Ein neuer Mittelpunkt
Mit dem Marktraum am Wiener Naschmarkt erhält einer der bekanntesten urbanen Räume Österreichs ein neues räumliches und soziales Zentrum. Entworfen von Mostlikely Architecture rund um Architekt Mark Neuner, ist der Bau weit mehr als eine Markthalle: Er versteht sich als offene, wandelbare Infrastruktur, die Markt, Stadt und Gemeinschaft miteinander verknüpft und die historisch gewachsene Marktkultur in eine zeitgemäße Zukunft überführt.
Kaum ein Projekt der jüngeren Wiener Stadtentwicklung wurde im Vorfeld so intensiv diskutiert wie die Umgestaltung des ehemaligen Parkplatzareals rund um die Kettenbrücke am Naschmarkt. Der Ort wurde zum Brennpunkt grundlegender Fragen moderner Stadtentwicklung. Bürgerinitiativen und Anrainergruppen äußerten früh Bedenken – insbesondere gegenüber der anfänglich diskutierten Idee einer massiven Markthalle, die als Symbol einer drohenden Kommerzialisierung gelesen wurde. Auch der Schutz der Sichtachsen auf die Otto-Wagner-Bauten der Wienzeile sowie der langfristige Erhalt des Flohmarkts prägten den Widerstand. Vor diesem Hintergrund ist der Marktraum nicht als bloßer Kompromiss zu lesen, sondern als architektonische Positionierung innerhalb eines hoch aufgeladenen Diskurses, in dem nicht alle Erwartungen erfüllt werden konnten – und auch nicht sollten.
Vom Parkplatz zum Stadtraum
Die Wurzeln des Projekts reichen bis ins Jahr 2017 zurück. Im Rahmen der Vienna Biennale verwandelte Mark Neuner gemeinsam mit dem Kollektiv Team Wien den damaligen Parkplatz am Naschmarkt temporär in einen offenen Stadtraum. Unter dem Titel „Park macht Platz“ zeigten einfache Holzstrukturen im Maßstab 1:1, welches Potenzial der Ort als gemeinschaftlich genutzte Fläche besitzt.
Diese frühe Intervention war weniger fertige Antwort als vielmehr räumliche Frage: Was kann ein Markt heute sein, jenseits reiner Verkaufslogik? Die Diskussionen dieser Zeit mündeten einige Jahre später in ein kooperatives Verfahren, an dem Architekt:innen, Landschaftsarchitekt:innen und Kunstschaffende beteiligt waren. In einem politischen Umfeld, das von Unsicherheit und widersprüchlichen Erwartungen geprägt war – Park, Markthalle oder Erhalt des Parkplatzes – kristallisierte sich schließlich eine klare Dreiteilung heraus: ein neuer Park, der Erhalt des Flohmarkts und die Stärkung des Bauernmarkts durch verbesserte Infrastruktur.
Aus diesem Prozess ging der Wettbewerbsentwurf von Mostlikely Architecture als Sieger hervor. Entscheidend war dabei die Haltung, den Markt als sozialen Raum neu zu interpretieren.
Räumliche Durchlässigkeit
Der Marktraum bildet heute das neue Entrée des Naschmarkts. Seine Position vermittelt zwischen Marktamt, bestehenden Holzpavillons, dem neuen Naschpark und der geplanten Umgestaltung des Flohmarktareals. Statt den Markt zu unterbrechen, setzt der Bau die Logik der Marktzeilen fort: Die Haupteingänge liegen exakt auf den Achsen der bestehenden Wege, sodass die Halle wie selbstverständlich durchquert und nicht als Hindernis wahrgenommen wird.
Diese Durchlässigkeit ist ein zentrales Entwurfsmotiv. Großflächig öffenbare Fassaden, ein zentraler öffentlicher Durchgang und visuelle Bezüge zum Vorplatz, zum Markt und zur Umgebung machen den Bau zu einem verbindenden Element im Marktgefüge. Besonders im geöffneten Zustand wird der Marktraum weniger als Gebäude, denn als überdachter Stadtraum lesbar.
