Ein urbaner Setzkasten

12. Juni 2025 Mehr

Mit ihrem ersten Wohnhochhaus haben Franz&Sue im Wiener Nordbahnviertel ein ebenso präzises wie poetisches Statement gesetzt. Auf 21 Geschossen verbindet das Projekt am Rand der „Freien Mitte“ dichte Urbanität mit der Weite einer bewahrten Stadtwildnis. Dabei geht es um mehr als spektakuläre Ausblicke: Das Hochhaus will sowohl Landmarke als auch integrativer Bestandteil eines zukunftsweisenden Stadtquartiers sein.

 

 

Das Nordbahnhofareal im 2. Wiener Gemeindebezirk zählt zu den größten innerstädtischen Entwicklungsgebieten Europas. Wo einst Güterzüge rollten, entsteht heute ein vielfältiges Stadtquartier mit Schulen, Wohnhäusern, Büros und großzügigen Freiräumen. Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist die sogenannte „Freie Mitte“ – eine weitgehend ungestaltete Grünfläche, die als öffentliche Stadtwildnis erhalten bleibt. Schon im ursprünglichen städtebaulichen Wettbewerb war vorgesehen, punktuell Hochhäuser entlang dieser Grünzone zu platzieren, um urbane Dichte mit dem offenen Landschaftsraum zu verzahnen. Franz&Sue realisierten nun mit ihrem Projekt den „Schlussstein“ dieser Entwicklung.

 

 

Eine Fassade voller Geschichten

In einer leichten Drehung und mit einem feinen Knick in der Kubatur öffnet sich der Baukörper zur grünen Mitte hin und schafft auf diese Weise eine vitale Verbindung zwischen gebauter Stadt und freier Landschaft. Diese Geste der Öffnung setzt sich in der Gestaltung der Fassade fort. Inspiriert von der Handarbeit eines gestrickten Musters, legen sich unterschiedlich ausgeführte Balkonbrüstungen wie ein zartes Strickwerk über die weiße Gebäudeschale. Drei verschiedene Balkongitter-Varianten erzeugen eine lebendige Struktur, die dem Hochhaus eine subtile Eleganz verleiht, ohne modisch zu wirken – ein bewusster Entwurf für eine langfristige architektonische Relevanz. Jede Wohnung öffnet sich auf private Freiräume, die wie Verlängerungen des benachbarten Parks wirken und Ausblicke sowohl auf die Stadt als auch auf die freie Mitte erlauben. Doch hinter der poetischen Anmutung steckt ein pragmatischer Gedanke: Das Haus ist so gestaltet, dass es die Aneignung durch seine Bewohner aushält. Jeder Balkon, jede Loggia wird zum individuellen Ausdrucksort, ohne dass das Gesamtbild darunter leidet. Das Gebäude funktioniert wie ein großer Setzkasten, der Vielfalt ermöglicht, ohne ins Beliebige zu kippen – eine Qualität, die viele kleinteiliger gedachte Projekte vermissen lassen und die gerade im Hochhausbau entscheidend ist, um die Balance zwischen Individualität und urbaner Ordnung zu bewahren.

 

 

Lebendige Gemeinschaft

Wesentlich für die Identität des Projekts ist auch die kluge Interpretation der Sockel- und Gemeinschaftsbereiche. Während viele Hochhäuser verschlossene Erdgeschosse aufweisen, öffnet sich dieses Gebäude großzügig zum öffentlichen Raum. Eine Lobby, ein gut angenommener Coworking-Space, großzügige Fahrradgaragen sowie bald ein Fitness­center aktivieren die Erdgeschosszone nachhaltig. Auf dem Sockelgeschoss bieten zusätzliche Gemeinschaftsbereiche wie eine große Freiluftküche mit Indoor- und Outdoorbereich sowie eine Sauna den Bewohner:innen Orte für Begegnung und Austausch. Zwei Wohneinheiten verfügen hier zudem über kleine private Gärten. Die hervorragende Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, mit zwei Straßenbahnlinien direkt vor der Tür, die das Viertel erschließen, stärkt zusätzlich die Verknüpfung des Gebäudes mit dem städtischen Leben.

 

 

Räume für heute und morgen

Die Wohnungstypologien richten sich vor allem an die gehobene Mittelschicht – zwei- bis vier-Zimmerwohnungen prägen das Angebot, ergänzt durch großzügigere Einheiten in den obersten Geschossen, die mit leicht erhöhten Raumhöhen ausgestattet sind. Die Grundrisse sind flexibel angelegt: Eine zentrale Erschließung und ein reduzierter Anteil tragender Innenwände ermöglichen es, die Wohnungszuschnitte mittelfristig an veränderte Bedürfnisse anzupassen. Diese Offenheit im Grundriss bietet eine nachhaltige Grundlage für unterschiedliche Lebensentwürfe – von Familien über Paare bis hin zu Menschen, die Wohnen und Arbeiten kombinieren wollen.

 

 

Neben der Qualität der Raumaufteilung trägt auch die technische Infrastruktur entscheidend zum Komfort bei. Beheizung und Kühlung erfolgen über die Decken, gespeist durch Fernwärme und Fernkälte – eine besonders angenehme, zugfreie und energieeffiziente Art der Raumtemperierung.

Materialität und Atmosphäre folgen einer klaren, jedoch warmen Architektursprache. In den Gemeinschaftsbereichen bleibt das massive Betontragwerk sichtbar, ergänzt durch Holzapplikationen, die dem robusten Rahmen eine wohnliche Note verleihen. In den Wohnungen selbst wird eine klassische, zeitlose Gestaltung gepflegt, die auf Langlebigkeit und Alltagstauglichkeit setzt.

 

 

Stadtbaustein mit Weitblick

Das Projekt, das im Rahmen eines nicht offenen Realisierungswettbewerbs entstand und inzwischen mit Auszeichnungen wie dem „best architects 25“, dem „klimaaktiv Gold“-Zertifikat und dem FIABCI Prix d’Excellence Austria gewürdigt wurde, zeugt von einem architektonischen Selbstverständnis, das über reine Zweckmäßigkeit hinausgeht. Hier wurde ein Hochhaus realisiert, das nicht nur den Blick über Wien freigibt, sondern selbst als Teil der Stadtlandschaft mitwirkt, neue urbane Perspektiven eröffnet und Raum für individuelle Geschichten bietet – wie ein großer urbaner Setzkasten, der auf Dauer lebendig bleibt.

 

 

Wohnhochhaus Nordbahnhof
Wien

Bauherr: KIBB Immobilien GmbH
Planung: Franz&Sue ZT GmbH
Team: Ursula Gau (PL), Björn Haunschmid-Wakolbinger, Dieter Fellner, Katarína Martoňáková, Johannes Tiefenthaler, Milica Simic, Kateřina Kunzová, Zsuzsanna Balla, Judith Mayr, Zsolt Toarniczky, Pavlo Kukurudz

Statik, Bauphysik, Thermische Gebäudesimulation, Gebäudetechnik: Dr. Roland Mischek ZT GmbH
Brandschutzplanung: DI Erich Röhrer
Landschaftsplanung: EGKK

Bebaute Fläche: ca. 1.250 m²
Bruttogeschossfläche: 23.603 m²
Nutzfläche: 17.600 m²
Planungsbeginn: 2019
Fertigstellung: 2024

www.franzundsue.at

 

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Hertha Hurnaus

Kategorie: Projekte