Ein UFO in Slowenien

29. September 2014 Mehr

KSEVT / Vitanje / OFIS architects, Bevk Perovic Arhitekti, Dekleva Gregoric Arhitekti, Sadar Vuga Arhitekti
Das ‚Cultural Center of European Space Technologies‘ (KSEVT) soll die kulturellen und sozialen Aktivitäten des ehemaligen Gemeindezentrums der Stadt Vitanje in Slowenien verstärken und ihnen zu neuer Geltung verhelfen. Die Nutzung und das Programm des neuen Gebäudes beinhalten sowohl kulturelle wie auch wissenschaftliche Aktivitäten. Beide Gebiete beschäftigen sich mit dem Phänomen der ‚Kultivierung des Weltraumes‘. 

Abgesehen von den Inhalten und Programmen ist auch die Entstehungsgeschichte der Architektur bemerkenswert. Beim ersten Treffen der Investoren mit den vier Architekturbüros – OFIS architects, Bevk Perovic Arhitekti, Dekleva Gregoric Arhitekti und Sadar Vuga Arhitekti – wollte der Auftraggeber einen internen, geladenen Wettbewerb veranstalten. Die vier Büros entschieden sich jedoch, zusammen zu arbeiten. Das Konzept wurde in unzähligen gemeinsamen Sitzungen und Workshops erarbeitet und auch die Ausführung entstand in einer Kooperation aller vier Büros.

KSEVT ist ein öffentlicher Bau, der soziale, kulturelle und wissenschaftliche Aufgaben übernimmt. Gleichzeitig beherbergt er Ausstellungen, Konferenzen und Studier- und Forschungsmöglichkeiten. Die Architektur stellt zwei ineinander verschobene Ringe dar. Einer liegt auf dem anderen und so verbinden sich in ihnen die zwei Bauteile zu einem einzigen: ein Gemeindezentrum mit einer kreisförmigen Mehrzweckhalle und örtlicher Bibliothek – und eben das Museum der Raumfahrttechnologie mit Ausstellungen und Forschungsbereichen.
Das Entwurfskonzept und die Form beziehen sich auf den radförmigen Wohnteil der ersten Weltraumstation, die Herman Potocnik Noordung im Jahr 1929 beschrieben hat. Der Hauptausstellungsbereich umschließt die runde Haupthalle, die durch eine kreisförmige Deckenöffnung ihrerseits mit den in der oberen Ebene befindlichen Forschungsbereichen verbunden ist. So wird eine Interaktion zwischen den örtlichen Veranstaltungen und den wissenschaftlichen Programmen der KSEVT ermöglicht.
Das Bauwerk überragt die Größe der gewöhnlichen Häuser des Dorfes und durch sein Volumen und den dynamischen Ausdruck stellt es einen Kontrast zu der auf einem kleinen Hügel in der Stadtmitte sitzenden Kirche dar. Es repräsentiert symbolisch Wissenschaft und Kultur als Gegenpart zu Religion und Kirche.

Die Architektur wurde als monolithische Stahlbetonstruktur realisiert, sie steht frei zwischen der Hauptstraße und einer grünen Geländestufe im Hintergrund. Das Äußere und Innere des Gebäudes besteht aus zwei niedrigen Zylindern. Der Untere ist etwas größer und steigt langsam von Nord nach Süd an, der Obere ist kleiner und steigt von Süd nach Nord. Der Untere liegt auf, oder wird unterstützt von der kreisförmigen Glasfläche des Eingangs. Um den größeren der beiden zeiht sich eine weitere ringförmige Zylinderfläche – hinter ihr sind die Fenster und Lichtöffnungen verborgen. Alle Außenflächen sind mit Aluminium verkleidet.

Von außen ergibt sich ein sehr dynamischer Eindruck, da beide Zylinder sozusagen auf einer rund herumlaufenden Glasfläche sitzen. Das Gebäude scheint in der Luft zu rotieren und zu schweben, zu landen oder gerade abzuheben. Durch die Verschränkung der beiden Zylinder ineinander verschmelzen auch die Oberflächen aus Metall. Dieser räumliche Effekt gibt dem Körper den Anschein einer künstlichen Gravitation aus einer Drehung heraus.

