissen anzupassen. Auch eine Badewanne befindet sich im Gebäude und wurde so in den Untergrund implementiert, dass sich die Wasseroberfläche auf dem Niveau des Fußbodens befindet. Sie unterbricht dadurch die glatte Tunnelführung nicht und sorgt dezent für Abwechslung. Diese kontrastreiche Gestaltung macht den Bau zu einem versatilen und vielseitigen Projekt.
Stabilität durch robuste Materialien
Die langen, rechteckigen Strukturen schaffen ein paradoxes Gegenspiel aus filigraner und zugleich stabiler Architektur. Um diesen einzigartigen Effekt zu unterstreichen, setzten die Planer bei der Realisierung des Baus auf vorgefertigte, massive Materialien. Die Konstruktion größerer Elemente erfolgte in einer Fabrik, während vor Ort der Zusammenbau stattfand.
Es beschränkten sich die Architekten überdies auf robuste Baustoffe – sie ließen daher quadratische Module aus Spannbeton anfertigen, um aus ihnen die Ausstellungs-Tunnel zu konstruieren. Dieses Material trotzt moderaten, dauerhaften Krafteinwirkungen und dem Einfluss der Witterung, während es trotzdem über eine glatte und sauber wirkende Oberfläche verfügt.
Ein Leichtgewicht sind die quadratischen Elemente keinesfalls: denn sie wiegen einzeln 12 Tonnen – von ihnen kamen beachtliche 63 Stück zum Einsatz. Jede innenliegende Ecke versahen die Architekten zusätzlich mit einer 45°-Verstärkung, um bei Erdbeben Stabilität zu gewährleisten. Durch die Verbindung der Bauteile formten die Planer die tunnelartigen Räume, die im Inneren Dimensionen von 2 x 2,3 Metern aufweisen. Für den Zusammenhalt der Elemente sorgen 14 Stahldrähte, auf die eine andauernde Spannung von 46 Tonnen einwirkt. Mit der gekonnten Mischung aus moderner Technik und altbewährter Bauweise erzielten die Experten so maximale Stabilität.
Die Natur nach innen holen
Trotz seiner reduzierten, rohen Erscheinungsform lebt der Bau von seiner Beziehung zur Natur. So sind alle Pflanzen und Grünelemente, die man in den Innenräumen platzierte, auch im Außenbereich anzutreffen. Mit diesem Kniff holten die Planer die umliegende Landschaft ins Gebäude und stellten eine direkte Beziehung zu ihr her.
Abgesehen davon steht der Bau im Zeichen des Minimalismus. Es beschränkten sich die Architekten in puncto Design auf das Wesentliche. Auf verspielte Elemente verzichteten sie vollständig. Sogar Türgriffe brachten sie dezent – und fast unsichtbar – an. Letztere verstecken sich geradezu zwischen Türblatt und der Wand. Das Gebäude versprüht also Innovation, ohne allzu trotzig zu sein. Zweck der minimalistischen Gestaltung ist es, die Inneneinrichtung mit den einzelnen Möbelstücken in den Vordergrund zu rücken. Als Lagerstätte und Showroom wird das Objekt seiner Aufgabe also vollständig gerecht.
Eine freie Sicht
Bemerkenswert ist nicht nur die Zusammensetzung des Rohbaus. Auch die Fenster können sich sehen lassen und gewähren eine ungehinderte Aussicht. Bei deren Konstruktion verzichteten die Architekten weitgehend auf Metallrahmen. Sie setzten zudem hoch-transparentes Glas ein, das sie in den Rillen befestigten. Bewohner des Gästehauses haben so die Möglichkeit, das Panorama um sich herum in vollstem Ausmaß zu genießen.
Insgesamt gesehen handelt es sich beim Lager- und Gästehaus um ein modernes und trotzdem naturnahes Projekt. Die Architekten vereinten in ihm Komfort und Vielseitigkeit. Die Erweiterbarkeit der Lagerstätten rundet das Gebäude ab und macht es reif für zukünftige Nutzungen.
Culvert Guesthouse
Nagano, Japan
Planung: nendo
Designteam: Noritaka Ishibayashi, Ryota Maruyama, Daisuke Maeda
Baujahr: 2022
Bebaute Fläche: ca. 291 m2
Grundfläche: ca. 800 m2
Text: Dolores Stuttner
Fotos: Takumi Ota, Daici Ano
Kategorie: Projekte