Architektur als soziale Infrastruktur
Inhaltlich versteht sich der Marktraum explizit als konsumfreier sozialer Ort. Zwar ist er Heimat von zwölf Marktständen, einer Marktbar und gastronomischen Angeboten, doch das Herzstück ist die lange Markttafel: ein Ort des Zusammensitzens, des Austauschs und der Begegnung. Hier kann man verweilen, ohne konsumieren zu müssen – ein bewusster Gegenentwurf zur fortschreitenden Gastronomisierung innerstädtischer Märkte, der auch den Naschmarkt zunehmend prägt.
Ergänzt wird das Raumprogramm durch einen Workshopraum mit angeschlossener Küche. Dieses „Markträumchen“ ermöglicht Kochkurse, Veranstaltungen und Bildungsformate rund um Ernährung, Nachhaltigkeit und regionale Lebensmittelproduktion. Der Markt wird damit zum Wissensort und sozialen Knotenpunkt – nicht nur für Händler:innen, sondern auch für die Nachbarschaft.
Leichtbau über dem Wienfluss
Konstruktiv reagiert der Bau sensibel auf seinen besonderen Ort. Der Marktraum ruht auf schlanken Stahlstützen über dem historischen Wienflussgewölbe. Dieses wurde während der Bauzeit freigelegt, überprüft und dauerhaft überwacht. Auf dem Bestand liegt nun eine neue Bodenplatte, die den leichten Holzbau trägt.
Das Tragwerk besteht aus gespannten Leimbindern, die Decke aus Brettsperrholzelementen (BSH). Die Lastabtragung erfolgt über filigrane Stahlstützen, um größtmögliche Offenheit und Transparenz zu gewährleisten – ein Anspruch, der bereits im Wettbewerb und von der Jury klar formuliert war.
Gegen die Standardbox
Besondere Aufmerksamkeit widmete das Planungsteam der Entwicklung der Marktstände selbst. Bereits im Wettbewerbsverfahren war klar, dass der Marktraum keine homogene Markthalle mit standardisierten Boxen werden sollte, sondern eine robuste, anpassungsfähige Infrastruktur, die den sehr unterschiedlichen Anforderungen der zukünftigen Standbetreiber:innen gerecht wird. Die Marktstände sind als eigenständige Holzbauten innerhalb der Halle konzipiert und variieren bewusst in Ausstattung und Öffnungsgrad. Während einige Stände über Entlüftungen, Wasseranschlüsse und technische Vorrüstungen verfügen, um Kochen oder Backen vor Ort zu ermöglichen, sind andere als bewusst einfache Verkaufsflächen ausgeführt. Die Stände lassen sich teilweise vollständig öffnen, andere funktionieren als klar gefasste Einheiten. So entsteht eine räumliche Vielfalt, die auf die jeweiligen Produkte, Arbeitsabläufe und Präsentationsformen reagiert – von frischen Lebensmitteln über verarbeitete Produkte bis hin zu gastronomischen Angeboten.
Materialität und Konstruktion der Stände folgen dem übergeordneten architektonischen Konzept: Holz als primäres Baumaterial sorgt für Robustheit, Reparierbarkeit und eine warme Atmosphäre. Gleichzeitig sind die Einbauten so ausgeführt, dass sie sich im Laufe der Zeit anpassen, umbauen oder austauschen lassen. Der Marktraum bleibt damit offen für zukünftige Veränderungen – ein wichtiger Aspekt für einen Markt, der nicht als statisches Gebäude, sondern als langfristige soziale Infrastruktur gedacht ist.
Materialität und Atmosphäre
Die äußere Erscheinung des Marktraums ist geprägt von einer grün lasierten Lärchenfassade, die das charakteristische Farbspektrum des Naschmarkts aufgreift. Anstatt historisierend zu zitieren, übersetzt sie die bestehende Typologie der Marktstände – mit Falt- und Schiebeläden, Dreiteilung und Beschriftung – in eine zeitgemäße Architektursprache.
Im Inneren dominieren hell geölte Eichenoberflächen, die dem Raum Wärme und Helligkeit verleihen. Die Decke aus Holzlamellen zieht sich nahtlos von innen nach außen und verstärkt den Eindruck eines zusammenhängenden Raums unter einem schützenden Dach. Hinter den Lamellen verbirgt sich unauffällig die deckengeführte Gebäudetechnik.
Besonderes Augenmerk galt dem Boden: Ein durchgehender Terrazzoboden in changierenden Rosétönen, gefertigt von der lokalen Firma Gierer, verbindet Innen- und Außenraum. Das Verlegemuster nimmt jenes des Naschmarkts auf und führt es in kräftigerer Farbigkeit fort – ein subtiler, aber wirkungsvoller Beitrag zur räumlichen Kontinuität.