Das Bauwerk hat zwei Eingänge: den Haupteingang in die zentrale Halle von einem quadratischen Platz an der südöstlichen Seite und den nördlichen Zugang von einer Kiesfläche auf einer Geländestufe aus. Der Haupteingang wird von der Auskragung des unteren Zylinders überdeckt. Man kommt über einen kurzen Zwischenbereich des kreissegmentförmigen Eingangs in die zentrale Halle. Dieses Vestibül kann von der Halle durch einen Vorhang räumlich getrennt werden, die äußeren Glaswände komplett geöffnet und so der Bereich für den davorliegenden Platz und den Außenraum mitbenutzbar werden. Die kreisförmige Halle, die circa 300 Personen umfasst, wird beidseitig von halbkreisförmigen Rampen gefasst. Diese kennzeichnen den Beginn der Ausstellungsfläche und führen in den überhängenden Teil des größeren Zylinders.

An der Westseite befinden sich kleinere Büros entlang der Rampe. Wenn man die Rampe hinaufsteigt, erlebt man auch den Übergang von der Helligkeit des Zentralraumes in die abgedunkelten Ausstellungsbereiche. Eine vertikale Erschließung durch ein Stiegenhaus und große Lifte ermöglichen auch einen direkten Zugang vom Vestibül aus.
Der Ausstellungsbereich setzt sich vom Austritt des Stiegenhauses in den kleineren, oberen Zylinder weiter fort. Dort findet man die Mehrzweckhalle und ein erhöht liegendes Auditorium, das über der Zentralhalle liegt. Von hier aus kann man auch die Aktivitäten im unteren Bereich beobachten. Der kleinere, obere Zylinder wird in seiner obersten Ecke im nördlichsten Teil von einem Clubbereich begrenzt. Er ist den Forschern und Wissenschaftlern vorbehalten. Hier können sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren.

 

Cultural Center of European Space Technologies
Vitanje, Slowenien

Bauherr: KSEVT, Vitanje Community and Ministry of Culture, Slovenia
Planung: OFIS architects, Bevk Perovic Arhitekti, Dekleva Gregoric Arhitekti, Sadar Vuga Arhitekti
Statik: Sector Inzeniring d.o.o
Grundstücksfläche: 33.305 m2
Bebaute: Fläche 2.241 m2
Nutzfläche: 5.175 m2
Planungsbeginn: 2009
Fertigstellung: 2012
Baukosten: 3,2 Mio. Euro

Wie ein UFO, das gerade gelandet ist, erscheint das ‚Cultural Center of European Space Technologies‘ zwischen der Kirche des Ortes und dem Hügel im Hintergrund in Svitanje/Slowenien.

Vitanje war die Heimatstadt der Großeltern von Herman Potocnik Noordung, dem ersten Weltraumtheoretiker. 1929 veröffentlichte der Visionär sein einziges Buch mit dem etwas sperrigen Titel ,Das Problem der Befahrung des Weltraums – Der Raketenmotor‘. Er beschrieb darin seine Visionen von einer Realisierung von Raumstationen und geostationären Satelliten. Noordung‘s Raumstation war als ein in der Erdumlaufbahn stationierter Satellit aus drei Teilen gedacht. Detailliert beschrieb er die einzelnen Module der Raumstation: Das ‚Wohnrad‘, das zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft permanent rotieren sollte, ein Kraftwerk, das über Parabolspiegel Energie aus der Sonnenstrahlung gewinnen sollte, und ein Observatorium. Die drei Teile sollten über Kabel verbunden sein. Nach einigen Jahrzehnten des Nachdenkens über Wohnen im Weltall, stellte sich diese Idee zwar als die revolutionärste aber eine nie realisierte heraus. Das sich ständig drehende Habitat erzeugt eine künstliche Gravitation und ist so die beste Lösung für einen langen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit des Weltalls.

Fotos: Miran Kambic, Tomaz Gregoric

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Kategorie: Projekte

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