Ein Übungsstück tektonischer Archäologie
Im Zuge eines Renovierungsauftrags verwandelte das baskische Studio ELE Arkitektura einen 105 m² großen Wohnraum in Durango aus den 70er-Jahren in ein modernes Zuhause für ein junges Paar, das vom Land in die Stadt ziehen wollte. Im Spannungsfeld zwischen der robusten, bestehenden Stahlbetonkonstruktion und neuen, funktionalen Schichten ist ein harmonisches Zusammenspiel von Alt und Neu entstanden, das Architektur und Möbel nahtlos integriert.
Eduardo Landia Ormaetxea und Eloi Landia Ormaetxea – kurz ELE Arkitektura – verstehen das Renovierungsprojekt EK House als eine Art tektonische Archäologie. Denn im Zuge des Entwurfsprozesses und der Umsetzung des Konzepts für die 105 m² große Wohnung ging es den Architekten aus dem Baskenland auch um die schichtweise Freilegung und Analyse baulicher Strukturen, um deren historische Materialität, Konstruktion und Evolution sichtbar zu machen und architektonisch neu zu interpretieren. Die „Ausgrabungsstätte“: ein Wohnblock aus den 70er-Jahren in Durango, einer kleinen Gemeinde in der nordspanischen Provinz Bizkaia.
Atmosphäre aus Alt und Neu
„Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Haus, das ganz aus dem Vorhandenen heraus entstanden ist, um das herum alles neu organisiert wurde“, erinnern sich die Architekten an den Augenblick der Abbrucharbeiten, als eine monolithische Stahlbetonkonstruktion zum Vorschein kam, die seitlich von zwei Trennwänden aus Sandsteinmauerwerk gestützt wurde. „Mit unserem Entwurf haben wir nach einem Gleichgewicht zwischen einer sehr materiellen, rauen, historischen Hülle im Gegensatz zu einer weicheren und wärmeren zeitgenössischen Materialität gesucht.“ Das Freilegen der vorhandenen Bausubstanz sehen ELE Arkitektura als Versuch, die Struktur der bestehenden Wände hervorzuheben, indem zwei ergänzende Schichten hinzugefügt wurden, die das Raumprogramm und die Möblierung organisieren.
Die erste Schicht aus Pappelsperrholz schafft einen zentralen rechteckigen Ring, der die Wach- und Ruheräume voneinander trennt und eine dicke programmatische Wand bildet, die Schrank, Beleuchtung, Türen und weitere Funktionen beherbergt. Der zweite Layer formalisiert alle Einbaumöbel und priorisiert jeden Raum entsprechend seiner zugewiesenen Nutzung. Diese Elemente wurden mit kleinen Fliesen modelliert und dadurch visuell aufgelöst. „Wir haben uns dem Projekt durch das Prinzip der Überlagerung von Schichten angenähert, die die konstruktive Logik jeder Epoche chronologisch widerspiegeln“, erklären Eduardo Landia Ormaetxea und Eloi Landia Ormaetxea die Balance zwischen traditionellen Architekturstilen und zeitgenössischen Interventionen. „Unser Ziel bestand darin, die konstruktive Aufrichtigkeit angefangen bei den Sandstein-Mauerwerkswänden von vor über 100 Jahren über die monolithische Stahlbetonkonstruktion aus den 1970er-Jahren bis hin zu den letzten beiden Schichten aus Sperrholz und zeitgenössischen Fliesenmöbeln beizubehalten.“
Lokalkolorit
Durch ihre Herangehensweise ist es den Architekten gelungen, die charakteristischen Merkmale – die Atmosphäre, Eigenart und Identität – dieses speziellen Ortes hervorzuheben. Denn die traditionelle Bauweise, die regionalen Materialien sowie ortstypischen Farben und Formen vermitteln ein Gefühl für die Einzigartigkeit dieses Ortes. Das Zurückgreifen auf lokale Baustoffe, Techniken und Handwerksfirmen sehen die Architekten nicht nur als Vorteil im Sinne einer umfassenden Nachhaltigkeit: Auch die Dauer der Umsetzung habe sich dadurch verkürzen und der ökologische Fußabdruck reduzieren lassen: „Das Gebäude wurde darüber hinaus mit umweltfreundlichen Materialien isoliert, die eine geringe Umweltbelastung aufweisen und gleichzeitig für gute Belüftung sowie ausreichend natürliches Sonnenlicht sorgen.“ Die umgebende Vegetation wurde durch einen kleinen Garten im Wohnzimmer in das Haus integriert und damit zum zentralen Gestaltungselement, das den Wunsch der Bewohner widerspiegelt, eine gewisse Verbindung zu ihrem alten Leben auf dem Land aufrechtzuerhalten.