Robuste Systeme, offene Räume
Der Marktraum ist bewusst kein klassisch beheiztes oder klimatisiertes Gebäude. Stattdessen sorgen unterstützende Heiz- und Kühlsysteme für moderate Temperaturunterschiede. Der massive Terrazzoboden dient dabei als thermisches Speichervolumen. Eine große Luftwärmepumpe, automatische Fensterlüftung und der weitgehende Verzicht auf aufwendige Technik unterstreichen den Low-Tech-Ansatz.
Ziel ist ein robustes, langlebiges Gebäude, das sich saisonal verändert: Im Sommer öffnen sich die Fassaden vollständig, die Halle wird zur Überdachung im Freien. An der Südseite sorgen ausfahrbare Markisen für zusätzlichen Sonnenschutz.
Über dem Naschmarkt
Ein weiteres wesentliches Element des Entwurfs ist die öffentlich zugängliche, begrünte Dachterrasse. Mit einem Substrataufbau von bis zu 60 Zentimetern ermöglicht sie auch größeren Pflanzen das Wachsen. Die Pflanzgefäße sind dabei strategisch über den tragenden Stahlstützen angeordnet und Teil eines statisch wie räumlich abgestimmten Systems.
Als konsumfreier Stadtbalkon bietet die Terrasse neue Perspektiven auf den Markt, die Wienzeile und den Naschpark. Hochwertiges, individuell entworfenes Stadtmobiliar unterstützt diesen Anspruch: Sitz- und Liegeelemente, Tische und Aufenthaltsinseln sind bewusst nicht als flüchtige Ausstattung, sondern als dauerhafte Bestandteile des architektonischen Konzepts gedacht. In Materialität, Maßstäblichkeit und Robustheit auf den Ort abgestimmt, fördern sie unterschiedliche Formen des Aufenthalts – vom kurzen Verweilen bis zum längeren Aufenthalt.
Die Entscheidung für langlebiges, hochwertiges Mobiliar folgt dabei einer klaren Haltung: Öffentliche Räume werden dort angenommen und respektiert, wo Gestaltung Wertigkeit vermittelt. Die Dachterrasse wird so nicht nur zur grünen Ergänzung des Marktraums, sondern zu einem eigenständigen, alltäglich nutzbaren Stadtraum über dem Markt – ruhig, offen und bewusst konsumfrei.
Ein Markt im Wandel
Der Marktraum bildet das gebaute Herz eines mehrstufigen Entwicklungsplans. Der Naschpark wurde bereits eröffnet und dient als grüne Lunge und Treffpunkt. In den kommenden Jahren folgen die Umgestaltung des Areals vor dem Marktraum zur weiteren Stärkung des Bauernmarkts sowie die Neugestaltung der östlichen Flächen rund um Flohmarkt und Kettenbrücke als multifunktionaler Stadtraum. Gemeinsam bilden diese Bausteine ein neues urbanes Gefüge, in dem Markt, Park und öffentlicher Raum ineinandergreifen.
Marktraum Naschmarkt
Wien, Mariahilf
Bauherr: Stadt Wien / MA 59
Planung: Mostlikely Architecture ZT GmbH
Projektleitung: D.I. Mark Neuner / D.I. Marc Werner
Team: Christian Höhl, Marlene Lötsch, Fabian Haslinger, Irina Nalis, Felix Redmann, Laura Bein, Ritger Traag, Soňa Langová, Xinxin Qiu, Carla Kar, Mal Ballata, Soryun Lee, Gil Grassmann, Sabine Schertler
Projektsteuerung/ÖBA: Wiener Gewässer Management
Landschaftsplanung: D\D Landschaftsplanung
Marktexpertise: Thomas de Martin
Statik: Bollinger + Grohmann
TGA: Bauklimatik & Allplan
Tiefbau: Axis Ingenieure
Wettbewerb: EU-weiter Realisierungswettbewerb, 1. Preis
Planungsbeginn: 2017 (Vorläuferprojekt „Park macht Platz“)
Realisierung: 2024–2025
Text: Andreas Laser
Fotos: Mostlikely Architecture &, Felix Redmann
Kategorie: Projekte