Im Dialog mit dem Bestehenden
Der baskische Künstler Jorge Oteiza sagte: „Wer voranschreitet und etwas Neues schafft, tut dies wie ein Ruderer, der sich vorwärts bewegt, aber rückwärts rudert – nach hinten schaut, in die Vergangenheit, auf das Bestehende –, um dessen Schlüssel neu zu erfinden.“ ELE Arkitektura versuchen aus diesem Verständnis heraus, diese Logik in all ihre Projekte miteinzubeziehen – so auch beim EK House. „Die Wertigkeit und der Wert des Materials sind in dieser Intervention vollständig präsent. Aus einer eher konzeptionellen Sichtweise könnte die Beziehung zwischen Materie und Leere, die sich in den blauen Nischen manifestiert, Anklänge an die Theorien von Oteizas Skulpturen wecken.“
Die wichtigste Referenz der baskischen Volksarchitektur ist die Typologie des baskischen Bauernhauses: Monolithische Konstruktionen mit rechteckigem Grundriss, bestehend aus dicken Steinmauern und kleinen Fenstern, Innen- und Dachkonstruktionen aus Massivholz und einem Dach aus arabischen Keramikziegeln. Diese Konstruktionen wurden als ländliche Fabriken konzipiert, die Ställe, Scheunen und Wohnräume kombinierten. „Diese Bautradition sowie die geografischen und meteorologischen Gegebenheiten unseres Gebiets sind unvermeidliche Variablen und stets im Unterbewusstsein unserer Arbeit präsent: bei der Wahl der Materialien und Bausysteme, beim Schutz vor Wasser und bei der Suche nach Sonnenlicht. Wir interessieren uns sehr für die baskische Kunst- und Architekturtradition der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die materielle Verarbeitung von Bildhauern wie Jorge Oteiza und die formalen Experimente von Architekten wie Francisco Javier Sáenz de Oiza oder Juan Daniel Fullaondo gehören immer zu unseren Referenzen.“
Dieses Verständnis spiegelt sich auch in der Wahl der Materialien wider, wobei jedes einzelne spezifische funktionale Anforderungen erfüllt. Pappelsperrholz ist zum einen ein sehr stabiles und wirtschaftliches Material, darüber hinaus bildet es hochglanzlackiert einen gelungenen Kontrast zur Rauheit des Betons – schön zu sehen bei den Verkleidungen, Türen und Möbeln in monolithischer Bauweise. Die 5 x 5 cm kleinen Fliesen erweisen sich zum anderen als äußerst vielseitig, wenn es um den Bau von Möbeln geht, da sie aufgrund ihrer geringen Größe an verschiedene Module angepasst werden können. Diese Schicht wurde für Elemente mit intensiverer Beanspruchung wie Arbeitsplatten, Duschbereiche und Möbel ausgewählt. „Die farbige Verfugung der Fliesen hat es uns ermöglicht, die Werkstücke mit den blauen Nischen zu verbinden“, erklären die Architekten und fügen abschließend hinzu, „generell gesehen könnte man sagen, dass die ausgewählten Materialien immer noch traditionelle Materialien sind. Die Modernität liegt im Design jedes Elements und seiner Position im Raum. Darüber hinaus betonen die übereinander liegenden sekundären Schichten wie Farbe, Beleuchtung, Vegetation usw. die zeitgenössische Atmosphäre.“
EK House
Durango, Bizkaia, Spanien
Bauherr: Ekaitz Ramirez
Planung: ELE Arkitektura: Eduardo Landia Ormaetxea, Eloi Landia Ormaetxea
Team: Sara Enriquez, Sara Truelsen
Baufläche: 120 m²
Nutzfläche: 105 m²
Planungsbeginn: 04/2022
Bauzeit: 10 Monate
Fertigstellung: 02/2023
Baukosten: 60.000 EUR
Text: Linda Pezzei
Fotos: Aitor Estevez Olaizola
Kategorie: Projekte












